Während der erfahrene Feldherr also Alles that, um die Sache zu heben, deren Führung ihm anvertraut war, und während er sich dadurch die Liebe, ja die Anbetung der Soldaten und Einwohner, so wie die Verehrung aller Gutgesinnten erwarb, umringten ihn alte und neue Feinde, begierig dem Augenblick entgegensehend, der ihnen Gelegenheit biete, ihren glühenden Rachedurst zu löschen. Und diese Feinde waren Catalonier, wild und rauh, wie die schroffen Gebirgszüge der Pyrenäen, in denen sie geboren, bereit, jedes Mittel zu ergreifen, welches ihnen Befriedigung der Rache versprach, dieser Lieblingsleidenschaft jedes Spaniers, der alles überwiegenden Sucht der Catalonier. Zugleich wußten sie jedoch ihren Haß meisterlich zu verbergen und heuchelten tiefste Ergebenheit, enthusiastische Anhänglichkeit dem greisen Führer, während sie, die zuckende Faust an den Dolch gelegt, jede seiner Bewegungen bewachten, um eine Blöße zu erspähen, in die sie sicher die verrätherische Waffe stoßen könnten.

Indeß wußte der alte Graf sehr wohl, daß er nicht von lauter Freunden umgeben war, und die Maßregeln, welche er für seine Sicherheit und damit für die des Ganzen nahm, hinderten die Verschworenen lange, ihre blutlechzenden Pläne auszuführen. Nach und nach aber gelang es ihnen, das Mißtrauen einzuschläfern und immer mehrere ihrer Genossen in die bedeutendsten Stellen, besonders in die Junta, einzuschieben; der General, da fortwährend Nichts gegen ihn oder seine Autorität unternommen wurde, zeigte sich weniger vorsichtig und glaubte wohl, daß die Furcht den alten Haß niedergedrückt habe. — Da erschallte die Schreckenskunde von dem Übergange Maroto’s und dem Rückzuge des Königs nach Frankreich.

Junta und General standen allenthalben, wo diese beiden Autoritäten existirten, stets feindselig oder besser als Rivale neben einander. Die Junta als Stellvertreterinn des Gouvernements will Alles ordnen und leiten und stürzt es gewöhnlich in erschöpfende Unordnung und Verwirrung, wo nicht in gänzliche Anarchie; der General, an der Spitze der militairischen Macht die Mängel und Schwächen, welche durch die vielköpfige Verwaltung der Junta entstehen, am bittersten fühlend und häufig durch sie gehemmt und gehindert, sucht sich dem widrigen Einflusse derselben zu entziehen, indem er sich unabhängig von ihr und dann sie zu seinem Werkzeuge zu machen und sich unterzuordnen strebt. Diese Nothwendigkeit, die sonst unbeschränkten Befugnisse der Junta zu Gunsten des Generals zu schmälern, mußte in einem Kriege, wie die Carlisten ihn führten, doppelt stark hervortreten, da ja der Anführer mit so viel mehr Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und Alles ohne Ausnahme selbst schaffen und sich erringen sollte. Die Folge war, daß der General stets zum Präsidenten der Junta ernannt wurde, wodurch natürlich die Stellung der beiden Gewalten zu einander sehr verändert ward.

Auch der Graf de España hatte die Junta von Catalonien mehr als seine Gehülfinn bei dem großen Werke, denn als höhere Behörde betrachtet und Manches von ihren ursprünglichen Attributen ihr genommen. Dennoch war nicht selten heftiges Widerstreben sichtbar geworden und hatte einige Male — wiewohl der General, wenn etwas Wichtiges vorgeschlagen ward, persönlich präsidirte, um durch seine mächtige Gegenwart den Widerstand niederzuschlagen — verzögernd in den raschen Gang seiner Organisations- und Operationspläne eingegriffen.

Da, als Carl V. schon nach Bourges abgereiset war, wohl erkennend, daß unter den nun unendlich mehr schwierigen Umständen nur die höchste Energie und Einheit retten könne, erklärte sich der Graf de España zum Stellvertreter des Königs in dem Fürstenthume und ward in dieser Eigenschaft von Sr. Majestät bestätigt, so daß er nun alle ursprünglichen Befugnisse der Junta in sich vereinigte.

Die Junta blieb nicht gleichgültig bei so entscheidendem Angriffe auf das, was sie als ihr Recht ansah, und die persönlichen Feinde des Generals wußten schlau diesen Schritt zu benutzen, um auch die übrigen Vocale gegen ihn einzunehmen und zu Gewaltmaßregeln sie geneigt zu machen. Es ward beschlossen, aus eigener Machtvollkommenheit den General zu entsetzen, der Herrschaft sich zu bemächtigen und fortan die Zügel nicht mehr aus den Händen zu geben. Deshalb ward der schwache Segarra, von dem man Nichts befürchtete, zum Nachfolger des Grafen designirt; er war bald in den Bund gegen seinen Oberfeldherrn, der stets ehrend ihn ausgezeichnet, hineingezogen, und auch der Intendant des Heeres Don Jaspar Diaz de Labandero, ein tüchtiger Geschäftsmann, schloß den Verschworenen sich an. Es kam nun darauf an, den Greis hülflos in ihre Gewalt zu führen.[107]


Der Graf hatte zur Besoldung der ganzen Armee am nahen Namenstage des Königs, wie für die zu eröffnenden Operationen die Herbeischaffung einer starken Summe befohlen, wogegen die Junta und der Intendant Schwierigkeiten erhoben. Da am 26. October darüber berathen werden sollte, beschloß er, bei der Sitzung selbst zu präsidiren, wozu eine Deputation der Junta ihn besonders einlud; er zog mit einem Detachement Miñones und einigen Kosacken nach Avia, ließ diese unten in dem Hause der Sitzung und begab sich mit dem Oberstlieutenant Adell in die erste Etage. Mehrere Vocale, unter ihnen der Vice-Präsident Brigadier Ortéu, empfingen den Grafen artig und unterhielten ihn einige Zeit, bis die fehlenden Glieder ankommen möchten; bald eilten zwei von ihnen fort, um sie holen zu lassen.

Diese ertheilten im Namen des Grafen der Escorte Befehl, für die Nacht in zwei nahe Landhäuser sich zurückzuziehen, was die Officiere ohne Argwohn thaten, wiewohl die Miñones der ein für alle Mal gegebenen Instruction zufolge nur vom General selbst und von seinen Adjudanten Befehle empfangen sollten. Die Vocale eilten wieder hinauf, und einer von ihnen, Ferrer, sagte laut die Losungsworte: „ya está hecho!“ — es ist geschehen. — Sofort drängten sich die Vocale Torrebadella, Sanz, der Präsident Ortéu und andere um den General mit der Erklärung, er sei auf Befehl des Königs abgesetzt und ihr Gefangener. Zugleich traten aus einem Cabinett zwei bis an die Zähne bewaffnete, dort verborgen gewesene Menschen hervor, und Ferrer hielt dem Grafen zwei Pistolen auf die Brust, indem er drohte, bei der geringsten Bewegung ihn niederzuschießen.

Fest verlangte de España die königliche Ordre zu sehen und erklärte sich bereit, dann, aber auch nur dann, seine Charge aufzugeben. Die Antwort war ein Schlag auf die Schulter; da der Greis entrüstet gegen den Thäter sich wandte, streckte ihn ein zweiter Schlag auf das Haupt besinnungslos nieder. Adell, der, auf kurze Zeit in das Dorf gegangen, jetzt wieder zurückkehrte, wurde entwaffnet und in eine Kammer eingeschlossen.