Nach der Einnahme von Castillote drangen beide Armeen der Christinos von Norden und Westen in das Gebirge vor. Brigadier — vor dem Kriege Schleichhändler — Zurbano, der jetzt hohe Thätigkeit entwickelte, überfiel mit seinem Freicorps am 6. April bei Pitarque zwei Bataillone von Aragon und nahm ihnen nach hartnäckigem Kampfe 400 Gefangene ab, worauf General Ayerbe am 8. Villarluengo und Don Diego Leon mit den Garden am 10. Peñaroya besetzte, welche beiden Punkte, da die Befestigungen zu kraftvoller Gegenwehr nicht hinlänglich vollendet, bei der Annäherung der Feinde geräumt wurden. Diese befestigten darauf Monroyo, sechs Stunden von Morella, als Depot.
Um durch die Besetzung des Ebro der carlistischen Armee die Verbindung mit Catalonien und die Hoffnung auf Rückzug abzuschneiden, durchkreuzte General Leon, Graf von Velascoain, nachdem Zurbano am 19. April nach lebhaftem Gefechte mit dem 1. Bataillon von Aragon in Beceyte eingedrungen war, den südlichen Theil von Catalonien, ohne ernsten Widerstand zu finden, nahm Flix und am 28. auch Mora de Ebro ein, welches der Graf von Morella erst am Tage vorher verlassen hatte, um noch immer krank an die Spitze des Heeres sich zu stellen. Doch vermochte Leon des ganzen Flußthales des Ebro noch nicht sich zu bemächtigen.
Hätte wohl unser unternehmender Feldherr, wie er früher es war, ruhig den Feind solche Fortschritte machen, zu bloß passiver Defensive sich drängen lassen, ohne kräftigen Widerstand, ohne Diversionen zu versuchen und jeden Fußbreit Landes den Sieger theuer mit seinem Blute bezahlen zu machen? Hätte Cabrera je seine Forts, die so große Opfer, so unendliche Anstrengungen gekostet, von Position zu Position ohne Kampf weichend, geräumt oder gar ihre Vertheidiger in nutzlosem Ringen gegen die Übermacht hülflos hingeopfert, um endlich unthätig sich zurückzuziehen, nachdem er eben so unthätig der Vernichtung seiner Treuen zugeschaut hatte?! —
O’Donnell war seinerseits nicht weniger erfolgreich. Im Anfange Aprils schon schritt er zur Belagerung von Aliaga, und nach kraftvoller Gegenwehr, die dem Feinde 1100 Mann gekostet hatte, ergab sich am 15. die Besatzung, nachdem zwei und zwanzig Geschütze vier Tage lang sie beschossen hatten. Sofort eilten die Christinos, das Fort von Alcalá la Selva zu berennen, dessen Gouverneur barbarischer Weise, nur um den Belagernden das Obdach zu nehmen, bei deren Annäherung das Städtchen niederbrannte, wiewohl es seiner Vertheidigung keinen Abbruch thun konnte. Auch er zeigte sich brav. Die schwarze Fahne, das bekannte Zeichen des Kampfes auf Leben und Tod, winkten von den Mauern hinab den feindlichen Schaaren entgegen; aber nach zweitägigem Bombardement war das Innere des Forts in einen Schutthaufen verwandelt, die Cisternen waren verschüttet, die Gewölbe zertrümmert durch die Macht der schweren Wurfgeschosse und die Mauern an mehreren Punkten rasirt, da die Carlisten nur vier leichte Geschütze, gleich denen in Cañete, den zwanzig Belagerungsgeschützen entgegensetzen konnten.
Da empörte sich die zusammengeschmolzene Garnison verzweifelnd und öffnete den Christinos die Thore, nachdem sie wieder 900 Mann eingebüßt hatten. Als der Gouverneur vor O’Donnell geführt wurde, fragte ihn dieser lächelnd, warum er seinen Entschluß, sich nicht zu ergeben, nicht ausgeführt habe, und entließ ihn auf die Erklärung, daß er sofort das Commando des Forts in dem jetzigen Zustande wieder übernehme, wenn er zuverlässige Mannschaft bekomme, mit den Worten: „Sie sind ein Braver und haben schon zu Viel gethan.“
Dann zog O’Donnell gegen Cantavieja, während Espartero mit dem Hauptheere zu der so lange vorbereiteten, so lange angekündigten Belagerung von Morella sich anschickte.
Oben sagte ich, daß Cantavieja’s Befestigung, den Händen des Obersten Cartagena anvertraut, traurig vernachlässigt war. Die Stadt ist auf drei Seiten durch die Schroffheit und Höhe des felsigen Bergrückens, auf dem sie gebaut, vollkommen gegen jeden Angriff gesichert; aber gegen Süden ist sie auf Flintenschußweite von einer durch eine Ebene mit ihr verbundenen Erhöhung beherrscht, die demnach mit mehreren Forts, der eigentlichen Angriffsfronte, gedeckt wurde. Es war nun durch die Fehler des ursprünglichen Planes und durch die allmählich vorgenommenen Änderungen und Nachhülfen[119] ein Flickwerk entstanden, welches endlich nicht mehr den Namen einer Festung verdiente und aus einer Anhäufung von Mauern, Gräben, Caponieren, Traversen und sonderbar gestalteten, namenlosen Dingen bestand, die wechselseitig einander hinderten und unnütz machten.
Die Carlisten thaten also das Klügste, was ihnen übrig blieb, als sie die Titulair-Veste bei dem Anmarsche O’Donnell’s am 11. Mai räumten und sich auf Morella zurückzogen.
Dieser General fand die Stadt in Flammen: die männlichen Bewohner hatten sämmtlich als voluntarios realistas die Waffen ergriffen und setzten, mit Weib und Kind abziehend, selbst ihre Wohnungen in Brand, um sie nicht dem Feinde zu überlassen. Die großen Fabriken und Magazine waren schon nach Morella verlegt, die Artillerie jedoch wurde, da der Entschluß zur Räumung erst im letzten Augenblicke gefaßt war, vernagelt zurückgelassen. Ein unersetzlicher Verlust!
O’Donnell zog darauf nach dem nördlichen Valencia und dem Ebro zu, um in Cabrera’s Rücken zu operiren und von dem Flusse ihn abzuschneiden, traf aber bei la Cenia auf diesen General, in dem dort ein Überrest des alten Feuers noch einmal — leider ohne weitere Folge — aufzulodern schien. Er bewährte, was er vermocht hätte. Nach siebenstündigem furchtbaren Ringen auf dem den Christinos nicht ungünstigen Terrain zwang er sie, wiewohl sie doppelt so stark waren, mit Verlust von 2500 Mann zum Rückzuge auf Vinaroz. Der Bruder O’Donnell’s, welcher, früher carlistischer Oberst, „der Umarmung von Bergara“ sich angeschlossen hatte und nun mit demselben Grade als Adjudant seines Bruders gegen seine früheren Waffengefährten focht, ward schwer verwundet, der Chef des Generalstabes getödtet.