Wir traten den Rückmarsch an. In Orta erhielt Cabrera die Rapporte der verschiedenen Corps über den Etat der Bataillone und Escadrone. Mit Thränen im Auge rief er aus: „Wie kann ich meinen treuen Burschen so viel Hingebung und Festigkeit vergelten; nicht ein einziger ist seit dem Anmarsche Espartero’s desertirt! Dagegen,“ und die ausdrucksvollen Züge verfinsterten sich, „sind drei Officiere übergegangen, von denen zwei die Cassen ihrer Bataillone mitnahmen. Ich muß wieder einmal ein Dutzend solcher Spitzbuben erschießen lassen.“ Zu seinen Adjudanten gewendet, fügte er hinzu, daß sie zuerst die Reihe treffen würde, da er am wenigsten um seine Person Schurken duldete. „Wer kein gutes Gewissen hat, der mache, daß er fortkomme!“ — Einer jener Officiere wurde kurz nachher bei einem Überfall, den einige Bataillone von Valencia auf einen Convoy ausführten, von seiner eigenen Compagnie gefangen und sofort füsilirt.

Nachdem wir auch Peñaroya besucht und die Vorarbeiten für die Befestigung angeordnet hatten, ritten wir über Monroyo auf Aguaviva, eine kleine Stunde von dem vom Feinde besetzten Mas de las Matas entfernt, dem wir sofort uns näherten, von zwei Compagnien Schützen des Obersten Bosque begleitet. An der Spitze von zehn oder zwölf Ordonnanzen flog der General voraus und traf etwa tausend Schritt von dem Dorfe auf ein unglückliches Detachement, das, aus einer halben Compagnie und sechszehn Pferden bestehend, auf die Kunde von unserer Annäherung dorthin sich zurückzog. Im Nu hatte Cabrera die Reiter zersprengt und mit Verlust von fünf Todten verjagt, die Infanterie aber abgeschnitten, nachdem sie sich in einen kleinen Busch geworfen hatte; so wie sie die Miñones eiligen Laufes herankommen sahen, hielten die Christinos die Kolben der Gewehre hoch in die Luft, Pardon erflehend. Während die Truppen im Mas Alarm schlugen, hatten wir uns mit 63 Gefangenen zurückgezogen; zwei Ordonnanzen waren schwer verwundet.

Am 16. December langten wir wieder in Hervés an. Der General nahm ein leichtes Mahl zu sich, in kurzer Zeit zubereitet, denn Delicatessen existirten nicht. Eine halbe Stunde nachher fühlte er sich unwohl, Beängstigungen traten ein, mit heftigen Schmerzen in den Gliedern verbunden, und kalter Schweiß brach hervor. Dann folgte furchtbare Abspannung, durch die der Kranke genöthigt ward, das Bett zu hüten.

Angstvolles Entsetzen ergriff Alle. Erstarrt schlich ein Jeder umher, in den Augen der Andern denselben Schauder erregenden Gedanken lesend, der auch seine Brust beklemmte; kaum hörbar flog bald das Wort: Gift! von Mund zu Mund, und die Symptome machten den Verdacht nicht unwahrscheinlich. Untersuchungen wurden angestellt. Der Wirth war eben so wie seine Frau, die mit den Burschen selbst die Speisen bereitet hatte, als exaltirter, vielfältig compromittirter Royalist bekannt und dem General persönlich sehr ergeben; auch haftete auf ihnen der Argwohn keinen Augenblick. Aber das Haus war, wie allenthalben, wo Cabrera’s Ankunft bekannt wurde, stets gedrängt voll von Menschen jeder Klasse, die Bitten oder Beschwerden vorzutragen hatten und durch keine Schildwache zurückgehalten wurden. Viele von ihnen waren in der Küche, ihre Cigarillos anzuzünden und selbst sich zu wärmen, ein- und ausgegangen. Da war jede Nachforschung vergeblich, und an eine chemische Prüfung der Speisen war nicht zu denken; ich zweifele sehr, daß irgend Jemand in der ganzen Armee mit ihr sich zu befassen gewagt hätte.

