Da befahl plötzlich der Rothmantel: „Nehmet diesem Menschen das Bündel und bindet ihm die Hände!“ Verächtlich lächelnd hielt ich das Packet hin, indem ich nur einige Papiere zu bergen suchte, als, ehe noch die Beiden herzugetreten waren, der Bandit eine Pistole unter dem Mantel hervorzog. Ein jäher Schreck durchzuckte mich: Meuchelmord! Ich versuchte, durch Versprechungen die Gefahr abzuwenden, aber ruhig den Hahn spannend, hielt er mit den Worten: „carajo, ich habe lange Lust, solch’ Einen zu tödten“ die Pistole mir auf die Brust. Blitzschnell wandte ich mich um, und das Packet flog dem Mörder an den Kopf in dem Augenblicke, da der Schuß ertönte: mein Arm sank blutend an der Seite nieder, aber unaufgehalten flog ich der Stadt zu. Die Kugel, durch die rasche Bewegung das Ziel verfehlend, streifte nur längs der Brust, drang in die Schulter und durchbohrte den rechten Oberarm.

Schon erschöpft durch Blutverlust und Schmerzen erreichte ich die Thorwache, von wo ich zum Gouverneur und dann in das Hospital getragen wurde. Durch seltenen Zufall hatte die Kugel weder die Arterie noch den Knochen bedeutend verletzt, da doch beide gestreift waren und das Hindurchgleiten zwischen ihnen und den Sehnen, von denen einige halb abgeschnitten waren, nach dem Ausspruche der Ärzte ein Wunder schien.

Nach sechs Wochen konnte ich das Hospital verlassen. Der Gouverneur erklärte mir, daß seine Bemühungen, die Meuchelmörder zu entdecken, fruchtlos gewesen seien; das mir Geraubte, worunter viele wichtige Andenken aus den letzten vier Jahren, Notizen und Effecten, war unwiederbringlich verloren. Während meines Aufenthaltes im Hospitale wurden übrigens über zwanzig entwaffnete Carlisten, mehr oder weniger schwer verwundet, nach demselben gebracht, und täglich liefen Nachrichten von Mordthaten ein, welche in der Umgegend vorgefallen waren. Ich glaube, mich selten gefürchtet zu haben; aber als ich zum erstenmale wieder die Straßen von Teruel betrat, konnte ich das Gefühl der Furcht nicht überwinden und warf fortwährend scheue Blicke nach allen Seiten. Schrecklich ist der Gedanke, nach so vielen überstandenen Gefahren und nach dem Schlusse des Krieges zu fallen — durch Mord!

Vorsichtiger gemacht marschirte ich nun mit einem Convoy wegen schwerer Wunden nach den Bädern bestimmter Christinos nach Valencia ab. Während das Volk, eben dasselbe, welches uns, da wir bewaffnet und siegreich das Land durchzogen, stets mit Jubel aufgenommen hatte, nach dem Blute der Wehrlosen lechzete, übten die Krieger, verstümmelt im Kampfe mit den Carlisten, — zwei von ihnen waren im Scharmützel mit meiner eigenen Streifparthie verwundet — die zarteste Rücksicht gegen mich aus und verfluchten die Feigen, welche, so lange der Krieg wüthete, unthätig hinter ihren Mauern sich versteckt hatten und nun ihren Patriotismus durch gefahrlose Insulte und Mord darzuthun suchten. Ja, eben diesen verwundeten Feinden dankte ich wiederholt das Leben. Der wahre Soldat, wenn auch wild und blutdürstig in der Aufregung des Kampfes, wird nie dem mit Muth unterliegenden Gegner Achtung und Bewunderung versagen.

Schon in Segorve war ich kaum einigen Erbärmlichen entgangen, die unter dem Vorwande, mich nach meinem Logis zu führen, in die abgelegensten Theile der Stadt mich lockten. Ihr Glaube, daß ich den valencianischen Dialect nicht verstehe, rettete mich. In Murviedro aber am 31. Juli erkannten mich einige Nationalgardisten, da ich früher als Kriegsgefangener dort gewesen war; zum Glück bemerkte ich ihr Nachschleichen, ihre lauernden Blicke und das drohende Geflüster, mit dem sie wieder und wieder vor meiner Thür vorbeigingen. Da die Militairbehörden von Murviedro im entlegenen Castell wohnten und ich so spät nicht mehr wagen durfte, dorthin mich zu begeben, baten mich einige der Verwundeten, welche neben meinem Hause einquartiert waren, bei ihnen die Nacht zuzubringen, für meine Sicherheit sich verbürgend. Und wohl bedurfte ich dieses Schutzes. Bis nach Mitternacht standen große Haufen von halbtrunkenen Schurken, mit ihren armlangen Messern bewaffnet, an der Thür und hinter den Ecken, erwartend, daß ich meinen Zufluchtsort verlasse.

