Der Gouverneur war ein biederer alter Junggeselle, der als Jüngling schon gegen Napoleon gekämpft und unter Ferdinand VII. eine Escadron in einem Linien-Regimente commandirt hatte. Seit dem Anfang des Aufstandes kriegte er an der Spitze einer Guerrilla in Aragon und Valencia, häufig dem Anschein nach auf immer vernichtet und jedesmal unermüdet sich wieder erhebend, bis er später Cabrera sich anschloß, der seine hohe Achtung vor ihm bekundete, da er ihn zum Chef des herrlichen Cavallerie-Regimentes von Tortosa ernannte.

Durch Wunden verhindert, ferner in der Cavallerie zu dienen, erhielt Oberst Gil das Gouvernement von Alpuente, welches er in den besten Stand setzte, und dann das des wichtigen Cañete, wo er durch Festigkeit und Einsicht, wie durch außerordentliche Milde sich hervorthat, ja diese zuweilen zu weit trieb, wie er z. B. meinen unumgänglichen und pflichtgemäßen Requisitionen für die Befestigungsarbeiten gewöhnlich durch Klagen über die armen Leute, die schon ganz ruinirt seien, Einhalt zu thun suchte. Doch dieser Fehler des Militairs, so selten in jenem Kriege, steigert unsere Achtung vor dem Menschen, und er erwarb ihm die Neigung des Volkes, welches in Valmaseda ja sein Gegenstück mit Jammer kennen lernte. Zugleich war der Oberst sehr uneigennützig, auch dadurch vortheilhaft hervorstechend, ein angenehmer Gesellschafter, stets guter Laune und bereit, Rath anzunehmen; er war selbst darin etwas schwach, indem er sich die ausschließliche Leitung aus den Händen winden und sein Gouvernement in der That zu einer militairischen Aristokratie werden ließ, da sechs oder sieben der angesehensten Chefs gemeinschaftlich regierten. Dadurch ward freilich zuweilen einiges Zaudern und Schwanken unvermeidlich.


Cañete ist auf drei Seiten mit einer sägenförmigen, etwa acht Fuß starken Mauer umgeben, aus den Zeiten der Araber herstammend; einige Thürme, zum Theil neu angelegt, flankiren sie. Die vierte Seite nimmt der 220 Fuß hohe Felsberg ein, auf dessen oberer, etwa 600 Fuß langer und 30 bis 80 Fuß breiter Fläche das Castell, ganz den Umrissen des Felsens folgend, erbaut ist. Doch war die Stadt nicht haltbar, da sie von mehreren, auf Flintenschußweite entfernten Höhen eingesehen und dominirt wird und gar keine bombenfeste Gebäude besaß.

Das Castell dagegen war in brillantem Zustande, enthielt vier abgeschlossene Plätze, deren jeder den vorliegenden vollkommen beherrschte und nach dessen Verlust der kräftigsten Vertheidigung fähig war, und bot den feindlichen Geschützen ein starkes Profil dar. Dabei waren die Werke rings umher auf zwanzig bis neunzig Fuß tief perpendiculär sich senkende Felsen gegründet mit Ausnahme eines kleinen Raumes von dreißig Fuß Breite, der eine — wenn auch mit unendlicher Schwierigkeit — ersteigbare Bresche zuließ, weshalb dorthin alle Vertheidigungsmittel gehäuft wurden. Eine naheliegende Höhe enfilirte das Castell, weshalb ich nach Niederreißung des auf ihr von einem früheren Gouverneur erbauten runden Thurmes, der gar keines Widerstandes fähig war, eine der Gestalt des Felsens angemessene starke Redoute dort anlegte.

