Am 10. Januar wurde der General auf einem Tragebette nach Morella gebracht, und am 31. konnte er zum ersten Male zu Pferde sich zeigen, mit Enthusiasmus vom Volke begrüßt. Das zur Feier seiner Genesung gehaltene Te Deum zog eine so große Zahl dankbarer Zuhörer an, daß die prachtvolle Cathedrale, ein altes gothisches Gebäude, sie alle nicht zu fassen vermochte; auch der weite Platz vor ihr war ganz mit Menschen bedeckt. Vivas und allgemeiner Jubel begrüßten den verehrten Feldherrn, wo er erschien, und am Nachmittage erfreuten gefahrlose Rindergefechte — wegen des Mangels an geübten Kämpfern waren nicht ganz ausgewachsene Rinder gewählt — die gaffende und jauchzende Menge.
Doch erregte die Mattigkeit des sonst so feurigen Auges und das geisterhaft bleiche Antlitz Besorgnisse, die nur zu bald verwirklicht wurden. Kaum war Cabrera nach dem Ebro-Thale abgereiset, dessen lieblich mildes Klima die gänzliche Wiederherstellung beschleunigen sollte, als er einen Rückfall hatte, der abermals den Pforten des Grabes ihn nahe brachte. Er wollte indessen dieses Mal die wichtigsten Geschäfte selbst versehen und ließ sich fortwährend über Alles Bericht abstatten, bis er gegen das Ende des Aprils 1840 dem Anschein nach wieder an die Spitze der Armee sich stellte.
Dem Anschein nach! — Er war nicht mehr der frühere Cabrera, der Held, welcher schaffend und kämpfend und siegend den Titel des Grafen von Morella so ruhmreich sich erworben hatte. Sein Körper war zerrüttet, sein Geist geschwächt, die Alles überwältigende Energie in Lauheit hingeschwunden: ohne Kampf sah er die feindlichen Heere in die Schluchten und Defilées des Hochgebirges sich vertiefen, durch Verrath oder durch die gewaltige Übermacht ihres Materials ein Fort nach dem andern erobern und endlich Morella belagern, Morella, den Kern seiner Macht, den Schauplatz herrlicher Thaten und Siege. Er opferte die starke und erprobte Garnison im vergeblichen Widerstande, ohne einen Schritt zu ihrer Rettung zu versuchen.
Und dann überschritt er den Ebro, um wenige Wochen später vor dem nachdrängenden Espartero ein Asyl in Frankreich zu suchen, während noch viele Tausende braver Krieger seinem Commando gehorchten, ja da einige catalonische Anführer noch länger den ungleichen Kampf fortsetzten!
Nie hätte der wahre Cabrera so den glorreichen Krieg geendigt; er hätte nie in halben Maßregeln das Blut seiner Streitgenossen unnütz vergeudet, nie ohne Schwerdtschlag vor dem übermüthigen Feinde weichend die Vertheidigung der heiligen Sache aufgegeben, für die er so oft freudig sein Blut vergossen, sein Leben eingesetzt hatte. Cabrera würde gewußt haben zu sterben mit den Waffen in der Hand, da das Geschick die Möglichkeit des Sieges ihm versagte. Espartero mußte zum bloßen Schatten seines eigenen früheren Ich ihn machen, damit er so seiner selbst unwürdig handeln konnte.
Es ist nothwendig, bei der Beurtheilung der Thaten des Grafen von Morella von diesem Gesichtspunkte auszugehen. Dann wird es leicht, den himmelweiten Abstand dessen, was er nach dem unheilsvollen 16. December unternahm, von den mit eben so viel Talent entworfenen, wie mit Energie und Geist ausgeführten Plänen der ganzen sechs Krieges- und Siegesjahre vor jener Epoche sich zu erklären. Auch der strengsten Kritik gegenüber steht Cabrera während dieser langen Zeit als Royalist, als Anführer und als Soldat gleich groß da; es wäre ungerecht, die letzten Monate, während deren er in Spanien vegetirte, zur Grundlage des Urtheiles über ihn zu wählen.
[114] Die spanischen Royalisten bedienen sich des Ausdruckes franmason zur Bezeichnung eines wild revolutionairen Menschen, da die dortigen Freimaurerlogen stets als Anzettler und Leiter der anarchischen Complotte erschienen.
[115] Auf der Charte mußte ihnen übrigens die Distance weit kleiner scheinen, als sie durch das wilde Gebirgsterrain es ist, welches denn auch viele Schwierigkeiten schuf, die natürlich von Madrid aus übersehen wurden.