Ich war frei! Mein Herz pochte laut bei so wonnigem Gedanken, und ich stattete dem Höchsten innigen Dank für die neue Wohlthat. Doch die Gefahr war noch nicht vorüber, und ich eilte, nach kurzer Frist meinen Marsch fortzusetzen, indem ich den Stand der Sonne beachtend nach Nordwesten mich richtete, wo ich zuerst carlistische Truppen zu finden hoffte. Wohl durch die Mittagshitze von den Arbeiten zurückgehalten, war lange Niemand in den Feldern sichtbar; wie aber die Frische zunahm, traf ich häufig Bauern, deren Blicken ich möglichst mich zu entziehen suchte. Was sollte ich thun? Ich wußte nicht, wo ich war, wie fern von unsern Garnisonen; ich mußte fürchten, gar irgend einer feindlichen Streifparthie oder einem ihrer festen Punkte mich zu nahen, im Falle ich etwa noch im Gebiete der Christinos mich befände. So beschloß ich zu fragen. Ein greiser Bauer war mir nahe mit der Hacke beschäftigt; ich eilte zu ihm, der nicht wenig überrascht, erschreckt selbst mich nahen sah. Mein Gespräch beruhigte ihn bald, und da ich endlich, durch seine herzlichen, einfachen Worte ermuthigt, ihm meine Lage offen auseinander setzte, bot er mir die Hand und bat mich, ohne Furcht ganz auf ihn zu vertrauen. Eine Stunde später saß ich ruhig in seinem niedrigen Häuschen, einen Becher stärkenden Weines vor mir, und spät am Abend bestiegen wir die Maulthiere meines Wirthes, der mich sicher nach Estella zu geleiten versprochen hatte.
Die Nacht war mondhell und erlaubte uns, auch auf den Gebirgspfaden verhältnißmäßig schnell zu reiten; wir hatten dazu das Glück, Niemand auf dem Marsche zu treffen, von dem wir Verrath hätten fürchten dürfen. Wenige hundert Schritt zur Rechten erhoben sich die Mauern von Lerin, die durch die Unseren kurz vorher zerstört, nun von Neuem aufgerichtet wurden, und der Ruf der Schildwachen „sentinela alerta“, wie er in rascher Folge längs den Werken hinablief, tönte hell und drohend in unser Ohr. Gewohnt, während der Nacht carlistische Krieger ihnen nahe und bis zum Fuße ihrer Wälle schweifend zu wissen, ließen die Feinde uns unbeachtet, wiewohl das Gebell der Hunde wie der laute Schall von den Tritten unserer Maulthiere die Gegenwart von Fremden ihnen verrieth, und so wie wir aus ihrem unmittelbaren Bereiche waren, entriß uns schnell ein tüchtiger Trab der Gefahr. Da naheten Tritte, Bajonnette blitzten im Mondenscheine; ich gestehe, ich fürchtete und beklommen vermochte ich kaum zu athmen. Doch mein Führer, scharfen Blickes das Helldunkel durchspähend, ritt ruhig vorwärts — im nächsten Augenblicke erkannte ich die weißen Barette der Freiwilligen: ich war unter den Meinen. Mein Jubel war unendlich. Nach so langen Monaten, die ich eingekerkert, thatenlos verschmachtet, sah ich die Krieger, die ich als Cameraden begrüßen durfte, deren Kämpfe zu theilen das Streben meines höchsten Ehrgeizes war. Die Zukunft erschien mir wieder in das anziehend glänzende Gewand der Hoffnung gehüllt, die, wie oft auch bittere Erfahrung dem Menschen ihre Trüglichkeit zeigt, doch immer wieder auftaucht aus der Tiefe, in der sie geschlummert; die alte, heiße Sehnsucht nach Kampfesgetümmel und kriegerischem Treiben war nur feuriger geworden durch das Erlittene und in dem Schmerze, daß so lange Zeit, so glänzende Ereignisse für mich verloren waren.
