Gewaltige Verwirrung herrschte indessen in der Stadt. Unbegreiflicher Weise war während der eilf Tage, die unsere Truppen in ungestörtem Besitze derselben zugebracht, Nichts geschehen, um für den Rückzug, der doch wohl vorausgesehen werden mußte, die nöthigsten Vorbereitungen zu treffen, so daß nun Alles in Unordnung durch einander rannte und wir in Betreff der Transportmittel lediglich auf das beschränkt waren, was die Stadt uns bieten konnte. Ein wenig Fürsorge des Generals würde alle die unersetzlichen Effekten gerettet haben, die wir nun mit tiefem Schmerze aufgeben mußten. Der größte Theil der vorgefundenen Vorräthe, die Lebensmittel und das Tuch wurden verlassen, das Pulver, mit Ausnahme von etwa funfzig Maulthierlasten, ward in einen nahen Teich geworfen, und, noch empfindlicher! selbst für die Fortschaffung der Gewehre reichten unsere Mittel nicht hin. Die Artillerie wurde ruinirt, nur eine sechspfündige Kanone und eine fünfzöllige Haubitze, beide ganz neu und ausgezeichnet durch Schönheit und Leichtigkeit, konnten mitgeführt werden; für erstere wurden zweihundert, für die Haubitze einhundert funfzig Schuß ausgewählt, alles Übrige mußte zurückbleiben. Auch unsere Verwundeten ließen wir mit denen des Feindes in dem Hospitale; ihre Klagen und ihr Flehen, da sie so dem Elende der Gefangenschaft sich hingegeben sahen, waren herzzerreißend und ach! nur zu gegründet, denn Wenige wurden je wieder mit den Ihrigen vereinigt. Während der Nacht war alle Welt in Bewegung, da die Saumthiere gesammelt, bepackt und wieder entladen werden mußten, weil etwa irgend etwas Wichtigeres vergessen war; Befehle wurden von hundert Stimmen auf einmal gegeben, von Niemand ausgeführt, denn Jeder war schon mehr als zu sehr beschäftigt. Gegen Morgen ward Apell geblasen, nach welchem die Truppen in ihre Quartiere zurückkehrten, um eine halbe Stunde später durch das Assemblee-Signal wieder zur Formation gerufen zu werden. In der Meinung, es gelte einer Gewehr-Inspection, die am Tage vorher angesagt war, ließen viele Soldaten, sorglos wie sie sind, ihr Gepäck im Logis zurück und mußten ohne dasselbe abmarschiren; denn die feindlichen Colonnen standen nur noch eine halbe Stunde von Segovia und rückten von Süden her in die Stadt, als wir, der vorausgesandten Bagage folgend, auf der Straße nach Aranda aufbrachen, um die Sierra, unsern Stützpunkt, wieder zu gewinnen.

Rührend war der Schmerz der Einwohner, als sie uns davon ziehen sahen. Eben Die, welche wir bei unserm Einzuge mißhandelt und ausgeplündert hatten, flehten jetzt weinend, wir möchten sie nicht verlassen, nicht wieder dem Elende und den Erpressungen der revolutionairen Regierung Preis geben. So wohlthätig hatten die Milde Zariategui’s und sein versöhnendes Betragen, wie die nähere Bekanntschaft mit unsern ungebildeten, aber treuherzigen und wackern Freiwilligen auf Aller Gemüther eingewirkt. Zariategui hatte nicht nur die Stadt ganz von Contributionen und sonstigen Abgaben befreit, er vertheilte selbst in Rücksicht auf die Leiden, welche die Erstürmung nach sich geführt, unentgeltlich die nöthigsten Bedürfnisse, von dem Geraubten wurde Vieles zurückerstattet, und die einzelnen unvermeidlichen Fälle, in denen Soldat oder Officier dem Bürger Grund zur Klage gegeben, waren mit Strenge bestraft. Schmerzlich ist, daß er mit so edler Schonung der friedlichen Bewohner nicht die nothwendige Thätigkeit und Energie verband, durch die er manche Verluste uns hätte ersparen und die errungenen Vortheile ganz benutzen können.

