In kleinen Märschen durchzogen wir die Provinz Burgos, vom General Escalera bis Lerma verfolgt, ohne je seine Truppen zu Gesicht zu bekommen; nur ein Mal nicht weit von Aranda de Duero sahen wir fern die Colonne von Soria, welche unter General Alcala gleichfalls zu unserer Verfolgung bestimmt sein sollte: sie zog sich zurück, so wie wir sie zu empfangen uns aufstellten, und erschien nicht wieder. Allenthalben wurden wir gut vom Volke aufgenommen, und da wir am Tage des Ebro-Überganges einem niedlichen Städtchen naheten, kamen die National-Gardisten weit uns entgegen und begrüßten die Truppen als Befreier von den Einfällen der Facciosos. Verführt durch den eben so pompösen als lügenhaften Bericht Das Antas’s, worin er den Castilianern verkündete, daß er durch einen entschiedenen Sieg die Expeditions-Division vernichtet und in ihre Wälder versprengt habe, hielten uns die Armen für das portugiesische Corps und wollten sich lange nicht von ihrem Irrthume überzeugen lassen, da sie, was wir sagen mochten, für Scherz erklärten. Sie wurden jedoch nach Ablieferung ihrer Waffen entlassen, wie es überhaupt Zariategui’s Grundsatz war, durch wohlwollende Behandlung und Milde die Liebe des Volkes zu erwerben.

Am 27. Juli vereinigten wir uns bei Covarrubias mit einer Brigade von Vizcaya, dem 5. Bataillon von Castilien und der Escadron von Cantabrien, die den Ebro nahe seinen Quellen passirt hatten und die Junta von Castilien uns zuführten. Die Mitglieder derselben, von einem Geistlichen präsidirt, schienen von Allem zu wissen mit Ausnahme dessen, was ihre Pflicht betraf: während die einfachsten Regeln in der Verwaltung ihnen ganz unbekannte Dinge waren, wußten sie wohl ihre Koffer tüchtig zu füllen. Auch ist nie bekannt geworden, was diese Junta gewirkt hat.

Sie setzte sich in San Leonardo fest und mit ihr wurde in dem Gebirge zwischen Burgos und Soria das 5. Bataillon von Castilien unter Oberst Barradas zurückgelassen, der den Auftrag erhielt, Rekruten auszuheben, einige Punkte zu befestigen und große Magazine von Lebensmitteln und sonstigen Kriegesbedürfnissen anzulegen, da Zariategui, im Fall ein Rückzug nöthig würde, sich hieher ziehen und hier behaupten wollte. Dann kreuzte die Division, nun in acht Bataillonen und vier Escadronen 4300 Mann und 310 Pferde stark, die große Heerstraße nach Frankreich zwischen Aranda und Lerma, überschritt am 31. bei Roa den Duero und rückte, ohne irgend Widerstand zu finden, in die Provinz Segovia vor.

Am 3. August Nachmittags standen wir vor Segovia, zwölf Meilen von Madrid entfernt, einer alten Stadt von 15000 Einwohnern, die als Hauptort der Provinz, wegen seiner Münze und großen Tuchfabriken von hoher Wichtigkeit ist; auch schloß sie mehrere militärische Etablissements in sich, das große Cadetten-Institut des Königreiches, Stückgießereien, Gewehrfabriken und bedeutende Niederlagen von Kriegsbedürfnissen jeder Art. Die Stadt war mit einer hohen Mauer umgeben, die durch vorspringende Thürme flankirt war. Sofort wurde die Disposition zum Angriff gemacht, indem die Brigade Castilien zur Erstürmung des uns gegenüberliegenden Thores bestimmt ward, während die Brigaden Vizcaya und Guipuzcoa rechts und links die Mauer escaladiren würden; Navarra blieb nebst der Cavallerie hinter einem großen Fabrikgebäude als Reserve stehen. Jeder der angreifenden Brigaden wurde ein Officier vom Generalstabe[31] beigegeben, mich traf die Brigade Vizcaya. Die einzige Instruction, welche der General uns gab, war: die Stadt muß genommen werden; Sie werden die Ersten innerhalb der Mauer sein.

Auf das Zeichen zum Angriff drangen die drei Colonnen vorwärts, bald von den Kugeln der Garnison — 1500 Mann mit acht Geschützen auf der Mauer — überschüttet. Valencia gelangte fast bis zu dem Thore, das es umsonst zu sprengen suchte, die andern Brigaden aber, da sie keine Leitern hatten, holten aus den nahen Häusern Tische, Stühle und Thüren zusammen, um aus ihnen Gerüste zur Ersteigung der Mauern zu erbauen. Nach viertelstündiger vergeblicher Anstrengung wichen die Colonnen, hinter den Häusern sich neu formirend, von wo sie, da Zariategui wieder zum Sturm blasen ließ, sofort vorbrachen. Während Valencia den Eingang zu erzwingen, das Thor in Brand steckte, hatte Vizcaya endlich das Gerüst errichtet; mit lautem viva el Rey stürmten wir hinauf, von Stuhl zu Stuhl emporkletternd. Der Feind wich, die Ersten der Unseren schwangen sich auf die Mauer und stürzten die schon zur Flucht gewendeten Vertheidiger jenseit hinunter; in demselben Augenblicke drang Valencia durch das halb niedergebrannte Thor in die Stadt, wo die siegreichen Colonnen mit Jauchzen sich begrüßten. Die Besatzung floh allenthalben, so daß nun auch Guipuzcoa die Mauer ersteigen konnte. Ob Valencia, ob Vizcaya zuerst die Stadt betraten, blieb unentschieden.

