Als nun aber in der zweiten Hälfte 1838 die Armee des Grafen von Morella, überall siegreich, die glänzendsten Vortheile davontrug, und als der General nun seine Operationen über den engen Kreis, in den sie bis dahin eingezwängt blieben, ausdehnen und auf die Eroberung Castiliens und die dadurch herbeizuführende Beendigung des Krieges denken durfte, da sollte el Turia zur Grundlage für die Ausführung dieser Pläne dienen und demnach so befestigt werden, daß es als Depot für alle Kriegsbedürfnisse und als Stützpunkt für die Offensiv-Operationen sowohl, als zum Repli im Falle eines Unglückes gesichert sei und jeden feindlichen Angriff mit Kraft zurückweisen könne. Vejis, Chulilla und Alpuente wurden so wie der Gipfel des mehrere tausend Fuß hohen und isolirten Collado in Festungen umgewandelt, und zur Sicherung der Verbindung mit dem Hochgebirge von Morella und Cantavieja wurden auch Montan und Manzanera leicht befestigt.
Im Sommer 1839 ward Capitain Brusco mit der Leitung dieser Vertheidigungswerke beauftragt, während Brigadegeneral Arévalo in der Provinz commandirte, wo er mehrfach bedeutende Vortheile über den Feind davontrug und bald wieder drei vollständige Bataillone mit zwei Escadronen organisirt hatte.
Während dieses in el Turia geschah, drangen Cabrera und seine Unterfeldherren nach Westen vorwärts, denn dorthin lag ja die Entscheidung; und so wie sie vordrangen, suchten sie das Erworbene sich zu sichern, ihren Truppen Anhalts- und Stützpunkte zu verschaffen, auf denen sie dann weiter bauen könnten. Daher befahl Cabrera, Cañete, acht Stunden östlich von Cuenca, zu befestigen, zu dessen Verbindung mit dem Turia dann auch Castiel Favib besetzt werden mußte. Daher ward im Sommer 1839, als die Carlisten — da die Feinde ihnen schon nicht mehr entgegentraten, vielmehr bei ihrer Annäherung in die großen Städte sich zurückzogen — bis tief in die Provinz Guadalajara hinein herrschten, dort Beteta zur Festung gemacht, nur ein und zwanzig Leguas von Madrid entfernt und nahe dem Tajo dessen Quellen beherrschend.
So lange aber jene Glanzepoche der carlistischen Macht im östlichen Spanien dauerte, hatte Cabrera immer nur vorwärts gestrebt, ohne weiter an Ausdehnung nach den Seiten hin zu denken; er wollte sich ja nicht in Castilien zur Vertheidigung vorbereiten, da ein Angriff unmöglich schien, sondern lediglich den Weg nach Madrid sich bahnen, dessen Eroberung das Centrum der Halbinsel ganz ihm übergeben hätte. Durch den Andrang Espartero’s war er nun genöthigt gewesen, zur Vertheidigung des Hochplateaus, des Hauptsitzes seiner Macht, sich zurückzuziehen, und in diesen so weit vorgeschobenen Festungen konnte er kaum die nöthigen Besatzungen lassen, welche ganz auf sich angewiesen blieben, da Arévalo’s Bataillone bei den weiten Entfernungen der Punkte wohl gar wenig wirken konnten und sich auf el Turia, als ein abgerundetes Ganzes mehr vertheidigungsfähig, beschränkten.
Die Christinos dagegen sandten sofort zwei starke Colonnen gegen sie, von denen die eine unter General Aspiroz, von Valencia vordringend, nach der Einnahme von Chulilla zunächst Vejis und Alpuente bedrohete, während die zweite unter General Balboa bestimmt war, die Provinzen Cuenca und Guadalajara zu schützen, die Besatzungen von Cañete und Beteta in Schach zu halten und endlich diese Punkte anzugreifen, wozu sie stets Vorbereitungen traf, bis der Fall von Morella, den Krieg entscheidend, sie unnütz machte.