Wieder durchschritt ich die herrlichen Gefilde der Huerta, aber mit wie so ganz andern Empfindungen. Damals ging ich kampflustig und vertrauend auf nahen Triumph zur Auswechselung, die langen Leiden ein Ziel setzen sollte; und jetzt...!

Nachdem mir der englische Consul in Valencia bereitwillig einen Paß unter falschem Namen als verabschiedetem Soldaten der britischen Hülfslegion ausgestellt hatte, da ich nur so mit einiger Sicherheit die Reise fortsetzen konnte, schiffte ich mich am 8. August auf einem kleinen Kauffahrer im Grao ein, um die im ewigen Frühlinge prangende Stadt zu verlassen. Ein günstiger Wind trieb uns längs den mit Hügeln umkränzten Küsten von Valencia und Catalonien hin, deren niedliche Städte, dicht an einander gereihet, langsam vorüberschwanden. Wir bewunderten die von der Natur zum geräumigsten und gegen alle Winde gleich trefflich geschützten Hafen gemachte Bai der Alfarques, da wir, drohendes Gewölk fürchtend, eine Nacht auf ihrer stets spiegelglatten Fläche zubrachten. Unter Carl IV. ward dort die Grundlage zu einer neuen Stadt, San Carlos, gelegt, in der einzelne prachtvolle Gebäude eine hohe Cathedrale umgeben, so wie alle Straßen abgesteckt sind. Die politischen Stürme und Drangsale, unter denen Spanien seit funfzig Jahren seufzet, ließen die Ausführung des schönen Gedankens auf günstigere Zeiten verschieben.

Dann durchschnitten wir den schmalen, weiß schäumenden Streifen, durch den der Ebro einige Meilen weit ins Meer hinein die Gewalt seiner Wasser bekundet, und legten am 11. Juli vor Tarragona bei, schon zur Zeit der Römer gerühmt und unter den Arabern als eine der ersten Städte der Halbinsel blühend, jetzt nur noch durch Ruinen an seine einstige Größe erinnernd. Am folgenden Tage erreichten wir den schönen Hafen von Barcelona, der reichsten Stadt Spaniens, eben so lieblich durch ihr Klima, wie sie in der Geschichte des Bürgerkrieges durch die Wildheit ihrer Bewohner hervorsticht, welche häufige Revolutionen und Mordscenen hervorrief.

Die Königinn Wittwe befand sich seit einiger Zeit mit ihren Töchtern in Barcelona nebst den Generalen Espartero, dem Siegesherzoge, Leon, Grafen von Velascoain und O’Donnell, welche ich kurz nach der Landung auf der Parade sah. Espartero ist von untersetzter Statur und dunkel gebräunten Antlitzes mit feurigen Augen und scharf markirten, listigen Zügen; in seinem Auftreten und Wesen malten sich unendlicher Stolz und Eitelkeit. Er stand zu jener Epoche auf dem Gipfel der Volksgunst und war von dem Heere angebetet. Vivas empfingen, Deputationen begrüßten ihn bei jedem Schritte, selbst über die Regentinn ihn erhebend, da er gerade durch eine Proclamation entschieden gegen das Regierungssystem sich ausgesprochen hatte. Espartero war schon der wahre Herrscher Spaniens. Neben ihm zog die starke imponirende Gestalt des Generals Leon die Aufmerksamkeit an: ein dichter schwarzer Bart, aus dem die Augen dunkel blitzten, bedeckte das ganze Gesicht und gab ihm einen besonders finstern Ausdruck. Augenscheinlich herrschte Kälte zwischen ihm und dem Oberfeldherrn. O’Donnell dagegen, wohlbeleibt, mit dem feststehenden Lächeln auf den immer sich gleichen Zügen, denen die scharf gebogene Adlernase einen Anstrich von Energie verlieh, machte sich Viel mit Espartero zu schaffen und schien durch freundliches Grüßen der Gruppen rechts und links das Wohlwollen des Volkes zu erstreben.