Am Mittage des 11. Juni langte ich in Estella an, einer der vorzüglichsten Städte Navarra’s und Hauptpunkt des carlistischen Theiles der Provinz; die Stadt, im Innern freundlich und durchströmt von der Ega, war nun doppelt belebt und blühend durch die Ausgewanderten, welche ihr eigener Eifer oder revolutionaire Unduldsamkeit dorthin getrieben hatte. Die Befestigung war seit dem Angriffe Oráa’s bedeutend gehoben; da die Stadt in einem Kessel liegt, waren rings die sie umgebenden Höhen mit selbstständigen Forts und Werken gekrönt, deren Feuer, überall sich kreuzend, wechselseitig sie vertheidigte, die zu der Stadt führenden Wege und Schluchten beherrschte und so die Annäherung sehr schwierig machte. Ich traf in Estella einen befreundeten Officier, mit dem ich während ein Paar Wochen vereint gefangen gewesen, und der mich dem General Garcia vorstellte, von dem ich zum General Uranga gesandt wurde, da dieser als commandirender General der vier Provinzen während der Abwesenheit Sr. Majestät zurückgelassen war. Er war in der Armee unter dem bezeichnenden Namen des guten Dummkopfes bekannt: seine rühmlichsten Eigenschaften bestanden in unbegränzter Herzensgüte, Redlichkeit und der Treue für seinen Monarchen, zu dessen Vertheidigung er das Schwerdt ergriffen. Seine Talente entsprachen leider nicht der hohen Stellung, die ihm anvertraut war, wiewohl er Vieles dadurch ersetzte, daß er stets bereit war, den Rath erfahrener Männer zu erbitten und zu befolgen. Uranga bestimmte mich nach freundlicher Aufnahme und langer Unterredung zu dem Generalstabe von Navarra, da General Garcia mich dazu erbeten hatte, von dem ich sofort, nach Estella zurückgekehrt, auf das schmeichelhafteste empfangen wurde.
Don Francisco Garcia war bei dem Ausbruche des Aufstandes Pr.-Lieutenant der freiwilligen Royalisten; Bravour und Talent hoben ihn rasch zu den höchsten Graden. Ohne militairisch-wissenschaftliche Bildung ersetzte er diesen Mangel durch lebhaften, das Verwickeltste mit Leichtigkeit auffassenden Verstand und durch genaue Kenntniß von seiner vaterländischen Provinz Navarra, den Vorzügen, Mängeln und Bedürfnissen derselben, so wie von dem Charakter seiner Landsleute. Seit er an der Spitze des Königreiches stand, leitete er die Kriegs-Operationen mit höchster Auszeichnung und verwaltete das Land sehr gerecht, weßhalb die Bauern, welche nicht selten seiner Fürsorge und Großmuth die Erhaltung ihrer Erndten, ihrer Güter und ihres Lebens verdankten, ihn eben so anbeteten wie die Soldaten, denen er der sorgsamste Vater war. Unerschütterlich in seiner Treue für Carl V. war er scharfsichtig genug, um die undankbaren Selbstlinge zu durchschauen, welche den verblendeten König durch Heuchelei zu täuschen wußten, da sie bereit waren, ihren erhabenen Wohlthäter zu opfern, so wie ihre Zwecke es erheischen möchten. Garcia kannte sie und that, so viel in seiner Macht stand, um ihren Plänen entgegenzuarbeiten. Arglist siegte auch da über biedere Loyalität; der edle Garcia fiel unter den Streichen Derer, die durch seinen und seiner Freunde Tod das Gelingen ihrer Verrathes-Complotte sicherten.
Kurze Zeit vor meiner Ankunft hatte Garcia durch Überraschung das feste Lerin genommen, bei der Annäherung Espartero’s aber, der mit sechszehn Bataillonen von Pamplona heranzog, es geräumt, da er den vorgeschobenen Platz nicht behaupten konnte. Die Bewohner der umliegenden Dörfer, erbittert über die Gräuel, mit denen die Garnison auf ihren Streifzügen sie heimgesucht, hatten die Stadt ganz ausgeplündert. Espartero fand sie am 10. Juni evacuirt und die Festungswerke zerstört, die er sogleich mit größter Thätigkeit wieder errichten ließ. Er blieb dann in dem Ebro-Thale, um das bei Estella concentrirte Carlisten-Corps zu beobachten, dem auch Uranga einige Bataillone zuführte, einen Angriff Espartero’s auf die Stadt befürchtend, zu dem die Abwesenheit der königlichen Expeditions-Truppen wohl einladen konnte.
