[26] Mein braver Camerad, Bernhard v. Plessen, früher Lieutenant in königl. Preußischem Dienste, ward gefangen, da er seine Batterie nicht verlassen wollte und bis zum letzten Augenblicke feuerte. Er fiel, kaum ausgewechselt, in der königlichen Expedition 1837.
[27] Um die Größe jenes Sieges, den Moreno durch seine geschickten Dispositionen herbeiführte, die furchtbar verwirrte Flucht der Anglochristinos und ihre Muthlosigkeit ganz zu würdigen, muß man die Berichte der Officiere von der britischen Legion lesen.
IX.
Acht Monate waren mir in dem Kerker von Logroño verflossen, die Operationen der beiden Armeen hatten mit dem Eintritt der schöneren Jahreszeit mit mehr Lebhaftigkeit wieder begonnen; meine Ungeduld, da ich immer zur Unthätigkeit verdammt blieb, ward bei jeder Nachricht von neuem glorreichen Kampfe der Meinen zu bitterer Verzweiflung. Umsonst hatte ich Auswechselung gefordert: es erfolgte keine Antwort auf meine Vorstellungen, die wohl in irgend einem untergeordneten Büreau mochten liegen geblieben sein. Da trat eines Morgens — am 8. Juni 1837 — ein Platzadjudant in mein Zimmer, mich zu benachrichtigen, daß ich am folgenden Tage nach der französischen Gränze abgeführt werde. Der Gouverneur der Provinz, ein trefflicher Mann, der nach langem Dienste im Auslande nicht ganz die Ideen und Vorurtheile seiner Landsleute theilte, hatte mir erklärt, daß er streben werde, Befehl zur Auswechselung oder den Paß für mich zu erlangen. Auf seine Darlegung befahl ihm Espartero, bis zu der Gränze mich escortiren zu lassen. Lange blieb ich regungslos bei der Freudenbotschaft, ich faßte nicht, glaubte nicht, was ich schon nicht mehr zu hoffen gewagt; dann sprang ich umher in lautem sinnlosen Jubel und lachte und dankte Gott für so herrliches Geschenk. Mein sehnlichster Wunsch sollte ja endlich erfüllt werden: ich verließ diesen Kerker, aus dem Flucht unmöglich war. Wohl war ich entschlossen, das französische Gebiet nicht zu erreichen.
Am nächsten Tage durchschritt ich zwischen zwei Reihen von Soldaten die fruchtbaren Gefilde der Rioja, welche der Ebro der Länge nach bespült. Mit welcher Sehnsucht blickte ich auf die Hügel, die jenseit des Stromes sich erhebend dem carlistischen Gebiete angehörten! Wiederholt war ich im Begriff, die Wache zu durchbrechen und in den Strom mich zu stürzen, der durch die Sonnenhitze ausgetrocknet fast überall passirbar war. Solcher Versuch wäre Tollheit gewesen. Wir übernachteten in Calahorra, wo früher die Messer der Mörder auf meine Brust gezückt waren, und setzten dann den Marsch auf Tudela fort, den Ebro dort zu passiren. Mein Plan war, nördlich von diesem Strome die Flucht zu versuchen, da es leichter sein mußte, von dort aus durch die Gebirge die carlistischen Truppen zu erreichen; da eine günstige Gelegenheit früher sich darbot, eilte ich, sie zu benutzen.
Am Mittage des zweiten Marschtages machte meine Escorte Halt, um in einem Landhause, einige hundert Schritt vom Ebro entfernt, ihr Mahl zu bereiten und dort während der drückendsten Wärme zu ruhen. Durch eine Schildwache vor der Thür bewacht, ward ich in ein Gemach der oberen Etage eingeschlossen, während die übrigen Soldaten vertrauend, daß ich der Freiheit zueilend wohl nicht entfliehen werde, und sorglos, wie stets der Spanier es ist, sich niederlegten, ihre Siesta zu schlafen. Auch der Officier zog sich auf sein Zimmer zurück, nachdem er mir einige Impertinenzen gesagt hatte. Ich biß die Lippen über einander und wünschte vom Grunde des Herzens, daß eine carlistische Streifparthei die unvorsichtigen Schläfer unangenehm aus ihrer Ruhe aufstören möge.
