Im ersten Augenblicke fühlte ich mich etwas unsicher in meinem neuen Wirkungskreise. Wenn ich auch in früheren Verhältnissen viel mit der Theorie der Befestigungskunst mich beschäftigt und in Spanien mehrfach Gelegenheit gehabt hatte, mich in ihr praktisch auszubilden, konnte ich doch unmöglich meine Kenntnisse für hoch genug anschlagen, um mit Ruhe so verantwortungsschweren Aufträgen mich zu unterziehen. Dazu fehlten wissenschaftliche Bücher ganz, so wie Instrumente so selten waren, daß ich selbst einen Zirkel von Holz mir anfertigen mußte. Indessen der Würfel war einmal geworfen, und ich konnte nur streben, durch Thätigkeit das etwa Mangelnde zu ersetzen. Thätigkeit aber war im erschöpfendsten Maße nothwendig, da ich wöchentlich zwei Mal von Morella nach Villarluengo und zurück und alle vierzehn Tage nach Cantavieja zum immer gleich unnützen Strauße mit dem Obersten Cartagena reisen mußte und überall der Arbeit im Übermaß fand. — Doch sollte ich noch einige Wochen unverhoffter Weise frei bleiben.


Wenige Tage nach des Herrn von Rahden Abreise ward ich zum General gerufen und bekam die Ordre, auf den Nachmittag marschfertig zu sein, da ich ihn begleiten würde; er entließ mich erst nach mehreren Fragen und Bemerkungen über den Fortgang der Befestigung von San Pedro Martyr. Ich war um so mehr durch die auf mich gefallene Wahl überrascht, da der Liebling Cabrera’s, Capitain Verdeja, gerade in Morella sich befand; ohne Zweifel wollte er selbst mich prüfen, und ich war froh, daß es geschah. Rasch war ein Bagage-Maulthier besorgt und mit dem Mantelsäckchen beladen, und am Mittage des 3. Decembers ritten wir den treppenförmig construirten Weg hinab, der von dem Felsberge Morella’s in das Thal führt, worauf wir gen Norden uns wandten.

Cabrera wollte persönlich die Werke von Mora de Ebro inspiciren, welche Stadt von höchster Wichtigkeit war, da sie nicht nur die Verbindung mit dem Heere von Catalonien, sondern auch die Herrschaft über das ganze reiche Thal des untern Ebro sicherte. Eben deshalb war auch das etwas höher liegende Flix gegen den ersten Anlauf gedeckt und Miravet, einige Stunden südlich von Mora, ein altes maurisches Castell, mit großem Kostenaufwande in ein sehr starkes Fort umgewandelt. Jetzt ordnete Cabrera auch die Befestigung von Peñaroya an, wodurch er den doppelten Zweck erlangen wollte, die Communication Espartero’s mit dem Königreiche Valencia auf der geraden Linie durch das Hochgebirge zu verhindern und die eigene mit jenen Forts sicher zu stellen. Peñaroya ward übrigens im Frühjahre geräumt, da die Jahreszeit die so rasche Beendigung der Arbeiten nicht zugelassen hatte.

Auf dem Marsche war der General nur von einigen Ordonnanzen und etwa sechszig Miñones begleitet, die stets vor den scharf trabenden Pferden in eben so leichtem Laufe bergauf und bergab flogen. Nur selten, wo die Gebirgspfade es unumgänglich erheischten, durfte der Trab eingestellt werden, und ein einziges Mal, da wir mit Hand und Fuß uns anklammernd in eine tiefe Schlucht hinabkletterten, sah ich auch Cabrera absteigen; wie die Pferde lebend herunterkamen, kann ich noch nicht begreifen. Dabei verließ er oft die gewöhnlichen Wege, um Stunden lang fast unbetretenen Pfaden zu folgen, die er alle genau zu kennen schien: wir befanden uns auf dem Schauplatze seiner ersten Kriegesthaten, aus denen seine Gefährten mehrere blutige Anekdoten erzählten, die uns die wilde Unerschrockenheit, die Ausdauer und den Scharfsinn des feurigen jungen Studenten bewundern ließen.

