Valmaseda endlich befehligte in Beteta seine beiden Escadrone, gegen 200 prächtige Pferde, die wir früher kennen lernten; dazu erhielt er im Monat April ein Bataillon, ganz aus Castilianern bestehend, die so eben ausgewechselt waren, nachdem sie Jahre lang in den Kerkern der Christinos jede Unbilde standhaft ertragen hatten, 600 Mann, begierig, so viele Leiden blutig zu rächen. Aber nur 200 von ihnen waren bewaffnet, während die Garnison des Schlosses von Beteta kaum 150 Mann stark war. Mit dem Bataillone „fidelidad al Rey“ — Treue dem Könige — wie die Ausgewechselten ehrend benannt waren, und seinen Escadronen machte Valmaseda durch ganz Guadalajara und selbst nach den Provinzen Soria und Burgos hin Ausflüge, in denen leider Menschlichkeit nicht immer seine unbezähmbare Bravour und Kühnheit begleitete.
Wie ich allgemein Alles, was seit dem Rückzuge Espartero’s aus seiner drohenden Stellung im Innern des Hochgebirges von Cantavieja und Morella sich ereignete, mehr als gewöhnlich detaillirt habe, weil ich der einzige Deutsche bin, der während des Winters und bis zum Augenblicke der gänzlichen Vernichtung mit den letzten Vertheidigern des rechtmäßigen Königs gegen die Übermacht und den Verrath kämpfen durfte — so weile ich auch länger bei der Schilderung der Verhältnisse, wie sie in diesem, nun ganz isolirten Theile der carlistischen Macht Statt fanden. Sie gewähren einen tieferen Blick in die Eigenthümlichkeiten jenes Krieges und versetzen uns in mancher Beziehung in die Zeiten zurück, da die Carlisten, noch schwach und unbedeutend, in einzelnen Guerrillas von ihren festen Sitzen in den unzugänglichen Gebirgen herab den rings sie umgebenden Feindeshaufen Hohn sprachen und Incursionen in das Innere des feindlichen Gebietes machten, um ihre Bedürfnisse — vor Allem Waffen und Lebensmittel — sich zu verschaffen, oder irgendwo einen schlau berechneten und kühn ausgeführten Schlag zu führen, wo die Christinos am wenigsten ihn erwarten konnten.
Doch darf dabei der Unterschied nicht übersehen werden, den die jetzt so sehr vervollkommnete Organisation der carlistischen Truppen hervorbrachte, so wie der Umstand, daß hier künstliche Festungen die Stelle jener natürlichen und unzerstörbaren Bergvesten vertraten, wodurch die Unternehmen sehr erschwert und gefesselt wurden, da das überall zugängliche Terrain nicht hinreichend die Carlisten begünstigte, als daß die Rücksicht auf jene künstlichen Stützpunkte nicht stets hätte überwiegend sein müssen.
Welche Reize aber ein solches Leben immerwährender Unternehmung und Gefahr hat, wie es die ganze Spannungskraft des Geistes unaufhörlich in Thätigkeit erhält und ihn eben so wie den Körper gegen alles Schwächende und Erschlaffende stählt, ist in der That erst dem, der selbst es erfahren, ganz verständlich. Nie habe ich größer, kühner und stolzer empfunden, nie höhere innere Kraft gefühlt und freudiger das Schwerste unternommen, dem Härtesten mich unterzogen, als zu jener Zeit, da jeder Schritt Tod drohte, da ich, von übermächtigen Feinden umgeben und verfolgt, an der Spitze weniger Braven in die Mitte ihrer Schaaren mich drängte und zwischen ihren Vesten und Colonnen hindurch weit das Land durchzog, wo eigener Muth, eigene Entschlossenheit und List die einzigen Rettungsmittel aus den in tausendfacher Gestalt sich entgegenstellenden Gefahren und Schwierigkeiten waren.
Da fühlt der Mann, was er vermag trotz aller Schwäche, und dieses Selbstbewußtsein giebt ihm herrlichen Muth und Vertrauen, um Allem freudig zu trotzen.