XXXVIII.

Unerwartet war Brusco nach Cañete zurückgekommen. Da Valmaseda, der von Fortification gar keinen Begriff hatte, in Beteta die unthunlichsten Dinge vollbracht sehen wollte, war Brusco mit ihm in lebhafte Streitigkeiten gerathen und verließ endlich die Festung, um sich nicht wehrlos der wilden Leidenschaftlichkeit des Brigadiers hinzugeben, dessen erstes Wort, wo er festen Widerstand erfuhr, „Niederschießen“ zu sein pflegte, was er denn auch nicht lange anstand auszuführen.

Da saßen wir denn oft, drei oder vier Cameraden, auf die alten hölzernen Lehnsessel hingestreckt bis tief in die Nacht um das knisternde Feuer — denn die Abende waren noch immer sehr frisch, so daß der Sitz am Herde in der Küche ganz heimisch war — und unterhielten uns traulich über das, was die nächste Zukunft bringen mußte. Wenige Tage vorher waren die beiden Cavallerie-Regimenter von Aragon angelangt, welche nach dem Vordringen des Feindes in das Innere des Gebirges dort unnütz nach Castilien detachirt waren. Sie brachten uns die General-Ordre, durch die Brusco und mir der Grad von Oberstlieutenant verliehen war; und durch sie erfuhren wir den Stand der Dinge bei der Armee. Bald kam auch mein wackerer Manuel, ein Bedienter, den ich krank in Morella zurücklassen mußte, mit zwei andern Sappeurs von dort an, da der Wunsch, ferner bei mir zu sein, durch alle Gefahren des Weges ihn getrieben hatte. Da hörten wir, daß Morella bereits, wenn auch wegen des Terrains nicht vollständig, blokirt sei, und daß der Gouverneur von Ares del Mestre dieses Fort dem Feinde verkauft habe, indem er, als die Garnison in der Kirche zur Messe versammelt war, die Christinos einließ, so daß eine Compagnie Sappeurs und zwei von Valencia gefangen wurden. Wieder Verrath!

Es war ein eigenthümliches Gefühl, wie wir so die Stunde des Unterganges mit Riesenschritten heranrücken sahen, unvermeidlich und ohne daß menschliche Kraft den Strom aufzuhalten vermocht hätte. Wir berechneten schon unsere Existenz nur noch nach Wochen und erwogen jede Chance für und wider, welche die Katastrophe um einen Tag beschleunigen oder um so viel weiter hinausschieben konnte; und doch scherzten wir selbst bei diesen ernsten Betrachtungen und haschten nach Lust und Vergnügen, wie immer, und handelten, als sei gar keine Veränderung in unsern Verhältnissen eingetreten. Der Mensch ist ein sonderbares Wesen; ich begreife wahrlich jetzt kaum, wie solche Contraste in uns sich vereinigen konnten. Während wir sehr wohl erkannten, wie nur noch Tage uns überblieben, und im vertrauteren Kreise diese Gewißheit uns nicht verheimlichten, schienen wir fortwährend, wie im vorigen Jahre, die siegesstolzen, hochstrebenden Krieger, die in kurzem ihren König auf den Thron seiner Väter zurückzuführen und die rebellische Herrscherstadt zu seinen Füßen zu beugen hofften. Im öffentlichen Leben, in allem Dienstlichen fuhren wir fort, Pläne zu entwerfen, auf Monate hinaus zu denken und vorzuarbeiten, als gäbe es gar keine Vernichtung drohende Gefahr. Höchstens verrieth etwa ein scherzhafter Wink, daß das Bewußtsein derselben nicht in uns erloschen sei. Und jene Arbeiten und Entwürfe wurden mit eben der Sorgfalt betrieben, wie wenn wir des Triumphes durch sie gewiß wären.