Am 15. war Gen. Garcia mit einigen Bataillonen nach dem Dörfchen Allo in dem reichen Solana-Thale aufgebrochen, von wo aus er die zur Deckung der Arbeiten in Lerin aufgestellten Truppen beunruhigte. Am Abend marschirten wir von dort ab, gegen Westen uns richtend, und durchschnitten mehrere Stunden lang bald fruchtbare Thäler, bald auf schmalen Felswegen unwirthbare Bergrücken, wobei wir uns mit vieler Vorsicht und Anempfehlung von Stille bewegten und fortwährend Detachements zur Rechten und Linken entsendeten. Endlich machten wir Halt, und die Freiwilligen streckten compagnieweise, das Gewehr im Arm und in die bunten Decken gehüllt, zu kurzem Schlafe sich hin, während der General Meldungen empfing oder eifrig mit vier Landleuten redete, die kurz vorher zu uns gestoßen waren. Plötzlich ward mit leiser Stimme der Aufbruch befohlen, kaum hörbar durchlief dumpfes Gemurmel die Reihen, selbst die Cigarren mußten ausgelöscht werden, und nur das gleichmäßige, vage Geräusch der marschirenden Bataillone — es waren ihrer drei vereinigt geblieben — tönte durch die Stille der Nacht. Da ward auf geringe Entfernung ein dunkeler Gegenstand sichtbar, von dem bald das bekannte „sentinela alerta“, weit zurück hinsterbend, herüberschallte, und „Peralta, Peralta!“ säuselte ein leises Flüstern die Marschkolonne hinab: es war in der That die bedeutende vom Feinde befestigte Stadt Peralta, durch ganz Spanien wegen der ausgezeichneten Weine seiner Umgegend bekannt.
Der General blieb mit den Bataillonen hinter einem nahen Olivenhölzchen stehen, während zwei Grenadier-Compagnien, an deren Spitze er mich und einen andern Officier seines Stabes gestellt, von zwei Landleuten geführt vorwärts schlichen, jeden Busch, jede Vertiefung zur Deckung benutzend und oft auf dem Bauche über offene Stellen fortkriechend. Unbemerkt gelangten wir bis unter die Mauer, wo sie kaum neun Fuß hoch von dem Felsen sich erhob, in den der Graben geöffnet war; rasch wurde die mitgebrachte Leiter angesetzt — da tönte wieder der Wache Ruf[28], längs der Mauer hin, und rechts und links, kaum dreißig Schritt entfernt, antworteten zwei Schildwachen der warnenden Stimme; regungslos schmiegten wir uns an die Mauer. Einen Augenblick später schwangen sich die beiden dazu bestimmten Grenadiere gewandt hinauf, ich folgte mit meinem Gefährten, Beide gleichfalls mit Büchsen bewaffnet und die Canana um den Leib geschnallt. „Quien vive? Quien vive?“ und zwei Schüsse auf beiden Seiten folgten sich; die Grenadiere erstiegen gedrängt die Mauer und sprangen sofort in die Stadt hinab, wo alsbald ungeheures Getöse von Schüssen und Geschrei, Trommelwirbel und Geläute der Glocken sich erhob. So wie eine halbe Compagnie innerhalb der Mauer formirt war, führte sie mein Gefährte, mit der Örtlichkeit vertraut, raschen Schrittes gegen das nächste Thor, dessen Wache wir unter dem Gewehre fanden. Eine Salve, die erste, welche wir gaben, von lautem Viva el Rey begleitet zerstreute sie; fünf Minuten später war das Thor mit Beilen geöffnet, und Garcia stürmte herein mit seinen Bataillonen, besetzte die Hauptstraßen, entsendete starke Patrouillen und vermehrte durch wildes Feuer die Verwirrung des Feindes. Als der Tag anbrach, fanden wir die Stadt in unserm Besitze, da die Garnison mit Zurücklassung von etwa siebenzig Gefangenen in das Fort sich geworfen hatte. Viele unserer Soldaten hatten sich plündernd durch die Häuser zerstreut, und erst nach zwei Stunden gelang es durch unerbittliche Strenge, sie wieder zu formiren und Ordnung herrschend zu machen.
Espartero befand sich wenige Meilen entfernt in Lodosa, aber er rührte sich nicht und machte eben so wenig irgend eine Bewegung gegen Uranga, der mit neun Bataillonen von los Arcos aus, vier Stunden nördlich von Lodosa, ihn beobachtete. So konnten wir drei Tage in Peralta bleiben, dessen Besatzung übrigens im Fort unbelästigt blieb und auch gegen uns keinen Schuß weiter abfeuerte. Nachdem alle Vorräthe, deren an Wein, Getreide und Öl viele sich fanden, so wie die Waffen und Pferde nach Estella geschafft waren, verließen wir die Stadt, um nach der Solana zurückzukehren. — Ich war glücklich, da ich endlich wieder dem Feuer dieser Christinos mich gegenüber gesehen hatte.