Die herbei gerufenen Ärzte erklärten alsbald den General in größter Gefahr, wiewohl sie über die Art der Krankheit schwiegen. Hie und da ward wohl von Typhus gesprochen, von dem aber weder vorher noch später irgend ein Fall sich zeigte, so daß die Idee, daß er gerade allein den General ergriffen habe, ganz ungereimt und der Natur dieser Seuche direkt widersprechend ist. — Die rasch angewandten Mittel linderten für den Augenblick die Leiden Cabrera’s; bald ergriff ihn jedoch eine Starrheit, eine Schwäche des Geistes wie des Körpers, die seiner früheren Kraft und Energie so sehr entgegengesetzt war, und von der er nie ganz genesen sollte.

Da der Kranke nicht transportirt werden durfte und ihm höchste Ruhe verordnet ward, eilte ich am folgenden Tage nach Morella, dort die mir obliegenden Geschäfte zu übernehmen. Die Stadt schien von zerschmetterndem Unglück befallen. Auf den Straßen standen kleine Gruppen mit niedergeschlagenen Mienen und alle über den einzigen Gegenstand redend, über das Schreckliche, was jeden Augenblick erwartet werden mußte; müssige Haufen sammelten sich an dem Thore, begierig auf den Weg hinaufschauend, ob Jemand Kunde bringe von dort, wohin Aller Gedanken sich richteten. „Was weiß man von Don Ramon?“ war die erste Frage eines Jeden, und die immer düsterer tönenden Nachrichten lockte eine Thräne in manches kräftigen Mannes Auge.

Die Schwestern Cabrera’s eilten nach Hervés, den Bruder zu pflegen, der, täglich schwächer und schon besinnungslos, täglich weniger Hoffnung auf Besserung gewährte. Da brachte das neue Jahr die Trauerbotschaft von seinem Tode! — Verzweiflung ergriff die Bewohner Morella’s, wie die Krieger, welche so oft seine Lorbeeren getheilt hatten. „Wir sind verloren,“ riefen die Jammernden, „er allein hielt uns aufrecht, ohne ihn wird Zwietracht und Eifersucht wehrlos dem Feinde uns in die Hände liefern!“ Himmelstrost brachte der Bote, welcher bald verkündete, daß Scheintod den Kranken gefesselt habe, der schon wieder zu sich gekommen sei. Nur die Erinnerung an die immer noch gleich drohende Gefahr konnte den Ausdruck des unendlichen Jubels in die Brust zurückdrängen.

Der General befand sich indessen regungslos an sein Bett gekettet in einem offenen Flecken, der nicht drei Stunden von den Stellungen der feindlichen Armee entfernt war, und zu seiner Deckung hatte er eine schwache Compagnie, die Miñones, bei sich. Kein Bataillon wurde zwischen Hervés und die von den Christinos besetzten Dörfer geschoben, und laut ward Llagostera, der interimistisch commandirte, beschuldigt, daß er die Gefangennehmung seines Feldherrn nicht ungern gesehen hätte. Espartero aber rührte sich nicht. Er that nicht den geringsten Schritt, um Cabrera’s sich zu bemächtigen, der doch als das einzige Hinderniß seines Sieges mußte angesehen werden, und von dem er, wie die Madrider Blätter spotteten,[115] nur durch eine Wand geschieden war, ohne daß er Muth gehabt hätte, in die Höhle des sterbenden Löwen zu treten.

Ach, er war seiner Beute nur zu gewiß! Espartero hatte das Mittel gefunden, welches, die Kraft seines Gegners auf immer brechend, den leichten Sieg ihm in die Hände spielen sollte, und passend vermehrte er mit so schmählich, so entehrend gewonnenem Lorbeer den Kranz, den er bei Bergara sich zu erkaufen gewußt. Aber er wollte seinem edlen Feinde selbst nicht den Ruhm lassen, zu sterben für die Sache, welche er glorreich vertheidigt hatte; er wußte wohl, daß, so lange Cabrera lebte, die Besiegung des Helden ihm den Ruhm geben würde, den seine Thaten in den baskischen Provinzen ihm nicht erringen konnten. Daher zog er vor, den Gefürchteten geistig zu schwächen und so sich unschädlich zu machen.