Da die Wege furchtbar schlecht und oft mit fußhohem Schnee bedeckt waren, ein grimmig kalter Wind aber fortwährend neue Schneemassen uns in das Gesicht peitschte, bildete sich nicht selten ein Zwischenraum von einigen hundert Schritt zwischen den verschiedenen Abtheilungen, die eine jede für sich streng geschlossen zu bleiben angewiesen waren.

Plötzlich erregte ein lautes Geschrei hinter mir meine Aufmerksamkeit. Matias, vom Pferde gesprungen, haute unter Fluchen und Schreien mit einem Knittel auf einen der bagageros los, der auf dem kaum sechs Fuß breiten Wege zurückweichend, im Begriffe war, in den neben demselben tief unten brausenden Fluß rücklings hinabzustürzen, als ein Sappeur den Lieutenant ergriff und mit unwiderstehlicher Kraft dem Abgrunde zuschleuderte. Mit dem Kopfe voran stürzte Matias hinunter; aber seine Füße verwickelten sich in einigen Wurzeln, und rasch mit den Händen unten sich anklammernd blieb er hängen, während er, in die Tiefe fallend, unrettbar auf den Felsen zerschmettert wäre.

Im nächsten Augenblicke war ich dort und hatte den Sappeur durch einen Säbelhieb zu Boden gestreckt; es war Zurita, der beste und ruhigste Mann des Bataillons. Bald war Matias an den Füßen in die Höhe gezogen und konnte, wiewohl noch todtenbleich, den Vorfall erzählen. Seine Freundinn wollte den Cadet mit sich auf das Saumthier steigen lassen, wogegen der Eigenthümer protestirte; die Dame schalt in nicht sehr gewählten Ausdrücken auf den Bauer, dieser antwortete impertinent, und der leidenschaftliche Matias eilte, ihn dafür zu strafen. Jetzt forderte er — und mit Recht —, daß Zurita, da er sich an seinem Vorgesetzten vergriffen hatte, augenblicklich erschossen werde. Ich begnügte mich indessen, den in die Schulter so schwer Verwundeten, daß er ein Maulthier besteigen mußte, zu arretiren, das Weitere mir vorbehaltend, worauf wir den Marsch fortsetzten und spät am Abend in Mosqueruela anlangten. Im Hause eines armen, aber wackern Mannes, bei dem ich früher ein Mal logirt hatte und daher eines herzlichen Empfanges sicher war, thauete ich an einem tüchtigen Feuer in der Küche die erstarrten Glieder auf.

Am 24. März mußte ich in dem Städtchen, welches niedlich und zur Zeit des Friedens durch Gewerbthätigkeit wohlhabend ist, wiewohl die Lage im wildesten Gebirge es nicht begünstigt, wegen heftigen Schneegestöbers ruhen, da der Weg über das hohe und rauhe Plateau, die Wasserscheide des Ebro-Gebietes und der südlich durch Valencia dem Meere zuströmenden Gewässer, nach Linares ganz ungangbar war. — Ich erklärte dort dem Lieutenant Matias, daß ich fortan gar keine Rücksicht auf seine Gefährtinn nehmen werde, da ich um solch eines Weibes willen die Sicherheit meiner Leute nicht länger compromittiren durfte, die übrigens stets unruhiger und nur durch größte Festigkeit, gepaart mit guter Behandlung, in ihrer Pflicht erhalten wurden. Sie waren, wie gesagt, die besten Leute des Corps; aber der Gedanke, ihren Cameraden wegen jener Frau vielleicht füsilirt zu sehen, regte sie so auf, daß sie leicht zu jeder Gewaltthat sich hätten hinreißen lassen.

Zurita dagegen erkannte sehr wohl die Größe des Verbrechens, welches er begangen hatte. Zu sich gekommen von der ersten Überraschung, war er betäubt bei der Idee dessen, was er gethan; er begriff nicht, wie er dazu gekommen war, und indem er die Gerechtigkeit der Strafe anerkannte, beklagte er nur, so schimpflichen Todes sterben zu müssen. Ich war glücklich, da die Umstände mir gestatteten, den Bedauernswerthen dem ihm drohenden Geschicke zu entziehen.

