X.

Am 17. Juli 1837 war die zur Expedition nach Castilien[29] bestimmte Division bei Santa Cruz de Campezu vereinigt, von wo aus sie unter dem Mariscal de Campo — Generallieutenant — Zariategui den Marsch durch Alava nach dem Ebro richtete. Sie bestand in drei Brigaden aus den Bataillonen 2. und 6. von Guipuzcoa unter Brigadier Iturbe, 1. und 7. von Navarra unter Oberst Oteyza, 1. von Valencia, 6. von Castilien und 3. von Aragon, Brigade von Castilien, unter Brigadier Noboa; das Bataillon von Aragon war in Cuadro, d. h. es enthielt nur seine Officiere und Unterofficiere, um aus Rekruten completirt zu werden. Die Cavallerie bildeten die Escadrone der Legitimität, ganz aus Officieren zusammengesetzt, und 1. und 3. von Navarra; ein Ganzes von 3700 Mann Infanterie und 220 Pferden. Als Chef des Generalstabes fungirte Brigadier Elio.

Langsam durchzogen wir das reiche Alava, passirten am folgenden Tage die Heerstraße von Vitoria nach Logroño unmittelbar neben der feindlichen Festung Peñacerrada und richteten uns dann westlich parallel dem Ebro, den wir zu überschreiten bestimmt waren. Am 19. setzten wir ruhig den Marsch fort, als am Morgen unser Vortrab ein starkes feindliches Detachement entdeckte, welches sich in dem Dorfe Zambrana festsetzte, dadurch andeutend, daß es Hülfe erwarte. Auch erschienen bald zwei feindliche Bataillone und nahmen auf den Höhen neben dem Dorfe Stellung, wo sie sogleich vom 1. Bat. von Navarra, der Avantgarde, angegriffen wurden. Das Gefecht war kurz; der Feind, durch Navarra stark gedrängt und von der Höhe geworfen, dann von einigen Compagnien von Guipuzcoa, die herzugeeilt waren, in der rechten Flanke bedroht, während eine Escadron ihn links umging, zog sich rasch auf das Fort Armiñon zurück, ehe noch der Rest der Division erschienen war. Der General blieb mit seinem Stabe, den Escadronen und dem Bataillone 1. von Navarra in Zambrana, während die übrigen Truppen in zwei und eine halbe Stunde rückwärts liegenden Dörfern stehen blieben.

Es war Mittag und unendlich heiß, die Cavallerie hatte ihre Pferde abgezäumt, die Bataillone die Gewehre zusammengestellt, und die meisten Officiere suchten die Mittagsgluth zu verschlafen; ich lag halb bekleidet auf einer Matratze ausgestreckt. Da stürzten einige Leute zum General mit der Meldung, daß feindliche Cavallerie, von starken Infanteriemassen begleitet, im Trabe nahe; wir flogen zu den Fenstern und sahen die Escadrone der Christinos schon am Eingange des Ortes formirt. Es war der Portugiese Baron das Antas, der seine Division, mit dem Freicorps des Schleichhändlers Martin Barea vereinigt und verstärkt durch die Garnisonen von Vitoria und Treviño, heranführte, um die Ehre der portugiesischen Waffen zu retten, da einige Bataillone am Morgen zu weichen genöthigt waren. Die höchste Verwirrung herrschte in dem Dorfe, von allen Seiten erschallte wildes Geschrei, bald von den Trommeln übertönt, die Infanterie eilte zu ihren Gewehren, die Cavalleristen schwangen sich auf die zum Theil ungesattelten Pferde. Auch ich warf mich auf das Pferd, den Überrock und den Säbel in der Hand haltend und ohne Weste, die ich am Abend in dem Hause wiederfand. Wenn die feindliche Cavallerie sofort in den Ort eingebrochen wäre, hätte unsere Infanterie gar nicht zu den Waffen greifen können, Alles wäre wehrlos überrascht, ohne Zweifel der General mit seinem Stabe und sämmtliche Cavallerie gefangen genommen; das Zaudern des Feindes, der wohl nicht ohne Infanterie in einen besetzten Ort sich zu engagiren wagte, rettete uns, da Zariategui trotz dem feindlichen Andrängen das Bataillon in Masse formirt auf die Division zurückführen konnte, die er bereits in Bataillons-Colonnen in einer Linie aufgestellt fand.

Reißend schnell zogen die Portugiesen zum Angriffe heran, in sieben Bataillonen und drei Escadronen, 6200 Mann und 360 Pferde stark: Barea auf dem linken Flügel bedrohete die Brigade Guipuzcoa, während eine tiefe Colonne gegen unsern linken Flügel, die Brigade Castilien, sich wandte, wo Valencia an ein stark besetztes Dörfchen sich lehnte. Auf dieses warfen sich die Portugiesen mit Kraft und trieben das Bataillon bis zu den Häusern zurück; dort wurde ihr Choc mit solcher Festigkeit aufgenommen, daß sie schnell weichen mußten. Nochmals drangen die Massen zum Sturm, und nochmals wurden sie zurückgeschlagen; ein dritter Versuch hatte keinen bessern Erfolg. Das Gefecht hatte sich indessen auf der ganzen Linie ausgebreitet, ohne daß es dem Feinde gelungen wäre, irgendwo durchzubrechen. Das 7. Bataillon von Navarra bestrich von seiner Centralstellung auf einer leichten wenig vorgeschobenen Höhe die ganze vorliegende Ebene, und Iturbe mit dem 6. von Guipuzcoa vertrieb Barea’s Corps von den Hügeln, die es inne hatte, und bedrohete die linke Flanke der Portugiesen, worauf sie, da die ganze carlistische Linie eine kräftige Bewegung vorwärts machte, in Ordnung den Rückzug antraten.

