Noch muß ich die kurze und unbedeutende Expedition erwähnen, zu der General Sanz, welcher schon bei Gomez’s Abzuge mit einigen Bataillonen eine Bewegung aus Castilien gemacht hatte, um die Aufmerksamkeit des Feindes zu theilen, Ende Septembers mit drei Bataillonen und zwei Escadronen nach Asturien abmarschirte, während die Hauptarmee zu seiner Unterstützung im Thale von Mena operirte. Er zog am 4. October in Oviedo ein, wandte sich nach Galicien und, von dort abgedrängt, auf Castilien, durchzog einen Theil des Königreiches Leon und kehrte kräftig verfolgt nach Asturien zurück. Da er am 19. October einen neuen Versuch, in Oviedo einzudringen machte, ward er abgewiesen, nahm am 21. die Hafenstadt Gijon und wurde, da er am 24. bei Salas eine der ihn verfolgenden Colonnen angriff, mit einigem Verluste zurückgetrieben, worauf er sich in die Gebirge von Santander warf und mit dem dort operirenden General Castor vereinigte. Sein Zug hatte gar keinen Erfolg gehabt.
[21] Wie wenig die feindlichen Feldherren die Expeditionen als den Carlisten vortheilhaft ansahen, wird dadurch gezeigt, daß sie stets ihre Rückkehr zu verhindern sich bemüheten.
[22] Befestigte Linie der Spanier, Gibraltar gegenüber und auf Kanonenschußweite von der Festung angelegt.
VII.
Monat auf Monat verging; meine Hoffnung, bald die Freiheit wieder zu erlangen, stets aufs Neue getäuscht, schwand allmählich in finstere Hoffnungslosigkeit hin. Der Winter hatte durch die für jenes Clima ungewöhnliche Kälte und fußhohen Schnee in das nordische Vaterland mich versetzt, der Frühling rief wieder seine lauen Lüfte hervor, frisches Leben einhauchend; und immer zwang mich der Kerker zu peinlicher Ruhe, mahnten mich die eisernen Gitterstäbe, wie so ganz verschieden die Wirklichkeit war von den glänzenden Gebilden, in denen meine Phantasie sich gefallen. Doch war meine Gefangenschaft als solche keinesweges hart: die Gesellschaft, in der ich mich befand, machte sie vielmehr so angenehm, wie möglicher Weise Gefangenschaft es sein kann.
Da sich in dem Depot von Logroño gar keine — auch später sehr wenige — Gefangene befanden, war mir bei meiner Ankunft mit einem arretirten christinoschen Officier ein Zimmer angewiesen, dessen freie Fenster, achtzig bis neunzig Fuß über dem Hofe, der an die Stadtmauer stieß, auf das Feld sahen. Da die Wache aber bei Madinaveytia’s Burschen, der uns das Essen brachte, ein Strickchen fand, das er uns jedes Mal um den Leib gewickelt brachte, und dann auch das Zimmer durchsuchend mehrere andere entdeckte, die wir bereits, das Hinabsteigen zu erleichtern, mit Knoten versehen hatten, wurden wir auf einige Tage getrennt und bei unserer Wiedervereinigung in einen Kerker versetzt, der wohl jeden Gedanken an Flucht ersticken mochte. Das einzige, mit furchtbar starkem Gitter geschlossene Fenster öffnete auf die Straße, wo eine Schildwache auf und ab spatzierte, während eine andere die Thür bewachte; die eine Seitenwand trennte uns von dem Zimmer des wachehabenden Officiers, die andere von der Wachstube. Eine Hoffnung blieb uns: unter dem Kerker waren die Ställe der reitenden Artillerie, deren Sergeanten — die Sergeanten, oft Männer von Bildung und durch ihre Stellung den höchsten Einfluß auf die Soldaten übend, spielten in den tausendfachen Aufständen der christinoschen Armee stets eine große Rolle — als unruhig und unzufrieden bekannt waren. Madinaveytia wußte Bekanntschaft mit einigen derselben anzuknüpfen und bearbeitete sie mit dem ihm eigenen Talente so weit, daß sie auf seinen Plan eingingen, der darin bestand, durch die Ställe zu entkommen, auf den Pferden, mit denen die Artilleristen außerhalb der Stadt warten würden, den Ebro zu passiren und mit den Carlisten uns zu vereinigen, worauf er nach Frankreich sich zurückziehen wollte. Manche hingeworfene Äußerungen machten mich glauben, daß die Sergeanten mehr als bloßes Übergehen zu den Carlisten bezweckten: sie wollten eine unabhängige Guerrilla bilden, auf echte spanische Banditenart das Land ausplündern und dann mit ihrer Beute davongehen, wie es bei dem Zustande des Königreiches sehr leicht war und von vielen Erbärmlichen ausgeführt wurde, welche sich nicht scheuten, den Namen von Carlisten zum Deckmantel ihrer Schandthaten zu machen, so in Vieler Augen ihn schändend.
