Ferner mußte für die Bewaffnung der Rekruten, so wie für die Ausrüstung der Truppen im Allgemeinen gesorgt werden. Da wurde den Eltern und Verwandten der Deserteurs als Strafe die Lieferung einer gewissen Zahl Gewehre oder Ellen Tuch auferlegt, welche sie aus den feindlichen Festungen und oft, besonders die ersteren, aus dem Innern des Königreiches holten und sehr selten zu überbringen unterließen, da dann ihre Güter sequestrirt wurden.

Noch fehlten mir sehr viele, im Fall einer Belagerung unentbehrliche Gegenstände, wie Instrumente, Sandsäcke und andere, die ich persönlich anzuschaffen beschloß, weil sie in mein Fach gehörten und ich also für sie verantwortlich war. Mit 40 Sappeurs, 25 Infanteristen und 10 Kosacken zog ich nördlich von Cañete bis tief nach Aragon hinein, besetzte das uralte El Albarracin, Hauptstadt der Provinz und früher von den Christinos befestigt, und streifte bis unter die Mauern von Teruel, worauf ich nach eilf Tagen mit drei und funfzig beladenen Maulthieren in Cañete wieder anlangte, wo man zweimal die Nachricht erhalten hatte, daß ich gefangen und erschossen sei. Ich hatte fast hundert und zwanzig Leguas zurückgelegt und über funfzig Ortschaften besucht, zwei feindliche Partheigänger, die sich zum Angriffe vereinigten, geschlagen und ihnen neun Gefangene abgenommen, welche ich heimführte, und war durch gute Kundschafter, Benutzung des Terrains und häufig forcirte Contremärsche einem Detachement von 300 Mann, welches von Teruel aus zu meiner Verfolgung gesendet war, ohne Verlust entgangen, obgleich ich Tage lang, so wie ich einen höhern Berg erstieg, es mir nahe hinziehen sah oder, wenn ich kaum meine Requisitionen bewerkstelligt, eine Ortschaft in dem Augenblicke verließ, da der Feind von der andern Seite einrückte.

Ein dritter Partheigänger, der von Cuenca aus sich in Hinterhalt gelegt hatte, um bei meinem Rückmarsche in einem Defilée auf mich zu fallen, ward ganz vernichtet, indem zufällig Palacios mit zwei Bataillonen, um mit Valmaseda sich zu vereinigen, dort passirte, und Jener dessen Vorhut angriff, für mein Detachement sie haltend. — Während ich nach Norden mich wandte, hatte der brave Lieutenant Norma zu gleichem Zwecke die Gegend südlich von Cañete durchzogen und gleichfalls große Ausbeute gemacht. Er fing einen Spion auf, dessen Kopf nach des Obersten Gil Befehl auf eine hohe Stange neben dem Gemeindehause seines Geburtsortes Salvacañete gesteckt wurde.

Ich aber schlief vier und zwanzig Stunden lang fast ununterbrochen, da ich in jenen eilf Tagen nie zwei Stunden hinter einander geruht hatte und auf solchen Zügen, die Pferde zurücklassend, stets zu Fuß, mit dem leichten Trabuco auf der Schulter, an der Spitze meiner Soldaten einherschritt.

Bald bot sich mir Gelegenheit zu einem neuen Ausfluge. Von der ersten Compagnie Sappeurs waren vor meiner Ankunft fast funfzig Mann desertirt, und auch jetzt verschwanden wieder mehrere. Einen derselben hatte ich auf meinem Streifzuge eingefangen, und er war schon in capilla, um am folgenden Tage erschossen zu werden, als seine rührenden Bitten den Oberst Gil, welcher zufällig ihn sah, vermochten, mich um seine Begnadigung zu bitten,[118] worauf ich persönlich ihn zu sprechen ging. Die Kindlichkeit, mit der der Bursche in Thränen erzählte, wie er nur seine arme alte Mutter einmal habe sehen wollen, und reuevoll auf den Knieen versprach, gewiß immer der beste Soldat Carls V. zu sein, wenn ich das Leben ihm schenke, frappirte mich so ungemein, daß ich ihn in Freiheit setzte und selbst bald zu meinem Bedienten wählte, nachdem ich ihn geprüft hatte. — Meine Wahl reute mich nie: als Alle mich verließen, blieb er allein mir treu!

Da aber fortwährend die Desertionen in allen Waffengattungen sich häuften — die armen Teufel schienen zu fühlen, daß die Stunde des Unterganges uns nahete — mußte nothwendig ein Beispiel aufgestellt werden, weshalb ich am 16. Mai mit 80 Sappeurs und 12 Pferden nach der Mancha aufbrach, wo mehrere Deserteurs den Anzeigen unserer Kundschafter gemäß sich aufhalten sollten. Auch da ging es wie bei meinem früheren Zuge; ich wurde hart verfolgt und verlor selbst im Gefechte mit einer kleinen feindlichen Colonne drei Sappeurs, deren Tod jedoch schwer gerächt wurde. Einem Detachement, welches ich nach Moya hineinjagte, nahm ich fünf mit Wein beladene Maulthiere ab, durchzog die Provinz Cuenca und den nordöstlichen Theil der Mancha, überall die rückständigen Contributionen erhebend, und kehrte mit einem bedeutenden Convoy am 27. nach Cañete zurück. Nur einen Deserteur von der Infanterie brachte ich zurück, da ein anderer vom Sappeurscorps unterwegs wieder entkommen war.

Jener wurde am Tage nachher füsilirt und.... in derselben Nacht ließen sich abermals sieben Mann von der Mauer hinab, um zu entfliehen! Am Fuße derselben wurden sie niedergemacht, da der Gouverneur, von ihrem Vorhaben benachrichtigt, eine Compagnie zu ihrem Empfange versteckt aufgestellt hatte. — Einer meiner Bedienten, dem Scheine nach mit Leib und Seele mir ergeben, desertirte mit einem Maulthiere und einem Theile meines Gepäckes, da ich nach einem einige Stunden entfernten Dorfe ihn, etwas Vergessenes zu holen, zurückschickte. Während ich, unruhig über sein Ausbleiben, bittere Vorwürfe mir machte, daß ich um einer Kleinigkeit willen ihn exponirte, da ich überzeugt war, er müsse in die Gewalt des Feindes gefallen sein, langte die Nachricht an, daß er wohlbehalten im nächsten feindlichen Fort angekommen war. Und doch konnte ich ihm nicht zürnen: er war treu und gutherzig, aber sehr furchtsam und hatte, der nahen Belagerung mit Zittern entgegensehend, mehrfach mich gebeten, ihm während derselben Urlaub zu geben, den ich natürlich abschlagen mußte. Da war die Versuchung zu stark gewesen.


Unser Horizont umzog sich indessen mit immer dunkler sich aufthürmenden Wolken, die, fern wetterleuchtend, baldigen Ausbruch des Verderben drohenden Gewitters verkündeten. Die Nachrichten von Morella lauteten trübe, wie die heller Sehenden sie freilich nicht anders erwartet hatten, und auch wir wurden täglich mehr eingeschränkt und hörten täglich von den Vorbereitungen, die in Cuenca für die Eroberung von Cañete und Beteta umfassend getroffen wurden.