Wie seufzten wir da über die Abwesenheit unseres energischen Brigadiers! Wie knirschten wir oft mit Ingrimm, da Woche auf Woche verfloß und Monat auf Monat, da der unheilschwangere Frühling immer näher rückte, während wir stets gleich langsam in unseren Vorbereitungen vorwärts kamen!

Wenn wir ihm dann freilich von vierzehn zu vierzehn Tagen den Bericht über das Geschehene und nicht Geschehene vorlegten, da verzagte der Oberst und klagte, den General von Rahden zurückwünschend, sein Mißgeschick an, das in so schwierige Stellung ihn gesetzt hatte. Er versprach, morgen mit verdoppelter Kraft zu beginnen — „wenn ich nur wüßte, wie es machen!“ und er seufzte wohl kleinlaut: „Meine Herren, der General läßt mich erschießen; um Gottes willen, rathen Sie mir, Sie haben ja sonst immer solche Riesenpläne im Kopfe.“ Schlugen wir dann aber vor, daß er sofort einige tausend Arbeiter und Maulthiere vom Lande requiriren, alle Maurer und Zimmerleute aus unserm ganzen Gebiete durch Detachements zusammenholen und von jedem Hause einen Sack und ein Handwerksgeräth eintreiben, dabei selbst zum noch immer kranken General eilen, ihm den Zustand der Dinge und die Nothwendigkeit der entschieden strengsten Maßregeln vorstellen möge; so wußte er tausend verschiedene Schwierigkeiten anzuführen: den Befehl des Generals gegen jede Plackerei der Landleute, das die Arbeiten erschwerende Wetter, den Zorn Cabrera’s, weil nicht früher daran gedacht war, und den bösen Willen der Gouverneure. Er beschloß, etwas Anderes zu ersinnen, und — — Nichts geschah. Alles blieb beim Alten!

Und doch war Alzaga außer Dienst ein biederer, braver, gefälliger und bis auf seine Wichtigkeitsmiene, die häufig Stoff zum Lachen gab, selbst liebenswürdiger Mann. Er paßte nicht für solche Stellung.

Endlich wurde ich zu meiner Freude aus jener peinlichen Lage befreit. Der Capitain Don Manuel Brusco leitete die Befestigungen im Turia und in Neu-Castilien, wo er, seit der Premieurlieutenant Aparicio vom Ingenieurs-Corps bei einem feindlichen Überfall in Beteta gefangen war, ganz allein mit seinen zwei Compagnien Sappeurs sich befand, deren Officiere er durch die ihm untergebenen Festungen vertheilen mußte. Seit Monaten schon forderte er dringend, daß man von seinem schweren Posten ihn ablöse oder doch einen andern Capitain dahin sende, der die Last mit ihm theile; ebenso verlangte er mehrere Subaltern-Officiere. Der Oberst, unschlüssig wie immer und zugleich unwillig, irgend einen von uns zu detachiren, da wir in der That für die dringendsten Bedürfnisse des diesseitigen Gebietes nicht hinreichten, verschob die Erfüllung jenes Wunsches fortwährend und würde ihn ohne Zweifel nie gewährt haben.

Da sandte Brusco einen seiner Officiere direct an den General nach Mora de Ebro; er stellte ihm vor, daß er allein sechs Festungen — Vejis, el Collado, Alpuente, Castielfavib, Cañete und Beteta —, die eine Linie von funfzig Stunden Weges bildeten und sämmtlich vom Feinde bedroht waren, unter seiner Obhut habe und daher seiner Pflicht an keinem Orte genügen könne. — Am 19. März langte die Ordre Cabrera’s an, daß ich sofort mit zwei Officieren nach jener Linie abgehen solle, um dort in Gemeinschaft mit Brusco die Leitung zu übernehmen.

Es war mir dadurch die Hoffnung geraubt, bei der letzten Vertheidigung von Morella mitzukämpfen, und diese Aussicht hatte mich so vieles Schwere und Verdrießliche freudig ertragen gemacht. Aber dennoch war es mir so lieb wie schmeichelhaft, daß der General mich zu dem wichtigen und mit so vieler Verantwortlichkeit verknüpften Auftrage ausersehen hatte; denn die dorthin gesandten Ingenieure mußten als ganz selbstständig und unabhängig angesehen werden, da ihre Verbindung mit dem Chef in Morella nur höchst unterbrochen und mitten durch feindliches Land bewerkstelligt wurde. Auch wußte ich wohl, daß unsere Stellung daselbst bei weit größerer Gefahr natürlich in jeder Hinsicht sehr angenehm war, und Brusco kannte ich durch des Herrn von Rahden und Verdeja’s Schilderungen als trefflichen Mann und treuen Cameraden, mit dem ich gern mich vereinigen konnte. Und der Soldat liebt Abwechselung und Veränderung.


So wie Espartero im November auf Calanda sich zurückgezogen, begann er die ungeheuern Rüstungen, durch die er im Frühjahre jeden Widerstand zu erdrücken dachte. Die Ingenieurs- und Artillerie-Parks wurden vervollständigt, Belagerungsgeschütze und besonders Mörser wurden in großer Zahl in Alcañiz versammelt und mit achtzigtausend Schüssen versehen, die Truppen arbeiteten unaufhörlich an der Anfertigung von Faschinen, Schanzkörben und Sandsäcken, und selbst aus entlegenen Provinzen wurden Transportmittel zusammengeschleppt.

Zugleich, da er gesehen hatte, daß Furcht und Versprechungen gleich wenig die Standhaftigkeit der carlistischen Freiwilligen erschütterten, suchte er durch einen Act kalt berechneter Grausamkeit auf sie zu wirken, wie ihn bis dahin in solcher Ausdehnung selbst Spanien nicht gesehen hatte; und diese Grausamkeit traf Schuldlose! Er ertheilte Befehl, alle Individuen in Aragon, Valencia und Murcia, welche einen Sohn, einen Bruder, Vater oder Gatten in den Reihen der Royalisten zählten, unverzüglich aus ihren Wohnsitzen zu vertreiben und nach dem nächsten carlistischen Gebiete zu führen. Bei Todesstrafe ward ihnen die Rückkehr untersagt, während ihr Vermögen confiscirt wurde. — Zu Tausenden langten bald die unglücklichen Ausgestoßenen in Morella und den andern festen Punkten an, von Allem entblößt und ihr Geschick beklagend; dennoch forderten sie die Ihrigen zur Ausdauer auf und flößten ihnen nur noch wilderen Haß ein. Cabrera, indem er ihnen Rationen reichen ließ, befahl strenge Repressalien, wohin immer seine Truppen dringen möchten.