Um neun Uhr langte ich in la Puebla an, wo ich von Matias keine Spur, wohl aber ein Bataillon von Valencia traf; die Wachen im Dorfe sagten aus, daß kein Officier angekommen sei, die Dame und der Cadet waren seit Olva nicht mehr gesehen worden. Einen Augenblick zweifelte ich und hoffte, er werde, durch irgend einen Zufall zurückgehalten, rasch nachkommen. Aber die Aussagen einiger Bauern drängten mir bald die traurige Gewißheit auf: Matias war desertirt.
Sofort sandte ich den Lieutenant Losada und drei Sappeurs zur Verfolgung der Flüchtigen mit der Ordre, im Falle er sie einhole, das Weib gefangen zurückzubringen, Marias aber, wenn er Miene zum Widerstande oder zur Flucht mache, ohne Bedenken niederzuschießen. Ich selbst ging mit Valero auf Olva zurück, wo ich um Mitternacht anlangte; der Commandant d’armes der Stadt sollte so eben eine Depesche erhalten und demzufolge nach Linares abgereiset sein, weshalb ich selbst für alle Bedürfnisse sorgen mußte. Meine Lage war nicht sehr beneidenswerth. Kaum drei Stunden entfernt waren zwei feindliche Forts, die sehr bald von unserm Dasein Nachricht erhalten mußten; auch würde Matias, mit allem uns Betreffenden vertraut, wenn er entkam, die Mittel zu unserer Gefangennehmung leicht angegeben haben. An Abmarsch aber war nicht zu denken, ehe die Saumthiere abgelöset wurden, was vor dem nächsten Tage nicht geschehen konnte. Ich gestehe, daß ich zur kurzen Ruhe mit der Idee mich niederlegte, am folgenden Abend getödtet oder gefangen zu sein.
Früh Morgens kam Losada zurück. Er hatte die Spur der Flüchtigen von Masada zu Masada verfolgt, bis die Erschöpfung seiner Leute ihm die Hoffnung geraubt hatte, sie zu erreichen. In kurzem brachte ein Spion die Nachricht, daß ein Officier der Sappeurs mit Frau und Bruder, dem Cadetten, in la Albentosa sich präsentirt habe, wo auch der Commandant d’armes von Olva — bisher als eifrigster Carlist und sehr wichtiger Dienste wegen gerühmt! — während der Nacht angelangt war. Matias hatte alles ihm anvertraute Geld, so wie Pferd und Waffen des Lieutenants Norma mit sich genommen.
Seufzend verfluchte ich die Elenden, die durch so selbstische Motive zum Verrath sich hinreißen ließen, und verfluchte die Schwäche, so oft durch traurige Beispiele belegt, des Mannes, da ein verbuhltes Weib bis zur schmachvollsten Verletzung seiner Pflichten und seiner Ehre ihn zu treiben vermag!
Das Glück wollte mir wohl. Am Abend passirte ich ohne Unfall die Heerstraße zwischen den beiden drittehalb Stunden von einander entfernten Forts Barracas und la Albentosa, nachdem fünf Minuten vorher eine Escadron feindlicher Dragoner vor unsern Augen sie abpatrouillirt hatte. Zwei Tage später, nachdem ich einen hohen und wilden Gebirgsrücken überstiegen und den Guadalaviar passirt, langte ich in dem festen Castiel Favib an und wurde am 30. März in Cañete — Neu-Castilien, Provinz Cuenca — von Brusco und dem Premierlieutenant Norma herzlich empfangen. Nach einigen Verwünschungen gegen den Treulosen tröstete sich Norma bald über den durch Matias’ Desertion ihm gewordenen Verlust, da er wenige Wochen vorher bei der Anwesenheit einiger Bataillone und Escadrone mit merkwürdigem Glücke über dreihundert und achtzig Unzen Gold — la onza, die größte Goldmünze Spaniens, gilt 84 francs — zusammengewonnen hatte.
Auf dem Marsche nach Überschreitung der Heerstraße war ich einigen Bataillonen von Tortosa und Valencia nebst mehreren Escadronen von Aragon begegnet, die seit dem Januar unter Brigadier Polo auf einer Expedition in die Provinz Guadalajara begriffen und nun auf der Rückkehr nach Morella waren, um dort beim Beginn der Feindseligkeiten nicht zu fehlen. Hauptsächlich ausgesendet, um die Zahl der Consumirenden in unserm Gebiete zu vermindern, waren sie ruhig und friedlich in jener Provinz umhergezogen, da die Christinos vorzogen, bei ihrer Annäherung in die festen Punkte sich einzuschließen.
Cabrera richtete von jeher seine Aufmerksamkeit auf das reiche und carlistisch gesinnte Ländchen el Turia, dessen Besitz alle Unternehmungen nach dem südlichen Valencia, Murcia und Neu-Castilien ungemein erleichterte, während seine zum Theil sehr bedeutenden Gebirge der Kriegsweise der Carlisten nicht ungünstig waren. So wurde diese Provinz vom Anfang an häufig der Schauplatz von Cabrera’s Siegen, und es hatten sich selbst bedeutende Corps dort und in der nahen Provinz Cuenca gebildet, welche durch die Configuration der Oberfläche ähnliche Vortheile darbot, die jedoch in höherem Grade durch die Nähe der Hülfsquellen der Feinde und die vermehrte Aufmerksamkeit paralysirt wurden, welche dieselben deßhalb gegen die Festsetzung der Carlisten in ihr richteten.
Tallada bildete seine schöne Division von 4000 Mann ganz in jenen beiden Provinzen, und als sie durch des Führers Fehler im Februar 1838 vernichtet, er selbst getödtet war, eilte Arnau, aus den Trümmern derselben und den fortwährend hinzukommenden Elementen ein neues Corps zu bilden, mit dem er in Chelva sich behauptete.