Das feste und militärische Benehmen eines kleinen Cadetten frappirte mich besonders als Contrast gegen die Niedrigkeit eines seiner Lehrer, der am Morgen vor unserer Ankunft eine erbärmliche, mit beleidigenden Invectiven gefüllte Proclamation an die Einwohner und Truppen erließ, worin er sie aufforderte, gegen die blutdürstigen Meuchelmörder bis auf den letzten Mann sich zu vertheidigen. Nun aber, da er uns als Sieger in der Stadt sah, suchte er unsere Gunst durch eben so jämmerliche Schmeicheleien und kriechende Unterwürfigkeit zu gewinnen, während wir sein Machwerk in der Tasche hatten und darüber lachten. Jener Cadett aber, ein Bursche von dreizehn Jahren, stand als Schildwache bei den im Speisesaal zusammengesetzten Carabinern des Corps mit der Instruction, Niemand die Waffen berühren zu lassen. Kaum hatten wir den Alcazar besetzt, als ein plumper Navarrese in das Zimmer trat und sofort einen der schönen Carabiner gegen sein Gewehr eintauschen wollte. Die Schildwache rief ihm ruhig ihr: „zurück!“ zu. Der Navarrese griff nach dem Carabiner mit verächtlichem Seitenblick den Knaben messend, als die Schildwache wieder ein herrisches „zurück!“ ihm zudonnerte und das Gewehr mit der Drohung auf den Erstaunten anlegte, ihn sofort niederzuschießen. Einige Officiere entfernten den fluchenden Navarresen, dem Cadetten gerechtes Lob für die Erfüllung seiner Pflicht in solcher Lage spendend.

Große Schätze waren uns zu Segovia in die Hände gefallen, so viele tausend Gewehre, eine bedeutende Munitions-Niederlage und einige zwanzig Geschütze, von denen acht auf den Mauern des Alcazar aufgepflanzt waren, dann fanden wir ungeheure Magazine vor, und aus dem erbeuteten Tuche wurde die ganze Division neu uniformirt. Die Stunden vergingen rasch in fortwährender drängender Beschäftigung. Der Intendant fand gleichfalls außer dem baaren Gelde der königlichen Cassen zwanzig Millionen in Staatsschuldscheinen vor und... ließ das Packet öffentlich auf dem Markte verbrennen. Als Zariategui auf die Nachricht erschreckt und zornig hineilte, kaum das Geschehene glaubend, sagte ihm der Finanzmann mit kläglicher Miene, er habe geglaubt, daß die Papiere nur für Isabella’s Regierung Werth hätten, weßhalb er sie habe zerstören lassen. Viele behaupteten, der Intendant habe andere Papiere untergeschoben. In der Münze waren nur noch einige Barren, da sie ganz ausgeplündert wurde; in ihr wurden Geldstücke mit dem Bildnisse Carls V. geprägt, die einzigen, welche je angefertigt wurden.

Noch möchte ich ein ausgezeichnetes Monument antiker Baukunst nicht unerwähnt lassen, da es stets meine Bewunderung in hohem Maße erregte: eine alte Wasserleitung, deren Ursprung ungewiß ist, dort aber den Carthaginensern und selbst den Phöniciern zugeschrieben wird. Sie besteht aus behauenen Steinblöcken von solchem Umfange, daß zu ihrer Herbeischaffung und Placirung Kräfte müssen angewendet worden sein, wie sie für jene Zeiten uns kaum denkbar scheinen; das Merkwürdigste dürfte sein, daß diese Steine an einander gefügt sind, ohne daß das Auge das geringste bindende Material zu entdecken vermöchte. Jeder Karren, der unter den weiten Bogen hinfährt, macht den ganzen Bau erzittern, und doch trotzte dieses Riesenwerk Jahrtausenden. Über einem Bogen findet sich eine halb zerstörte Inschrift in Charakteren, über welche die Forscher bisher nicht einig waren, und die, anstatt in den Stein gehauen zu sein, künstlich auf ihm befestigt sind.


Indem das Bataillon — in Skelett — von Aragon in Segovia zurückgelassen wurde, um sich aus den stets herzuströmenden Rekruten zu vervollständigen, zogen wir am 6. August auf der Straße nach Madrid vorwärts, welches an eben dem Tage in Belagerungszustand erklärt ward. Mendez Vigo zog sich bei unserer Annäherung zurück, so daß wir ohne Widerstand das prachtvolle Lustschloß von San Ildefonso besetzten. Der General mit einem großen Theile der Officiere besah das Schloß, in dem Alles in dem Zustande sich befand, wie die Königinn Wittwe es verlassen hatte, so daß viele Kostbarkeiten und Merkwürdigkeiten in den Gemächern zerstreut umherlagen. Dann ließ Zariategui das Schloß schließen und Todesstrafe für einen Jeden verkünden, der den kleinsten Schaden anstiften würde. Am Abend spielten die schönen Wasserkünste der Gärten, die weithin ausgedehnt und mit geschmackvoller Eleganz geschmückt, ganz das Werk Christina’s waren.