Übrigens ward während der zwei Monate, in denen ich die Leitung der Arbeiten in Cañete hatte, sehr Viel zur Vervollständigung der Werke gethan, für die meistens Brusco schon den Plan entworfen hatte. Zweihundert Kriegsgefangene und sechshundert Bauern mit Maulthieren oder Eseln waren täglich in der Errichtung jener Redoute und dem Hinaufschaffen von Baumstämmen nach dem Castell, so wie in der Zubereitung und dem Transport der mannigfachen Materialien beschäftigt, während — bei unsern Mitteln eine ungeheure Arbeit — unter der Oberfläche des Felsens bombenfeste Casernen, Magazine und Cisternen geöffnet wurden, welche, vollkommen beendigt, auch der furchtbarsten Artillerie spotten konnten.

Zugleich gelang es, von dem nahen Flüßchen für den Fall des Angriffes eine Überschwemmung rings um die Mauer vorzubereiten und den bedeckten Weg zu beendigen, der von der Stadt nach dem Castell hinauf in den Felsen gehauen und gesprengt[117] wurde. Ein starkes Blockhaus auf der halben Höhe und eine unten am Ausgange des bedeckten Weges befestigte und unter dem Feuer des Castells und der Redoute in der die letzteren trennenden Schlucht liegende Hermite vervollkommneten das Vertheidigungs-System, so daß wir nur noch bedauern mußten, nicht die zur vollständigen Garnirung der Werke hinlängliche Artillerie zu besitzen. Denn echt facciosisch hatten wir lediglich vier kleine tragbare Berggeschütze, eine vierpfündige Kanone, eine fünfzöllige Haubitze — der spanische Fuß ist um etwa ein Zehntel größer, als der des rheinländischen Maßes — und zwei siebenzöllige Morteretes, sehr niedliche bronzene Mörserchen, die ein Maulthier transportirte; sie alle waren aus der Stückgießerei von Cantavieja. Die vier uns bestimmten schweren Geschütze kamen, wie gesagt, nie aus dem Collado an.

Wohin wir indessen unsere Blicke richteten, war der Schwierigkeiten und Mängel Legion, und Allem mußte und sollte abgeholfen werden. Zuerst bestand der ganze Vorrath an Geschossen für unsere Miniatur-Artillerie aus hundert und dreißig Kugeln, einigen siebenzig Granaten und etwa neunzig kleinen Bomben; dann hatten wir auch keinesweges das für den täglichen Bedarf und noch weniger das für eine Belagerung nöthige Pulver, während wir doch auch darin ganz auf uns angewiesen waren. Unverdrossen ging es ans Werk, Pulverfabrik, Schmelzofen und Kugelgießerei zu etabliren, was zwar manchen verunglückten Versuch und noch mehr Flüche der Ungeduld veranlaßte, aber doch endlich so weit gelang, daß wir ein brauchbares, wiewohl grobes, Pulver erzeugten, wie auch Valmaseda in Beteta es anfertigen ließ, und unsern Vorrath von Kugeln bedeutend vermehrten. Von einigen in unserm Bereiche liegenden Glashütten ließen wir etwa sechshundert gläserne Granaten liefern — als Handgranaten mit schwacher Ladung gegen den Sturm sehr mörderisch —, worauf alsbald General Balboa zwei jener Hütten niederbrennen ließ.

Wir überlegten selbst, wie wir einige schwere Kanonen gießen könnten, was freilich seine Schwierigkeiten hatte und auch wegen der Katastrophe, die plötzlich unserer Herrschaft ein Ende machte, nicht zur Ausführung kam. Doch hatten wir schon mehrere Vorbereitungen getroffen und zu dem Ende drei und zwanzig Glocken zusammengeschleppt trotz dem Jammer der guten Pfaffen, welche ihre Kirchen so geplündert sahen; die Orgelpfeifen aber wurden zu Flintenkugeln und Uniformsknöpfen umgeschmolzen. Für die Sappeurs fertigte ich selbst die Form der reglementsmäßigen Knöpfe von einer weichen Steinart an, die sich nur in einer einzigen Schlucht bei dem Dorfe Salvacañete fand, worauf Lieutenant Norma mit seinen Officieren an einem regnigten Tage die nöthigen Knöpfe goß, welche allgemeinen Neid erregten. Dabei amüsirten wir uns trefflich.