Über Hervés, Monroyo, Valderobles und das reiche, nun halb zerstörte Gandesa in wunderlichen Hin- und Herzügen — denn Cabrera wollte Alles selbst sehen und überall anordnen — langten wir endlich auf dem Ufer des majestätischen Ebro an. Nur vom Gouverneur und von mir begleitet, eilte der General sofort zur Besichtigung der neu angelegten Werke von Mora. Da kamen denn sonderbare Dinge zum Vorschein, wie ich ihrer jedoch, so oft beim Mangel eines Ingenieurs die Gouverneure die Arbeiten leiteten, fast immer noch weit schlechtere antraf; der General selbst, wiewohl auch er in Betreff der Befestigungen den Ansichten des Guerrillero nicht ganz entsagt hatte, äußerte seine Unzufriedenheit. Das Ganze bestand aus einer Menge über einander gehäufter Mauern, die fast gar keine flankirende Vertheidigung gewährten und auf die eigenthümlichst bunteste Art crenelirt waren — und deshalb war das Land weit umher hart bedrückt!

So beklagte sich der Magistrat von Gandesa, daß von den Maulthieren der Stadt die eine Hälfte stets unterweges sei, um die andere von den Arbeiten in Mora abzulösen; nur vier blieben frei, und diese reichten lange nicht hin, um den Bagagedienst auf so besuchter Straße zu versehen. Der General befahl daher, daß die voluntarios realistas zu den Leistungen für die Armee, von denen sie bis dahin befreit waren, zugezogen würden, um dadurch das Land zu erleichtern.

Dieser Theil des carlistischen Gebietes, unendlich reich durch seine Fruchtbarkeit, zeichnete sich ganz besonders durch die entschieden royalistische Gesinnung der Einwohner aus, welche zwischen drei und viertausend Männern, außer der Division vom Ebro, die Waffen in die Hände gegeben hatte, um im Falle eines Angriffes die vaterländische Provinz zu vertheidigen. Begünstigt durch die Schroffheit der niedrigen Gebirgszüge, welche von dem Hochgebirge nach dem Ebro hin sich absenken, trugen sie im Frühjahre Viel dazu bei, dem Feinde die Eroberung des Ebro-Thales zu erschweren und unserer Armee die Passage des Flusses frei zu erhalten.

Auf Befehl des Generals hatte ich den Plan zur weiteren Befestigung von Mora entworfen und, während er einen Ausflug nach Miravet machte, den Gouverneur, einen alten Kampfgenossen Cabrera’s und deshalb stets mit Schonung von ihm behandelt, in dem Nöthigsten instruirt und die Haupttheile der zu errichtenden Werke tracirt, auch vieles die Verwaltung Betreffende besser geordnet, da, soweit sie die Fortification betrifft, nach dem spanischen Reglement auch sie ganz unter der Controle der Ingenieure steht. Diese sind dadurch in eine sehr unabhängige Stellung versetzt, werden aber auch stets von Kriegscommissairen, Factoren, Gouverneuren und allen denen, die dabei die Hand im Spiele haben, auf das bitterste angefeindet, wenn sie nicht mit ihnen zum Unterschleif sich verbinden wollen.

Bei der Rückkehr des Generals hatte ich die Genugthuung, alle meine Maßregeln ganz von ihm gebilligt zu sehen, so wie er denn täglich wohlwollender gegen mich sich äußerte, wobei er einst erklärte, daß ich mit der verdammten blauen Brille noch freimaurermäßiger[114] ausgesehen habe, als der Franzose, der einst für die Christinos bei ihm spionirte. Da erfuhr ich, daß im Jahre 1837 ein Franzose, der gleichfalls eine Brille getragen, als exaltirter Carlist von Madrid zu der Armee gekommen, bald aber als Emissair der usurpatorischen Regierung entdeckt und erschossen war!