Langsam überstiegen wir das wilde Guadarama-Gebirge, auf dessen höchstem ganz kahlem Gipfel ein ruhender Löwe über einem Piedestal sich erhebt, dessen Inschrift anzeigt, daß „Ferdinand VI. die Gebirge besiegt habe“, um durch diese Straße die beiden Castilien zu verbinden. Mendez Vigo wich fortwährend, bis wir ihn am 11. Aug. Morgens nur noch drei Stunden von der Hauptstadt entfernt, deren Thürme aus der Ferne uns winkten, in einer festen Stellung trafen, die durch achtzehn Geschütze der reitenden Artillerie der Garde gedeckt war. Die Stellung war augenscheinlich unangreifbar und Umgehung durch das Terrain faktisch unmöglich gemacht, da rechts und links tiefe Abgründe und ungangbare Felswände sich hinzogen. Dennoch ließ Zariategui einige Bataillone vorrücken, die jedoch, nachdem sie wenige vorgeschobene Truppen auf die Hauptposition zurückgetrieben, mit Granaten empfangen sich zurückzogen mit einem Verlust von zwanzig bis dreißig Mann, der, so gering er scheinen mag, eine nutzlose Aufopferung war und vermieden werden mußte und konnte, da die Demonstration durchaus keinen Zweck hatte und nur durch den erbärmlichen Stolz, nicht ohne Gefecht sich zurückziehen zu wollen, veranlaßt ward. Wir übernachteten in mehreren Ventas und gingen dann, ohne vom Feinde gedrängt zu werden, auf der Straße von Villacastin auf Segovia zurück, während die Brigade von Vizcaya über den nahen Escurial marschirte.

Vielfältig ist es dem General Zariategui zur Last gelegt, daß er zu jener Zeit nicht Madrid’s sich bemächtigt habe, und in der That war bei unserm Vormarsche die Hoffnung, in die Hauptstadt einzuziehen, in der Division allgemein verbreitet. Selbst unterrichtete Officiere, die bei dem Zuge gegenwärtig waren, haben behauptet, daß der General die Begeisterung der Truppen benutzend, die bei dem Anblicke Madrid’s zu Allem sie bereit machte, Mendez Vigo hätte schlagen und die Stadt nehmen müssen; sie ließen sich in ihrem Urtheile wohl nur durch ihren feurigen Muth leiten, der ihnen jedes Hinderniß als unbedeutend schilderte, da nur noch eine Kraftanstrengung zur Erreichung des ersehnten Zieles nöthig schien. Wenn man die Stärke der Division Vigo — 9000 Mann —, die Zahl der Nationalgarden — acht Bataillone — und der übrigen Truppen in dem großen befestigten Madrid und dagegen die Schwäche der Division Zariategui — in Segovia nach den im Generalstabe abgegebenen Rapporten der Corps 3950 und einige Mann und 300 Pferde schlagfertig — und ihre gänzliche Entblößung von Artillerie berücksichtigt, kommt man leicht zu dem Schlusse, daß es Tollheit gewesen wäre, die Hauptstadt anzugreifen, selbst wenn Mendez Vigo den Weg dahin ganz frei gelassen hätte. Billig aber muß bewundert werden, wie dieses kleine Corps so Vieles ausrichten konnte.

Da die Division am 13. Villacastin sich näherte, entfloh der Gouverneur mit 120 Pferden und 40 Infanteristen, ward aber von der Escadron 3 von Navarra unter dem braven Oberst Osma eingeholt, trotz seiner Mehrzahl chargirt und geschlagen; Osma kehrte mit achtzig gefangenen Reitern, den vierzig Infanteristen und dem Gouverneur zurück, dessen Leben mit Mühe durch unsere Truppen gerettet wurde, da das Volk in Villacastin wüthend den Kopf seines Peinigers forderte. Als wir in die Stadt einzogen, sahen wir fern hinter uns auf der Höhe des Guadarama eine mächtige Staubwolke sich einherwälzen: das Armeecorps Espartero’s, der, mit seinen 20000 Mann von Guadalajara zum Schutze der Residenz herbeigerufen, am Abend vorher seinen Einzug dort gehalten hatte, war ohne Rast zu unserer Verfolgung aufgebrochen. Zugleich folgte uns der nun mit General Aspiroz vereinigte Mendez Vigo, und die Division Puig Samper, in Eilmärschen aus der Provinz Cuenca herangezogen, operirte auf unserer linken Flanke. So war der eine Zweck des kühnen Zuges erreicht: das Expeditions-Corps des Königs war von einem Theile der Massen befreit, die sich gegen dasselbe vereinigt hatten und in den Gebirgen von Cantavieja es zu erdrücken drohten. Die unmittelbare Folge davon war die siegreiche Schlacht beim villar de los navarros.

Am 14. Mittags langten wir wieder in Segovia an, von den feindlichen Colonnen, die bei unserm Abmarsche von Villacastin angesichts der Stadt standen, nahe verfolgt. Wir fanden nicht nur das Bataillon von Aragon vollständig, sondern auch ein anderes, von Segovia genannt, aus freiwilligen Rekruten gebildet, die sofort mit einem Theile der genommenen Gewehre bewaffnet wurden. Am Abend ward im Theater ein großes Schauspiel aufgeführt, da wir eine Comödianten-Gesellschaft aufgefangen und nach der Stadt geschickt hatten. Die Freiwilligen, denen freier Zutritt gestattet war, und die daher den größten Theil des Hauses einnahmen, staunten jubelnd die Wunderdinge an, da sie ja in den vaterländischen Gebirgen nichts Ähnliches gesehen hatten, und als endlich der nationale Bolero das Fest schloß, mußte unter dem donnernden Applaus unserer Burschen der malerische Tanz wiederholt werden.