Am 25. ging die Sonne an wolkenleerem Himmel auf, aber die Kälte war entsetzlich. Der Schnee lag auf der ganzen drei Stunden weiten Strecke bis Linares drei bis fünf Fuß hoch und war so fest gefroren, daß selbst die Pferde wie auf Felsen über ihn weggingen, ohne Spuren zu hinterlassen. Dabei war natürlich Nichts vom Wege sichtbar, und ich verdankte es nur meiner Vorsicht, da ich trotz der Klagen des Ayuntamiento von Mosqueruela sechs Guiden mitgenommen hatte, daß ich endlich um Mittag in Linares ankam. Der Wind war auf jenem Plateau unglaublich schneidend kalt, und ich erinnere mich nicht, je so Viel von der Kälte gelitten zu haben, wie dort auf der Gränze des gerühmten Königreiches Valencia in den letzten Tagen des Märzes; an Reiten war gar nicht zu denken, und tief in den Mantel gewickelt, mit dem Kragen desselben selbst den Kopf bedeckt, mußte ich dennoch alle zehn Minuten Halt machen, um unter dem Schutze irgend eines Felsens und dem Winde den Rücken zugewendet vor Allem Gesicht und Ohren durch Reiben etwas zu erwärmen. Es war mir, als würden während der ganzen drei Stunden mit einem spitzen Instrumente Furchen über das Gesicht gezogen.

In Linares fand ich einen Aide de camp des Generals mit der Errichtung eines — wie er es nannte — Forts beschäftigt. Eine alte Kirche suchte er nämlich auf die merkwürdigste Weise mit Flankenfeuer zu versehen, zu welchem Zwecke er auch oben unter dem Dache einige Balken weit hervorgeschoben und auf ihren äußersten Enden, über der wenigstens achtzig Fuß hohen Tiefe schwebend, ein hölzernes Hüttchen mit bunt durcheinander geworfenen Schießscharten gebaut hatte, was er denn stolz flankirende Thürme von seiner Erfindung nannte. Und dazu ließ er ein Dutzend Häuser rings um die Kirche abbrechen! Die ganze Stadt liegt übrigens in einem tiefen Kessel, so daß das wunderbare Fort auf weniger als halbe Flintenschußweite von allen Seiten durch hohe Berge überragt war.

Ich gab dem guten Aide de camp den Rath, nicht länger seine Zeit hier zu vergeuden, und eilte trotz seiner Bitte, so wie ich mich gewärmt und durch Speise gestärkt hatte, von dannen, den Marsch gen Süden fortsetzend. Nun ging es fortwährend bergab, und ehe wir viele Stunden zurücklegten, umsäuselten uns wieder die milden Zephyre, mehr dem Frühlinge angemessen; bald fanden wir schon Blumen und endlich gar in den Gärten der anmuthigen Dörfer Gemüse und wohlschmeckende Kräuter, wie die wärmeren Theile Spaniens in jeder Jahreszeit sie hervorbringen. Ohne selbst es zu empfinden, hätte ich so raschen Wechsel nicht für möglich gehalten, da wir, von dem großen Hochplateau von Aragon und Valencia, in dem ich die letzten fünf Monate zugebracht hatte, herabsteigend, plötzlich aus dem strengsten Winter in oft drückende Sommerwärme versetzt waren.

Meine Absicht war, in la Puebla de Arenoso neue Führer und Maulthiere zu nehmen, dann bis zu einer einsamen Masada, die eine Stunde von der gefährlichen Chaussee liegen sollte, vorzugehen und nach kurzer Ruhe am folgenden Morgen die Straße zu überschreiten, um jenseits noch während des Tages aus dem Bereiche des Feindes gelangen zu können. Als wir gegen Abend Olva uns näherten, befahl ich daher dem Lieutenant Matias, der am besten beritten war, mit dem Passe vorauszueilen und in la Puebla Rationen und Guiden zu besorgen, wodurch jeder Aufenthalt vermieden wurde. Seine Reisegefährtinn folgte uns stets auf geringe Entfernung, ohne daß er zu unserm Erstaunen sich weiter um sie zu bekümmern schien.