Am 22. März verließ ich Morella, um den Marsch nach dem Turia anzutreten. Die Gipfel der Gebirge waren weithin mit tiefem Schnee bedeckt, während die Thäler schon das freundliche Frühlingskleid anzulegen begannen, so daß ich, stets auf- und niedersteigend, eben so oft die eisige Temperatur des Winters gegen laue Westhauche vertauschte. Wo aber hoch im Gebirge der an ihrem Fuße so liebliche Wind schneidend durch die Schluchten brausete, schien er alles Lebende erstarren zu wollen.

Wenige Tage früher hatte Espartero die Operationen wieder aufgenommen. Auf dem Wege nach Cinctorres hörte ich weithin zur Rechten das Krachen der Geschütze, die gegen das seit dem 19. März belagerte Castillote so eben ihr Feuer eröffneten; und auch am folgenden Tage, da ich das Gebirge gegen Mosqueruela erstiegen hatte, begleitete mich lange der todverkündende Schall, schauerlich dumpf über die starren Schneegefilde hintönend.

Die Bravour, mit der Castillote vertheidigt wurde, ist selbst von den Feinden anerkannt, die lediglich dem ungeheuern Übergewichte ihres Materiales die endliche Eroberung zuschrieben und eingestanden, daß sie durch die Waffen der Belagerten, wie durch das plötzlich eingetretene strenge Wetter 2300 Mann hors de combat zählten — der carlistische Bericht gab 4500 Mann an —. Das Castell, von einem hohen Felsen hinab den Flecken beherrschend, hatte nur einen Zugang, gegen den neunzehn schwere Geschütze aufgestellt wurden. Die Garnison, nachdem sie den achten Sturm abgeschlagen hatte, ergab sich am 26. März, nur noch 270 Mann stark, da alle künstlichen Werke der Angriffsfronte demolirt waren und die im Angesicht des Forts stehenden carlistischen Truppen keine Bewegung zu Gunsten desselben unternahmen.

Der Mariscal de Campo Don Luis Llagostera verlor sein Commando, weil er, mit sechs Bataillonen kaum eine halbe Stunde von Castillote entfernt, vor seinen Augen es hatte nehmen lassen, ohne auch nur die Arbeiten der Belagerungsarmee, die übrigens 32 Bataillone stark war, im geringsten zu erschweren oder einen Versuch zur Rettung der braven Besatzung zu machen. Der älteste Brigadegeneral Don Juan Muñoz y Polo erhielt an seiner Stelle den Oberbefehl der Division von Aragon, da er im Sommer 1839 mehrere Expeditionen in das Innere Castiliens mit Gewandheit ausgeführt hatte und so eben von einem neuen Zuge nach der Provinz Guadalajara zurückkehrte.

Ich ward auf meinem Marsche von zwei Lieutenants des Geniecorps und von acht Sappeurs begleitet, welche ich selbst aus dem Bataillon mir ausgewählt; lauter entschlossene Kerle, auf die ich vor dem Feinde mich verlassen durfte. Mit diesem Detachement sollte ich die funfzig Meilen bis Cañete zurücklegen und zwar großentheils mitten durch ganz dem Feinde unterworfenes und von seinen Forts gedecktes Land. Doch war wirklich Gefahr nur in den fünf Meilen zu jeder Seite der Heerstraße von Teruel nach Segorbe, während der Rest des Weges mit guten Führern, Sorgfalt und Glück wohl ohne große Besorgniß zurückgelegt werden konnte.

Außer jener Bedeckung sollte auch der Sappeur-Officier, welcher von Brusco an den General gesendet war, mit mir nach Cañete zurückkehren. Don Manuel Matias hatte in seinem Vaterlande Portugal als Sergeant in dem Heere Don Miguel’s gedient und war nach dessen Vertreibung mit der portugiesischen Legion nach Spanien gekommen, wo er die erste Gelegenheit ergriff, um zu den Carlisten überzugehen. Bei wildem, aufbrausendem Charakter zugleich höchst brav, entschlossen und kenntnißreich war er bald zum Officier ernannt; noch in Chulilla hatte er sich besonders hervorgethan, da er von Brusco zur Leitung der Arbeiten dorthin detachirt war. Oberst Alzaga hatte ihn in Morella arretirt, weil er einer Dame wegen, welche, die Gnade des Generals für ihren auf dem Collado wegen Veruntreuungen in enger Haft gehaltenen Gatten, einen Oberstlieutenant, zu erflehen, mit Matias von Cañete her gekommen war, und mit der er in sehr vertrauten Verhältnissen stehen sollte, grobe Nachlässigkeiten sich zu Schulden kommen ließ. Erst im Augenblicke des Abmarsches wurde er in Freiheit gesetzt. Er hatte übrigens etwa zwölfhundert Duros für die beiden jenseit der Straße stationirten Compagnien Sappeurs bei sich, so wie das Pferd und die prachtvollen Waffen, welche sein Compagnie-Chef für die Reise ihm geliehen hatte.

In dem Städtchen Cinctorres angelangt, fand ich den vorausgerittenen Matias und mit ihm — die verrufene Doña! Das war mir ein Donnerschlag aus heiterem Himmel, da abgesehen von dem Widerwillen, den solche Geschöpfe stets mir einflößten, auf einem Marsche, wie der unsere, und unter jenen Verhältnissen Damen mit sich führen wenig anders hieß, als geradezu sich und, was schlimmer, die anvertrauten Leute dem Feinde in die Hände liefern. Ich expostulirte mit Matias, der mir jedoch erklärte, daß ihm die Ehre nicht erlaube, die Dame zu verlassen, welche seinem Schutze sich übergeben habe, und daß er lieber allein mit ihr den Gefahren der Reise sich aussetzen werde, wenn ich für meine Sicherheit oder Bequemlichkeit ihre Gesellschaft nicht zulassen wolle. Da schwieg ich und gab achselzuckend meine Einwilligung unter der Bedingung, daß wir nie ihretwegen warten oder gar Veränderungen in unserm Reiseplane — wir mußten billiger Weise Tag und Nacht marschiren — treffen würden, was bereitwillig angenommen wurde.

Doch schon am folgenden Morgen stand das Detachement eine halbe Stunde zum Abmarsch fertig, ehe Matias seinen Schützling heranführte. Die Sappeurs, deren einige mit ihm von Cañete gekommen und da um des Weibes willen Viel geplagt waren, murrten laut und prophezeiten Unheil aus solcher Begleitung; erst die Drohung, zweihundert Stockschläge auszutheilen und im Wiederholungsfalle den Schuldigen erschießen zu lassen, brachte sie zum Schweigen, da sie wohl wußten, daß das Recht dazu mir zustand, und daß ich nicht zweimal zu drohen pflegte.

Aus Rücksicht auf den Cameraden hatte ich meine Abneigung so weit besiegen zu müssen geglaubt, daß ich der Dame, da kein Maulthier im Dorfe aufzutreiben war, eines meiner Packthiere einräumte, wogegen ich dachte, ihr Sohn, ein Cadet von vierzehn Jahren, könne füglich eben so gut wie meine Sappeurs zu Fuß gehen. Ich ritt mit dem Lieutenant Losada und vor mir zwei Sappeurs an der Spitze, Matias mit seiner Gefährtinn und der Bagage folgte, und Lieutenant Valero mit vier Sappeurs schloß den Zug, während die beiden andern rechts und links das Terrain durchsuchten. Der Cadet, ein hübscher, munterer Junge, sprang leicht wie ein Reh bald vor mir her, bald scherzte er hinten mit Valero, der eben so munter und etwa achtzehn Jahr alt war.