Am Nachmittage setzte ich den Marsch fort, längs der Küste nordwärts mich richtend. Da ich in der Nacht unter einer Hecke mich niedergelegt hatte, ward ich durch einen lauten Ruf geweckt; zwei Männer mit Büchsen standen vor mir und forderten, indem sie sich als Carabineros — ein militairisch organisirtes Corps Zollwächter — zu erkennen gaben, meinen Paß. Als ich ihn hervorzog, ergriff einer derselben das Taschenbuch und blätterte darin umher. Todesschrecken machte mir das Blut erstarren: durch eine Unvorsichtigkeit, welche mir später unbegreiflich war, befand sich in dem Taschenbuche ein Päckchen Briefe, welche mir in Angelegenheiten des Dienstes nach Cañete geschrieben waren. Der Carabinero zog alsbald das unheilsvolle Packet hervor und fragte mich mit dem Ausrufe: „carajo, wie viele Briefe!“ von wem sie wären. „Von meiner Familie“ war die Antwort. Im ungewissen Lichte des Mondes betrachtete er einen jeden Brief einzeln und gab sie endlich mir zurück, der ich, kaum athmend, das Resultat der Untersuchung erwartete. Er zündete dann eine Laterne an und las sorgfältig den Paß, während ich, jeden Verdacht zu vermeiden, die Brieftasche ruhig in der Hand hielt. Nachdem sie jedes Wort des englischen Passes studirt hatten und natürlich, da sie nicht eine Silbe verstanden, befriedigt waren, verließen sie mich, gegen die Gefahren des Weges durch das Gebirge mich warnend. Tief aufathmend dankte ich für die Rettung aus der Gefahr, der ich mich übrigens nicht wieder aussetzte. Die Carabineros waren stets unsere blutgierigsten Feinde, die weder Pardon gaben noch erhielten!
Über Gerona und Figueras langte ich am 15. August Abends nach unendlichen Mühseligkeiten und Entbehrungen — Brombeeren waren von Barcelona her meine einzige Nahrung — bei Perthus auf der Gränze von Frankreich an. Als ich die Brücke überschritt, welche die beiden Königreiche verbindet, zitterte ich, wie nie im Leben, und jubelte und dankte Gott, daß er schützend aus diesem Spanien mich befreit hatte, aus den Klauen spanischer Volksaufklärer.
Nachdem ich den Zug der Pyrenäen, welcher schmal, aber rauh, bis ins Meer sich hineinzieht, überstiegen, befand ich mich am Mittage des folgenden Tages in Perpignan. Der Präfect der Ost-Pyrenäen und der commandirende General der Militair-Division stellten mir die Alternative, entweder mit meinem Grade in die Fremdenlegion einzutreten,[122] für welchen Fall sofort Gelder angeboten wurden, oder aber unmittelbar nach Deutschland abzugehen. Da ich das Ansinnen der Franzosen — vielleicht etwas derbe — zurückstieß und der Präfect es für eine passende Rache hielt, mir die Erlaubniß zum Aufenthalte, bis ich mir Hülfsmittel verschaffte, zu verweigern, trat ich am 18. August den mühevollen Marsch nach dem Vaterlande an.
[122] Von den mit Cabrera übergetretenen Carlisten hatten etwa 800 Mann in der Fremdenlegion Dienste genommen, so wie dreißig Officiere, denen ihr effectiver Rang zugesichert ward. Ein Bataillon ward daraus gebildet, welches bald nach Afrika abging. Die übrigen Carlisten weigerten sich trotz aller Aufforderungen, Versprechungen und Vexationen, Ludwig Philipp zu dienen.