Ehe der Plan der Flucht zur Reife gekommen, mußten die Artilleristen abmarschiren, wodurch uns die Hoffnung auf endliche Rettung ganz genommen wurde. So suchten wir denn, die schwere Zeit so angenehm und nützlich wie möglich hinzubringen, und die Mittel dazu fehlten uns nicht. Die Mutter Madinaveytia’s, Doña Eulalia, war auf die Nachricht seiner Arretirung von Madrid herbeigeeilt, den einzigen Sohn zu pflegen; eine edle, tieffühlende Frau, ganz Milde und Hingebung, beseelt von der innigsten aufopfernden Liebe für ihren Sohn, einer der herrlichen ganz weiblichen Charaktere, wie unter Spanierinnen so selten sie sich finden. Da ich das Loos ihres Sohnes theilte, schenkte sie auch mir ihre volle Zuneigung und zeigte sich mir ganz als Mutter: ihr einziges Streben war darauf gerichtet, die Lage ihrer „armen beiden Söhne“ zu erleichtern. Bei den Besuchen, die sie täglich uns abstattete, ward sie von ihrer Niece begleitet, einem jungen, reizenden Mädchen, feurig und glühend, mit den dunkel schmachtenden Augen, dem üppigen Wuchse und den wunderkleinen Füßen der Andalusierinnen; ihr schneeiger Teint und die langen lichtbraunen Haare im Contrast gegen jene Glut-Augen des Mittags gaben dem lieblichen Wesen etwas besonders Anziehendes. Erst funfzehn Jahr alt war Paquita mit ihrem Cousin verlobt, und ihre schwärmerische Liebe schien in der Hoffnungslosigkeit stets leidenschaftlicher zu werden.
Häufig führten uns diese Damen einige ihrer weiblichen Bekannten und Verwandten zu, deren die Spanier eine unendliche Zahl haben, da sie die Vettern- und Basenschaft bis ins funfzigste oder sechszigste Glied nachzurechnen pflegen. Jede der schönen Besucherinnen brachte dann ausgesuchte Früchte, Eingemachtes und mancherlei Näschereien mit und theilte, der Sitte gemäß, mit dem Herrn, dem sie durch solche Artigkeit Vorzug zu zeigen beabsichtigte, den Leckerbissen, den sie als schönsten sich vorbehalten hatte. Die Lebensweise der spanischen Damen, wie sie durch die ganze Halbinsel dieselbe bleibt, ist getreu mit zwei Worten geschildert: ihr Schmuck, vor Allem die Anordnung der eleganten Mantilla, und die Bewegung des Fächers machen vom Morgen bis zum Anbruche der Nacht ihre exclusive Beschäftigung aus. Der Nebenzweck des Fächers ist, Kühlung zu geben; aber er drückt Alles aus, wodurch weibliche Koketterie die schwachen Herzen der Männer zu erobern und sich zu erhalten sucht, Unwille, Verlegenheit, Gleichgültigkeit, Vorwurf, Hingebung, Eifersucht und wie alle jene mächtigen Verbündeten der frivolen Gefallsucht und Eitelkeit heißen mögen — die graziösen Bewegungen des Fächers sprechen sie vollkommen aus. So sitzen diese Damen plaudernd, Chocolate schlürfend und gähnend, sich moquirend und schlummernd, kokettirend oder neue Eroberungs-Pläne entwerfend, bis die Frische des Nachmittags sie zum Spatziergange ruft, auf welchem Auge und Fächer um die Wette ihr grausames Spiel treiben; der Abend führt sie zur kalten, langweiligen Tertulia, wo sie sich bald um die Hasardtafeln gruppiren, durch die niedrigste Leidenschaft unüberlegt ihre schönen Züge entstellend. In allen Classen der Gesellschaft ist die Spielsucht auf unglaubliche, Schrecken erregende Höhe gestiegen.