In Casserras angelangt, ging ich am 23. October Nachmittags zum Logis des Grafen de España, mich zu melden; ein Ordonnanz-Officier überbrachte meine Papiere dem General, der als Antwort mir und den beiden mich begleitenden Officieren den Befehl sandte, uns als arretirt auf die Hauptwache zu begeben. Meine Cameraden fluchten und verwünschten den launigen alten Narren, wie sie wüthend ihn nannten; ich beschloß, entschieden dem herrischen Mann entgegenzutreten. Der die Wache habende Officier erzählte uns tröstend, daß die Wachzimmer, wo der General gerade weilte, stets mit Officieren angefüllt seien, und daß er selbst vor kurzem zehntägigen Arrest gehabt habe, den er nur dem Zufalle zuschreiben könne, daß er vor dem Logis des Generals einem jungen Mädchen zunickte, da unmittelbar nachher ein Adjudant ihm ohne weiteren Grund die Ordre gebracht habe, sich als Arrestant zu stellen. Andere Anwesende erzählten da noch manche Sonderbarkeit des Grafen, indem sie ruhig hinzufügten: „so ist einmal unser Alter.“[99]

Noch am Abend schrieb ich in festem Tone an den General, ihn bittend, da ich auf eine Art mich empfangen sähe, die ein Officier unter meinen Umständen gewiß nicht erwarten dürfe, mich sogleich nach der Strenge der Gesetze zu richten, und wenn ich unschuldig befunden sei, mich dem Feinde gegenüber zu stellen, oder mir zu erlauben, nach dem Heere von Aragon zurückzukehren, um dort ferner für die Sache des Königs zu kämpfen. Dann legte ich mich, in den Mantel gehüllt, auf einen Tisch schlafen, nicht gerade den angenehmsten Gefühlen hingegeben.

Um drei Uhr schon weckte mich die Reveille, die, von den Musikchören und den Banden der fünf im Flecken stationirten Bataillone ausgeführt und alle Straßen durchziehend, auch den Schlaftrunkensten plötzlich munter machte.

Stunde auf Stunde verging, die Zeit wurde mir lang. Endlich ritt der General, von wenigen Officieren begleitet, zu einer Musterung, von der er gegen Mittag zurückkam; ich sah einen kräftig das Pferd bändigenden Greis, untersetzt und wohl beleibt, mit der goldgestickten Uniform, dem dreieckigen Hute und der seidenen Schärpe, die den spanischen General auszeichnen. Ein Adjudant half ihm beim Absteigen, worauf er leicht in das Haus trat. Wenige Augenblicke nachher eilte derselbe Officier, der uns gestern nach der Wache beordert hatte, über die Straße und theilte mir den Befehl des Generals mit, sofort vor ihm zu erscheinen.

Ich fand ihn auf der obern Flur des Hauses, welches einfach, wie jedes große Bauernhaus, und mit sehr massiven hölzernen Meubles versehen war. Der Graf, sieben und sechszig Jahr alt, hatte mit der Elasticität der Jugend keinesweges ihr Feuer und wenig von ihrer Kraft verloren; sein Auge, geistreich und durchdringend, strahlte in hoher Lebendigkeit, wenige greise Haare umgaben die edel gewölbte Stirn, und ein leichtes Lächeln um den Mund machte den Eindruck der imponirend majestätischen Züge sehr einnehmend. Er empfing mich äußerst artig und führte mich in sein Privat-Zimmerchen, wo er mir sein Bedauern über die unbequeme Nacht ausdrückte, die er mir verursachte, indem er hinzufügte, daß sein Adjudant mich als Franzosen genannt habe, gegen welche Nation er, obgleich selbst der Geburt nach ihr angehörend, den größten Widerwillen hege. Übrigens sei unter den obwaltenden Verhältnissen Verdacht und Mißtrauen so natürlich, daß dadurch auch die äußerste Vorsicht gerechtfertigt werde.

