Der Graf war am 26. October äußerst thätig gewesen, hatte viele Menschen aller Classen empfangen, Vieles angeordnet und manche Vorbereitungen getroffen, die auf schnellen Aufbruch von Berga deuteten. Nachdem am Nachmittage der Intendant und einige Vocale der Regierungs-Junta, deren Präsident er war, bei ihm gewesen waren, sprach er, als schon die Nacht anbrach, seine Absicht aus, der Sitzung der Junta beizuwohnen, was nur geschah, wenn er besonders wichtige Gegenstände durchsetzen wollte. Bald ritt er mit seinem Secretair, dem Oberstlieutenant Don Luis Adell, und begleitet von einigen Miñones und Kosacken,[104] nach dem eine halbe Stunde entfernten Dorfe Avia, wohin er die Junta wegen Überfüllung der Stadt verlegt hatte. Beim Weggehen sagte er mir freundlich: „Denken Sie daran, daß der Soldat stets einen Schlaf und eine Mahlzeit im voraus haben muß.“ Froh legte ich mich nieder, überzeugt, daß wir am folgenden Tage zu der Operation abmarschiren würden.

Gegen Morgen weckte mich lautes Lärmen im Palais. Aus meinem Zimmer tretend fand ich einige höhere Officiere, welche alle Gemächer durchsuchten und Papiere und Effekten jeder Art hin und her schleppten, wobei sie gar seltsam von dem alten Fuchse sprachen, der so fein gefangen sei, und mit wildem Gelächter fluchten.

So wie sie mich bemerkten, flüsterten sie unter einander, laut genug, um mich manche Worte, wie maldito gavacho und ähnliche Ehrentitel, verstehen zu lassen, worauf einer derselben, ein Oberst und Vocal der Junta, zu mir kam, der ich mit untergeschlagenen Armen erstaunt dem Treiben zusah, und mir kurz sagte: „puede Usted marcharse, capitan.“ — Sie können gehen — Wohin? fragte ich natürlich; „al infierno!“ — zur Hölle. — Das war nicht sehr klar und noch weniger artig; daher fragte ich finster, wo der Graf sei? Einen Augenblick blickte der Vocal mir starr in die Augen, dann erwiederte er mit kurzem, widerlich aus der Gurgel tönenden Lachen: „carajo, der Alte ist weit von hier; gehen Sie nur zum Gouverneur.“ Und da ich, mich nur vom Grafen abhängig erklärend, immer noch zauderte, rief ein Anderer mit dem gemeinsten unter allen den gemeinen Flüchen, die dem spanischen Militair auch der höchsten Grade so vertraut sind: „Stich den trotzigen Hund nieder!“

Das war schon klarer, besonders da er, den mächtigen Schleppsäbel ziehend, mir nahete, und da ich mit Cataloniern zu thun hatte. Ich griff daher zum Mantelsack, in dem meine Pistolen sich befanden; doch kaum erblickten ihn die Herren, als er mir schon mit dem Bescheide entrissen war, es dürfe Nichts aus dem Hause entfernt werden. So ging ich denn auf die Straße, wo ich zu meinem Erstaunen weder die Wache noch die Burschen antraf, wohl aber viele Miñones, sonst die steten Begleiter des Generals.

Der Gouverneur wies mir mit der Erklärung, der Graf sei während der Nacht abgereiset, ein Logis an und versprach, für meinen Mantelsack zu sorgen; ich empfing ihn am folgenden Tage, die trefflichen Pistolen aber waren auf immer verschwunden.

Augenscheinlich theilte alle Welt meine Ungewißheit und Unruhe über die Vorfälle jener Nacht. Auf der Straße sah man wenige Menschen, und diese eilten rasch an einander vorüber, nur flüchtig und wie verstohlen sich begrüßend. Jedermann sprach flüsternd, als fürchte man überall Horcher, und dennoch wagte auch so Niemand über das zu reden, was einem Jeden am schwersten auf dem Herzen lag. Ängstliche Beklommenheit, wie wenn furchtbares, unvermeidliches Verderben droht, schien auf Allen zu lasten; dazu kam Mißtrauen und die Furcht, durch ein unüberlegtes Wort dem Zorn und der Rache von Feinden sich auszusetzen, die man doch nicht kannte.

Zugleich durcheilten einzelne Männer geschäftig und mit höhnisch triumphirendem Antlitze die leeren Straßen, gerade solche, die bisher am unscheinbarsten sich gemacht und, tief vor dem allgefürchteten Grafen im Staube kriechend, umsonst seine Verachtung mit stets erneuten Betheurungen der unwandelbarsten Ergebenheit zu besiegen gesucht hatten.

Bald langte General Segarra an, der zweite Befehlshaber im Fürstenthume. Er betrug sich alsbald als unabhängiger Chef und befahl, vor Allem die politischen Gefangenen und die männlichen Einwohner der kürzlich genommenen Städte in Freiheit zu setzen, da sie, als Vertheidiger mit in die Forts der Christinos eingeschlossen, bis dahin als Kriegsgefangene betrachtet wurden. Segarra zeigte durch diesen ersten Schritt, daß er anstatt der unerbittlichen Strenge des alten Grafen, die er stets mißbilligte, eine ganz entgegengesetzte Richtung einschlagen werde; er kannte die Catalonier nicht, oder wenn er richtig sie beurtheilte, besaß er nicht die Kraft, ja Härte, die doch allein in seiner Stellung Erfolg ihm sichern konnte.

Überhaupt ist Segarra ein Mann von mildem und selbst schwachem Charakter, ein guter Militair, der, durch langen und ehrenvollen Dienst ausgebildet, häufig seine kriegerischen Talente bewährt hatte und ihretwegen vom Grafen de España hoch geschätzt wurde. Ich bin überzeugt, daß er an dem schmählichen Tode seines Feldherrn und Wohlthäters keinen Theil hatte und noch weit weniger, wie wohl geschehen ist, als der Haupturheber der Schandthat angesehen werden darf. Der Mann war nicht dazu fähig. Die Verschworenen täuschten ihn über ihre wahren Absichten und befriedigten ihre persönliche Rachsucht, ohne ihn zu Rathe zu ziehen; sie ließen ihn dann dem Anschein nach die Frucht des Verbrechens ernten, weil sie ihn ja leiteten und lenkten, wie sie nur wollten.

Aber nichts desto weniger ist er strafbar, da er als Werkzeug für die Intriguen der selbstsüchtigen Mörder sich brauchen ließ und zum Sturze des Generals ihnen sich anschloß, den sein König ihm vorgesetzt hatte; er stellte sich selbst als Mitschuldigen dar, indem er die Thäter unbestraft ließ, die höchsten Stellen ihnen anvertraute und ganz ihrer Leitung folgte. Er gab sich endlich der Verachtung preis und erlaubte, auch das Niedrigste, das Entehrendste von ihm zu glauben, da er, als die Sache der Legitimität hoffnungslos im letzten Todeszucken lag, seines Eides und seiner Ehre uneingedenk, die unterliegenden Gefährten verließ und ein Verräther dem übermüthigen, übermächtigen Feinde sich anschloß, wohl von des Grafen von Morella Hand die Strafe jenes Verbrechens fürchtend. — So weit führt Schwäche!