Diese Linie von Cañete, wie sie nach ihrem Hauptorte genannt wurde, war nun zu einer wahren Linie geworden, die ganz ohne Ausdehnung nach den Seiten hin tief in das Innere von Neu-Castilien, echt christinosches Land, sich erstreckte. Das Resultat davon war, daß wir dort eben die Rolle spielten, auf die wir beim Beginn des Krieges die feindlichen Truppen und Besatzungen in den aufgestandenen Provinzen zu beschränken pflegten. Die Carlisten herrschten nur da, wo sie gerade sich befanden, d. h. in ihren festen Plätzen, und allenthalben, wo die Furcht vor ihren oft sehr gewagten Streifzügen ihnen Respect verschaffte. Die Christinos zogen dagegen beliebig zwischen den einzelnen Vesten umher, und wir konnten von der einen zur andern nur mit starker Bedeckung, oft auf weiten Umwegen und auch so noch nicht ohne große Gefahr gelangen, da die Garnisons der zahlreichen, die Linie überall umgebenden und flankirenden Forts und die noch gefährlicheren Partheigänger stets bereit waren, einzelne oder unvorsichtige Reisende wegzufangen.
Von einem carlistischen Gebiete konnte also dort seit dem Rückzuge Cabrera’s gar nicht die Rede sein. Brusco hatte vorgeschlagen, das Gebirge von el Albarracin zu befestigen, dadurch der Quellen der vier mächtigen in ihm entspringenden Flüsse sich zu versichern und so, ohne durch sie gehindert zu sein, von ihm aus nach den umliegenden Provinzen sich auszudehnen. Auch hätte dieser Plan, wenn er, als noch Cabrera unbestritten jene Länder beherrschte ausgeführt wäre, von höchstem Nutzen für den späteren Vertheidigungskrieg sein können. Aber damals glaubte Niemand, daß Cabrera je auf einen solchen reducirt sein würde, und als Maroto’s Verrath ihn so plötzlich in hoffnungslose Defensive zurückwarf, war es zu spät zur Ausführung.
Noch verdient bemerkt zu werden, daß sich durch die Ereignisse aus den einzelnen Festungen der Linie eben so viele, man darf wohl sagen, ganz unabhängige Militair-Republiken gebildet hatten. Arévalo — und seit dem Monate März Brigadier Palacios — war commandirender General im Turia und dem Namen nach im Königreiche Murcia, da die Eroberung dieser Provinz, in die vor Espartero’s Andrängen häufige Expeditionen gemacht wurden, von hier aus geschehen sollte, während Castilien unter dem unmittelbaren Oberbefehle des Generals en Chef stand. Jene erklärten daher mit Recht, sie würden das Commando in Castilien nicht übernehmen, weil ihnen mit demselben die Verantwortlichkeit und im Falle eines Angriffs die Verpflichtung zu helfen geworden wäre, der sie sich nicht unterziehen wollten, da sie auch im eigenen Gebiete nicht mehr zu helfen wußten. Was sollten sie thun mit ihren drei Bataillonen?
Brigadier Valmaseda aber, von Sr. Majestät zum commandirenden General von Alt-Castilien ernannt, hatte von Cabrera bei seiner Rückkehr aus Catalonien Beteta angewiesen bekommen, um von dort aus, bis er in seiner Provinz sich festsetzen könne, seine Operationen zu unternehmen. Er commandirte also nur dort und zwar vorübergehend.
So kam es, daß der Gouverneur von Cañete, Oberst Gil, da Jedermann behauptete, dort Nichts zu schaffen zu haben, gleichfalls ganz unabhängig dastand und mit seiner Garnison und einem kleinen Freicorps, welches er für die nöthigen Streifzüge errichtet hatte, so weit die Christinos es zuließen, unumschränkt herrschte. Die drei Anführer hatten sich übrigens vereinigt, um, wenn immer die eigenen Verhältnisse es erlaubten, zu gegenseitiger Hülfe zu eilen und ihre Operationen zu combiniren; und die Art, in der sie bis zum letzten Augenblick es thaten — eben dieser letzte Augenblick machte eine traurige Ausnahme — verdient Bewunderung, da nie Eifersucht sich kund gab. Von Cabrera erhielten sie gar keine Instructionen oder Ordres mehr, indem theils seine Krankheit und die Unterbrechung der Communication durch die Feinde solche verhinderten, theils auch die Verhältnisse der Art waren, daß augenblickliches, selbstständiges Handeln allein wirksam sein konnte, was der General zu wohl zu würdigen wußte, als daß er den Commandirenden nicht ganz freies Spiel gelassen hätte.