Dann befragte mich der Graf über den Zustand der Armee Cabrera’s, über ihren Geist und besonders über den Eindruck, den der Verrath Maroto’s auf sie machte. Da ich ihm erwiederte, daß bisher sehr wenig davon bekannt und ich selbst in der That nicht von ihrem Umfange unterrichtet sei, schilderte er mir in glühenden Worten die Schandthat des Erbärmlichen und die Folgen, welche sie für das Heer und den Monarchen gehabt hatte. Furchtbarer Unwille sprach sich in Wort und Mienen aus, seine Augen sprühten Verachtung und den Wunsch der Rache. Der biedere, bis zum Tode seinem Könige unwandelbar ergebene Greis konnte solche Niedrigkeit nicht fassen.

Er befragte mich ferner über die Officiere, welche mich dorthin begleitet hatten, und sprach seine Absicht aus, sie nach Frankreich zu senden, da er nicht wage, in solcher Zeit ihm unbekannte Officiere in die Armee aufzunehmen. Dann examinirte er mich über tausend verschiedene Gegenstände, in jedem Fache gleich bewandert sich zeigend, und sprach mit Theilnahme über den Obersten Baron von Rahden, der einige Zeit bei ihm sich aufgehalten hatte und dann trotz dem Widerstreben des Generals auf Befehl des Königs zur Armee von Cabrera abgehen mußte. Er bedauerte noch immer dessen Abreise, da er ihm nicht nur durch seine Kenntnisse äußerst nützlich, sondern auch lieb gewesen sei als Gesellschafter und wahrer Edelmann, deren er leider so wenige in seinen Umgebungen zähle.

Das Diner war indessen servirt, und ich mußte an der Seite des Grafen Platz nehmen; sein Secretair, ein Adjudant und ein so eben mit Aufträgen des Königs aus Frankreich angelangter Beamter bildeten die Gesellschaft. Die Unterhaltung war leicht, und der alte Graf belebte sie durch häufige Scherze; auch rief er wohl mit einem ungeheuren Sprachrohre, wie sie auf Schiffen üblich sind, den vorübergehenden Mädchen Thorheiten zu, weidlich über die Bestürzung lachend, die die Donnerstimme ihnen erregte, oder er neckte einen gigantischen Ziegenbock,[100] den er Maroto getauft hatte. Dazwischen befahl er, einem entlassenen christinoschen Soldaten, der, des Spionirens verdächtig, zwischen unsern Colonnen aufgefangen war, funfzig Stockprügel zu geben und ihn bis zum Fuß des Galgens mit dem vollständigen Apparat des Hängens zu führen, worauf er durch eine Ordonnanz ihm Begnadigung verkünden ließ, die dem armen Teufel, der Rettung schon für unmöglich gehalten hatte, todähnliche Ohnmacht verursachte.

Die Speisen waren, wie gewöhnlich, sehr einfach, und das Tafel-Service bestand aus Steingut und Holz; nur mir wurde ein Glas gereicht, da die übrige Gesellschaft — der General aus Politik — nach der Sitte der Catalonier aus der Flasche — el porró — trank, die, mit einer langen, gebogenen Röhre versehen, kunstmäßig so gehalten wird, daß der Wein im Bogen aus der engen Öffnung der Röhre in den Mund fällt, ohne daß die Flasche die Lippen berühre oder ein Tropfen zur Seite falle. Ich hatte diese Trinkart noch nicht mir zu eigen gemacht. Übrigens ist das Volk in Catalonien so abergläubisch auf die Sauberkeit dieses porró bedacht, daß auch der ärmste Hüttenbewohner ihn sofort zerbricht und nicht selten dem Fremden, d. h. Jedem, der nicht Catalan ist, vor den Füßen zerschmettert, wenn er aus Unwissenheit oder Sorglosigkeit ihn mit dem Munde berührte. Mir selbst erging es einst so in dem reichen Gandesa, südlich vom Ebro; da ich aber zufällig ein Detachement bei mir hatte, verfehlten die Freiwilligen eifrig nicht, dem guten Mann seine Impertinenz durch einige derbe Kolbenstöße fühlbar zu machen.