Die Sonne stand hoch am Himmel, glühende, erschlaffende Hitze ausströmend, da nicht der leiseste Hauch die Luft bewegte, Kühlung zu erzeugen. Die lautlose Stille war nur durch der Schildwache eintönig klagenden Gesang unterbrochen, der an die schwermüthig wilden Weisen des Arabers erinnert, wenn er vor dem Eingange des Zeltes den dunkeln Sternenhimmel bewundernd und umgeben von Allem, was ihm theuer, die Gazellenaugen der schönen Töchter Arabiens oder die Reize seines abentheuerlichen Wanderlebens besingt. Ich ward wunderbar aufgeregt; stürmisch wechselten Erinnerungen und Hoffnungen und Wünsche, bis alle in die eine Empfindung hinschwanden, in die unüberwindliche Sehnsucht nach Freiheit, den Entschluß, sie zu erlangen — sei es durch den Tod. Geräuschlos nahete ich dem Fenster. Es war so hoch über dem Boden, daß es unmöglich schien, hinabzuspringen; doch ich konnte nicht mehr überlegen, ich schwang mich hinaus, ein kleiner Absatz begünstigte mich, doch der Fuß glitt ab, ich stürzte auf das Gras hinab, mit dem der Boden bedeckt war. Einen Augenblick lag ich betäubt, nur einen Augenblick: das Gefühl der drängenden Gefahr trieb mich auf, ich empfand kaum den Schmerz, welchen der heftige Fall dem linken Arm und der Schulter verursachte. Oben ward Geschrei hörbar; ich bog um die Ecke des Hauses, da lag der größte Theil der Soldaten ruhend im Schatten — ich flog an ihnen vorbei dem Strome zu. Kugeln pfiffen um mich her, ehe ich ihn erreicht, ich warf mich in die Wellen und theilte sie mit der Kraft des höchsten Entschlusses; eine kurze Strecke nur mußte ich schwimmen, und bald deckten mich die Olivenwälder des jenseitigen Ufers gegen die Schüsse der Verfolger, die sehr lau in ihrem Bemühen den Fluß nicht zu überschreiten wagten, wiewohl ihr verworrenes Geschrei noch weithin mir nachtönte. Dennoch lief ich in athemloser Hast durch die Felder landeinwärts, bis gänzliche Erschöpfung in dichtem Gebüsche zu rasten mich zwang.
Ich war frei! Herrliches Gefühl der Freiheit; was bietet das menschliche Leben Erhabeneres, wer möchte ihm widerstehen, wer wäre taub und fühllos gegen die tausendfachen Güter und Reize, welche das eine Wort „Freiheit“ in sich fasset! Sie ist der schöne Götterfunken, durch den alles Edlere in des Menschen Brust zu Leben und Thätigkeit gerufen wird, das höchste Gut, welches den übrigen Werth giebt und sie veredelt. Wie traurig, daß erbärmliche Selbstsucht und Partheigeist so hehren Schatz zum Deckmantel ihrer Leidenschaften mißbrauchen können, daß die Freiheit dienen muß, zu allem Niedrigen und Entehrenden die verblendeten Menschen hinzureißen, und zur Verletzung ihrer heiligsten Pflicht und ihrer Eide, zum Umsturze der ehrwürdigsten Rechte zu vermögen. Wie schmerzlich, daß sie Selbstlingen, die jeder loyalen Empfindung unfähig sind, den Vorwand bieten muß zu dem vergeblichen Streben, was immer Natur, Recht und Gewohnheit als geheiligt hinstellt, bis zu ihrer eigenen schmutzigen Sphäre hinabzuwürdigen!