Aspiroz aber bereitete seinen Artilleriepark vor, um uns zu erdrücken, Balboa that ebendasselbe in Cuenca, wo er bereits siebenzehn grobe Geschütze vereinigt hatte. Er ließ Recognoscirungen bis unter die Mauern von Beteta vornehmen, denen die schwachen carlistischen Truppen sich nicht widersetzen konnten, und stellte die Wege nach jenem Platze sowohl, als nach Cañete für Artillerie her, während Palacios und Valmaseda, der erstere nur noch auf den Collado gestützt, eine thätige Defensive durch Streifzüge, unerwartete Märsche und wiederholte Überfälle kleinerer Detachements führten. Doch gewannen die Feinde durch Übermacht Schritt vor Schritt Terrain.

Tag auf Tag brachte so irgend eine neue Unglückskunde, bis eines Morgens — es war an einem der ersten Tage Juni’s — Brusco, vom Gouverneur kommend, ernst in mein Zimmer trat und mir zuflüsterte: „Morella ist gefallen, und der General hat den Ebro passirt!“ — Wenn auch längst erwartet, wirkte die Schreckensbotschaft doch im ersten Augenblick erstarrend auf Jedermann, und mancher schwere Seufzer entwand sich der Brust, da mit Morella ja der letzte Pfeiler des schon lange untergrabenen Gebäudes einstürzte. Furchtbar beklemmend, erdrückend ist der Schmerz des Mannes, wenn er das unrettbar vernichtet sieht, dem er ganz sich hingegeben hat, dessen Triumph sein Ziel und seine Hoffnung war, und für das er mit enthusiastischem Feuer gekämpft und sein Blut vergossen hat. Schwere, schwere Stunden waren jene, in denen kaum das Gefühl, bis zum Untergange treu und fest die Pflicht erfüllt zu haben, den glühenden Schmerz lindern konnte. — Und dann die theuren Gefährten, welche wir in Morella wußten!

Seit dem Anfange Aprils, da schon die Gefahr so ungeheuer drängte, hatte plötzlich die höchste, krampfhafte Energie und Thätigkeit jene Lauigkeit ersetzt, die bis dahin mit der Strenge des Winters sich verbündete, um die Fortschritte der Vertheidigungswerke von Morella zu hindern. San Pedro Martyr, der Vollendung nahe, war rasch geschlossen, und nun wurde mit der Kraft der Verzweiflung — und auch mit ihrer Blindheit — der Plan wieder aufgenommen, den Herr von Rahden einst entworfen und bereits tracirt hatte. Man bedachte nicht, daß jetzt weder hinreichende Zeit gegeben war, um so umfassende Werke gehörig auszuführen, noch das nöthige Material, besonders an Artillerie, zur wirksamen Vertheidigung derselben angeschafft werden konnte; man bedachte auch nicht, daß jener Plan auf die kraftvolle Mitwirkung der Armee berechnet war, wie sie von Cabrera — dem Cabrera der sechs ersten Kriegsjahre vor dem verhängnißvollen 16. December — nicht anders erwartet werden konnte, und ohne die freilich so ausgedehnte Arbeiten unnütz wurden.

Indessen geschah das unmöglich Scheinende. Capitain Verdeja, nach Morella berufen, leitete die außerhalb der Ringmauer anzulegenden Verschanzungen, und da Espartero nach kurzer Blokade in der zweiten Hälfte des Mais zur Belagerung der Festung schritt, fand er die nahen, unter dem Feuer des Castillo liegenden Höhen mit Erdwerken bedeckt, die jedoch sämmtlich nur mit Infanterie besetzt waren.

Die Garnison von Morella bestand aus drei Bataillonen Infanterie, indem jede der Divisionen eins geliefert hatte, aus vier Compagnien Sappeurs, zwei Compagnien Artillerie, dreihundert voluntarios realistas von Aragon und etwa hundert von Morella, da die übrigen fünfhundert bei der Annäherung des Feindes vorgezogen hatten, ihre Vaterstadt zu verlassen. So befanden sich etwa 2800 Mann in der Festung. San Pedro Martyr war mit 400 Mann und vier Geschützen besetzt, deren das Castell und die Stadt nur neun hatten, während die Christinos drei und sechszig Belagerungsgeschütze mit einer großen Zahl Mörser heranführten. Der brave Brigadier Beltran commandirte als Gouverneur.