Eiligen Laufes flohen die Christinos dem Alcazar zu, nun zum Castell gemacht, ihnen nach jagten die Eingedrungenen und streckten Manchen in den Straßen nieder. In entsetzlicher Unordnung löseten die Bataillone sich auf und zerstreuten sich plündernd durch die Stadt, die rings von Geschrei und Klagen wiederhallte; die Münze wurde erbrochen, und große Säcke Kupfergeld, kaum noch beachtet, lagen bald in den Straßen umher. Selbst einzelne, nein, sehr viele Officiere nahmen an der Unordnung Theil, und einen derselben fand ich vor dem Hause eines reichen Banquiers mit Säcken voll Piaster vor sich, aus denen er freigebig allen Vorübergehenden mittheilte. Umsonst suchte der General dem Unwesen zu steuern, umsonst sendete er die ihn umgebenden Officiere nach allen Seiten aus; wenn die Plünderer mit Flüchen und Säbelhieben aus einem Hause vertrieben waren, zerstreuten sie sich, um anderwärts ihr grausames Spiel wieder zu beginnen. Endlich zog der General die Reserve-Brigade von Navarra herein, um durch sie die Ordnung herzustellen, auch gelang es ihm, etwa tausend Mann zu sammeln und aus der Stadt zu führen. Da, in der Meinung, nun seien sie als Reserve abgelöset, begannen die Navarresen ihrerseits zu plündern. Zariategui war in Verzweiflung. Alles geschah unter den Augen der Besatzung des Alcazar, und die weit überlegene Division von Mendez Vigo, dem General-Capitain von Alt-Castilien, stand nur zwei Stunden entfernt in dem Lustschlosse San Ildefonso (la Granja). Hätte die eine oder die andere so furchtbare Unordnung benutzt, die Division mußte vernichtet werden: keine der Beiden rührte sich.

Erst am folgenden Tage, da der Alcazar capitulirte, hörte die Plünderung auf, in der viele Soldaten sich so bereicherten, daß später auf dem Rückzuge stundenweit Silber- und Kupfergeld sich hingestreut fand, nach und nach von den Soldaten weggeworfen, wie die Last der gefüllten Tornister zu groß wurde. Die Garnison, wiewohl der Alcazar ein sehr festes Gebäude und von tiefen in den Felsen gehauenen Gräben umgeben, auch Mendez Vigo so nahe war, versuchte keinen Widerstand nach der Einnahme der Stadt; sie capitulirte am 4. Juli und übergab das Castell mit der Bedingung, daß die 300 Cadetten mit ihren Waffen und tambour battant, die Besatzung mit Gepäck und ohne Waffen nach Madrid abzögen; das Eigenthum des Instituts, die Bibliothek, die Waffensammlung und die Exercier-Geschütze en miniature der Cadetten würden unangetastet bleiben. — Die Erstürmung Segovia’s hatte uns etwa 200 Mann gekostet.

So wie die Thore der mächtigen Burg sich öffneten, eilten wir hinein, unsere Eroberung zu bewundern. Wir mischten uns mit den Christinos, die großen Theils für ihre Lage sehr passend und fest sich benahmen, und unter denen viele höchst gebildete Officiere sich befanden, die wiederum die Bravour unserer Truppen anerkannten und ihr Erstaunen nicht verhehlten, daß sie anstatt der rohen, fanatischen Facciosos, wie sie ihnen geschildert waren, vollkommen organisirte Truppen und manche wissenschaftlich gebildete Officiere sahen, die, weit entfernt von jenem blinden Fanatismus, mit Freimuth über die entgegengesetzten Meinungen zu discutiren und auch im Gegner, so lange sie nicht selbstische Motive zu verdecken dienen und, auf Überzeugung gegründet, mit Edelmuth gepaart sind, sie zu ehren wußten. Ich gestehe, daß es mir unendlich wohlthuend war, da ich unsere sonst so übermüthigen Gegner hier genöthigt sah, wahre Anerkennung uns zu zollen; denn ich fühlte, daß nicht Furcht oder Rücksicht aus ihnen sprach, und der ernste Händedruck einiger ausgezeichneten Officiere des Cadetten-Corps zeigte ihre Sympathie für die Carlisten, die sie bisher nur nach den Erzählungen unserer Feinde gekannt und verabscheut hatten. Übrigens erkannte die Garnison von Segovia, als sie mit ihren Waffengefährten wieder vereinigt, auch in Madrid öffentlich den Edelmuth und die Freisinnigkeit an, mit der sie von den siegenden Rebellen behandelt waren.