Auf dem Fuße von unsern Tirailleurs verfolgt, nahm Das Antas hinter dem Flüßchen Zadorra Position und stürmte, da Iturbe über eine Brücke auf der Rechten rasch nachdringend sich isolirt hatte, mit überlegenen Massen auf die Brigade Guipuzcoa ein, die jedoch den Angriff mit Festigkeit aushielt, bis die übrigen Truppen den Fluß passiren und die Escadron 3. von Navarra herzueilen konnte. Zwar mißlang eine Charge derselben gegen ein feindliches Bataillon mit schwerem Verluste an Menschen und Pferden, da aber zuletzt auch die Brigade Navarra den Übergang erzwang und die ganze Linie wieder zum Angriff überging, entschlossen sich die Portugiesen zu neuem Rückzuge, den zwei Bataillone ihres rechten Flügels und die drei Escadrone deckten. Wiewohl heftig gedrängt, zogen sie sich, ohne unser Feuer zu erwiedern, bis zu einigen einzeln stehenden Häusern, wo sie Front gegen uns machten. Die Escadrone der Legitimität — 50 Pferde —, der die Officiere des Generalstabes sich angeschlossen hatten, und 1. von Navarra chargirten und trafen sich mit zwei der feindlichen Escadrone; nach zwei furchtbaren Chocs, in denen ihr Oberst[30] getödtet, wurden die Portugiesen zerstreut, worauf die beiden Bataillone, da sie ihre Cavallerie geworfen sahen und unsere Tirailleurs, in die Massen hineinschießend, sie eng umzingelt hielten, das Gewehr streckten. Doch die dritte Escadron eilte herzu, befreite die Bataillone und umwickelte selbst die Hälfte der 1. von Navarra, die aber eine neue noch höhere Kraftanstrengung ihrer Gefährten rettete, wobei selbst einige Gefangene bewahrt wurden. Der Tummelplatz war mit Todten und Verwundeten, Pferden, Gewehren und Lanzensplittern bedeckt; Infanterie und Cavallerie war bei den wiederholten Chargen und dem Wechsel der Bewegungen bunt durch einander geworfen. Der Feind zog sich rasch, aber geschlossen zurück, von der wieder geordneten Cavallerie gedeckt, die auch hier den Ruf der Bravour behauptete, der sie auszeichnet. Wir verfolgten ihn bis nahe dem Fort Armiñon, dessen Geschützfeuer zur Rückkehr uns nöthigte.

Plötzlich ertönten zu unserer Rechten häufige Schüsse; ein Adjutant eilte dorthin und fand am Ufer der Zadorra, deren Wasser von Blut roth gefärbt war, einige Compagnien in lebhaftem Feuer begriffen. In der Verwirrung der Cavallerie-Chargen hatten sich viele Soldaten der beiden portugiesischen Bataillone in den Fluß geworfen und im Schilfe versteckt, wo sie nun, so wie sie zum Athemholen den Kopf über das Wasser erhoben, unsern lachend am Ufer wartenden Freiwilligen zur Zielscheibe dienten.

Der Verlust des Feindes betrug 1100 Mann, worunter 150 Gefangene, der unsere fast 500 Mann; neunhundert Gewehre und einige vierzig Pferde waren in unsere Hände gefallen. Der General schlug mich für den Orden St. Ferdinand’s erster Classe vor und ließ mir, da mein Pferd in einer der Chargen verwundet war, das des gefallenen portugiesischen Obersten, einen prachtvollen Goldfuchs, nebst dessen Waffen überreichen. — Übrigens ist gewiß der unverzeihlichste Fehler, den ein General zu begehen vermag, der, sich überraschen zu lassen; hier war er doppelt schwer, da Zariategui bei solcher Nähe des Feindes auch nicht die geringste Vorsichtsmaßregel getroffen, selbst nicht einen Vorposten ausgestellt oder eine Patrouille entsendet hatte: Alles schlief oder kochte. Könnte aber je solcher Fehler durch Tüchtigkeit im Erkämpfen des Erfolges vergessen gemacht werden, so that es Zariategui durch die meisterhafte Leitung der Action.

Nachdem die Verwundeten und Gefangenen zurückgebracht waren, und da der General noch eine Zusammenkunft mit General Uranga gehabt hatte, bivouakirten wir in der Nacht vom 21. zum 22. Juli auf dem Ufer des Ebro und passirten ihn früh Morgens zwischen den beiden Festungen Miranda de Ebro und Arro. Mit lautem, enthusiastischen viva el Rey! betraten die Freiwilligen die fruchtbaren, mit lachendem Grün bedeckten Gefilde Castilien’s, und von den Wällen des nahen Miranda sahen die Feinde, ohne sich zu bewegen, wie wir siegreich die Scheidewand überschritten, die von dem christinoschen Spanien uns zurückhalten sollte. Hätte Das Antas, anstatt mit seinem schönen Corps unnütz prunken zu wollen, sich begnügt, die wenigen Furthen zu decken, welche hier den Übergang des Ebro gestatten, so würde er der Sache, die er vertheidigte, bessere Dienste geleistet haben.