Noch an demselben Tage erfuhr ich im Vertrauen durch einen mir bekannten Officier, der einem Vocale der Junta verwandt war, daß der Graf auf königlichen Befehl abgesetzt und nach Frankreich geführt sei. Es war ein harter Schlag! Ich seufzte tief, denn ich würdigte den ungeheuren Verlust, den unsere schon so vertheidigungslose Sache dadurch erlitt; aber der König befahl, da mußte jede andere Rücksicht schweigen. Am folgenden Morgen ging ich, dem General Segarra mich vorzustellen und seine Ordres zu empfangen. Der Saal war mit Officieren jedes Grades und Civilisten gefüllt, von denen viele, die zwei Tage vorher tief zur Erde die Voyna vor mir gesenkt und mir tausendfach wiederholte Dienstanerbietungen gemacht hatten, jetzt finster mich anschauten und höhnisch unter einander zischelten.

Ich nahm so wenig Notiz von ihren Impertinenzen, wie ich früher ihre Schmeicheleien berücksichtigt hatte; auch ward ich von einem Obersten, der bei meinem Eintritt in das Cabinett des Generals gegangen war, bald dorthin beschieden. Segarra, vor einem Lehnstuhle stehend, begrüßte mich sehr artig. Seine Magerkeit und Blässe, wie die Haltung des leidend nach vorn gebeugten Körpers verriethen die Kränklichkeit, unter der er stets schmachtete; auf den Gesichtszügen lagerten dunkle Wolken, doch umzog ein leichtes und, wie es schien, stehendes Lächeln den nicht unangenehmen Mund. Mit wenigen Worten erklärte ich dem General, daß ich, vom Grafen de España dem Generalstabe zugetheilt, da ich meine unmittelbaren Vorgesetzten nicht kennte,[105] ihn um Verhaltungsbefehle ersuchte. Er erwiederte mir, stets lächelnd, er habe schon von mir gehört, und ich müsse, da kein Platz für mich offen sei, zu einem Depot gehen.

Das überraschte mich. Doch schnell entschlossen antwortete ich ihm, daß, um im Depot müssig zu sein, wäre ich weit bequemer im Vaterlande müssig geblieben; ich bäte ihn daher, mir die Rückkehr zu der Armee des Grafen von Morella zu erlauben, da ich dort wenigstens nicht verhindert sein würde, dem Feinde mich entgegenzustellen. — „Wie Sie wollen, ich wünsche glückliche Reise.“ —

Eine halbe Stunde später hatte ich den Paß und bereitete mich zur Abreise vor. Es mußte mir einerseits peinlich sein, wieder zu Cabrera zurückzukehren, da ich nicht auf die freundlichste Art von ihm geschieden war; und doch wieder freute ich mich, jetzt nach Aragon zu kommen und an dem Kampfe Theil zu nehmen, der mit den überlegenen Massen Espartero’s bevorstand. Ich hoffte nicht den Sieg, zu solcher Hoffnung gehörte echt spanische Verblendung, und die theilte ich nicht mit so vielen Tausenden. Aber ich hoffte und vertraute, daß wir ehrenvoll unterliegen würden, wie wir ehrenvoll den glorreichen Kampf bis dahin durchgeführt hatten, ich war überzeugt, daß wir unter des Grafen von Morella Führung selbst der Vernichtung mit Stolz entgegensehen durften. Denn, wenn ich gar keinen Grund hatte, um Cabrera zu lieben, schätzte und verehrte ich ihn eben so sehr als Feldherr und bravsten Krieger, wie als kraftvollen, festen und nie zagenden Mann, als unwandelbaren und unerschütterlichen Royalisten.

[99] Ich erinnere mich zweier Anekdoten von ihm, die ziemlich bezeichnend sind. Als er gerade das Commando übernommen hatte, erfuhr er, daß die Anführer und Officiere der zu bändigenden Horden selbst ihre Leute zum Widerstreben reizten und jede seiner Maßregeln und Handlungen bekrittelten oder gar lächerlich machten. Er versammelte sie auf der Parade, ließ einen Hund in die Mitte führen, hielt ihm eine heftige Strafrede, weil er schlecht von seinem General, der an des Königs Statt dastehe, gesprochen habe, und drohete, im Wiederholungsfalle ihn zu erschießen. — Da die disciplinwidrigen Äußerungen noch nicht aufhörten, wurden die Officiere wieder versammelt, der Hund ward gebunden von der Wache her gebracht, und der Graf erklärte ihm, daß er, trotz der Warnung desselben Verbrechens schuldig, nun erschossen werde. Ein Piquet ward beordert und der Hund füsilirt. — Dann wandte sich der General zu den Officieren mit den Worten. „Meine Herren, ich warne nie öfter, als zwei Mal!“ — Niemand gab ihm Gelegenheit, die Anwendung des aufgestellten Beispieles weiter zu treiben.

Später beklagten sich die Officiere, daß sie so schlecht besoldet würden, daß sie kaum davon essen könnten. In der That erhielten sie, da ihnen der Gehalt nicht ausgezahlt wurde, wenig mehr als die so reichlich bedachten Soldaten. — España lud eines Tages das Officier-Corps zum Frühstück ein. Eine Schüssel mit gesalzenen Häringen ward aufgetragen, ihr folgte eine andere mit gekochten Häringen, dann eine dritte mit Häringen, in Öl gebraten, und wieder eine mit gerösteten Häringen. Ein Commißbrod lag auf dem Tisch, und kristallhelles Wasser war im Überfluß zur Löschung des mächtig angeregten Durstes vorhanden. — Erstaunt sahen die Officiere sich an, da sie gehofft hatten, der General werde heute seiner gewohnten Frugalität entsagen; als dieser lächelnd sie aufforderte, frei auf Soldatenart das Mahl eines Soldaten zu theilen. „Ich äße gern wilde Enten, Pasteten und köstliche Leckerbissen — denn ich bin gewaltig lecker, meine Herren! — und ich tränke gern Xerez oder Champagner. Aber das Geld, das Geld! Der Gehalt wird nicht bezahlt, ich bin meinem Könige in den jetzigen Umständen ein so leichtes Opfer schuldig; und Häringe, zwei Stück für einen Sou, sättigen mich am Ende eben so gut. Dann werde ich durstig, und das Wasser schmeckt mir trefflich, das kostet aber gar nichts. — Greifen sie zu, meine Herren! Auf baldiges Frühstück in den Hotels von Barcelona!“

[100] Der Graf liebte sehr die Thiere und führte stets viele mit sich, besonders Hunde und Ziegen.

[101] Der Graf hegte augenscheinlich noch immer Mißtrauen; er glaubte vielleicht, daß ich aus irgend einem politischen Grunde die Armee Cabrera’s hätte verlassen müssen, und tentirte mich deshalb. So bot er mir auch eine bedeutende Summe an, die ich natürlich ablehnte.

[102] Einen gewöhnlichen Säbel weiß Camps gar nicht zu gebrauchen, weil er ihm zu leicht ist.