Während die Brigade Vizcaya mit den Escadronen der Legitimität und Cantabrien die Heerstraße hinabzog, marschirte das Hauptcorps rechts von derselben ab, anfangs in höchster Ordnung und schlagfertig, wiewohl der Feind uns nicht auf dem Fuße zu verfolgen schien. Als wir aber um Mittag eine dürre Sandebene betraten, auf der, so weit das Auge reichte, kein Haus, keine Höhe, nur hie und da Fichtengehölz zerstreut sich zeigte, als bei drückender Gluth der Sonne im aufquellenden Staube weder Quelle noch Brunnen gefunden ward, den brennenden Durst zu löschen; da wurde die Marschcolonne immer länger und länger, und die Bataillone mit Ausnahme des 1. von Navarra, welches geschlossen den Nachtrab bildete, löseten sich endlich ganz auf, da die Soldaten rechts und links sich zerstreuten, um Wasser zu suchen und zugleich die Staubwolken des Weges zu vermeiden. Wie eine große Schafheerde durchkreuzte die Division die Ebene, als hinter uns Waffen und Helme durch den Staub blitzten: die feindliche Cavallerie nahete in scharfem Trabe und war im Begriff, sich auf uns zu werfen. Ein ungeheurer Schrei des Schreckens ertönte weit hin über die Fläche, und die Freiwilligen rannten in kleine Haufen sich zu vereinigen, während ich im Gefolge Elio’s dem 1. von Navarra zuflog, welches er sofort in Masse formirte und rechts und links durch die beiden Escadrone von Navarra deckte. Hätte der Feind seine sieben oder acht Escadrone in mehrere Theile getheilt und so auf die ungeordnete Menge sich geworfen, würde gewiß gänzliche Vernichtung uns getroffen haben; aber er vereinigte sich in eine große Colonne uns gegenüber und stürmte in drei Echelons zum furchtbaren Choc gegen das Carré. Elio ließ die Escadronen bis auf dreißig Schritte nahen, ehe er das Commando zum Feuer gab: sie zerstoben nach allen Seiten, dem zweiten Echelon Platz machend, welches wie das dritte rasch ihr Schicksal theilte, den Boden mit Menschen, Pferden und Waffen bedeckt lassend. Die Navarresen verlangten nun, den geworfenen Feind zu chargiren, was Elio nicht gestattete, worauf der Marsch mit größerer Vorsicht und Ordnung fortgesetzt und von der christinoschen Cavallerie, die sich in respektsvoller Entfernung hielt, nicht weiter beunruhigt wurde.

Bei der gewöhnlich so großen Scheu unserer Infanterie vor den Cavallerie-Angriffen, die im Gebirgskriege so selten und daher durch den Mangel an Vertrautheit mit ihnen mehr gefürchtet sind, war das Betragen unserer Soldaten bemerkenswerth, die, anstatt zu fliehen, in kleine Massen vereinigt dem formirten Bataillon sich anzuschließen eilten. Einem Officier, der einem Trupp Navarreser, auf das nahe Gehölz deutend, zurief, sich dahinein zu werfen, antworteten die braven Burschen dem Bataillone sich zuwendend: „Nein, wir siegen oder wir sterben mit unsern Brüdern.“

Bald hatten wir, mit Vizcaya vereinigt, den Duero passirt und erreichten die Gebirge von Soria, während die feindlichen Divisionen Mendez Vigo und Puig Samper nach Aranda marschirten. Espartero war nach Madrid zurückgekehrt, um von neuem dem königlichen Expeditions-Corps sich entgegen zu stellen.

[29] Diese Expedition, als eine der interessantesten und da meine Stellung mit allen Details mich genau bekannt machte, habe ich weitläuftig behandeln wollen, so daß sie ein deutlicheres Bild unserer Kriegesart zu geben vermag.

[30] Der schönste Mann, den ich je gesehen, vielleicht sechs und zwanzig Jahre alt. Abgeschnitten und ohne Rettung sprang er vom Pferde und rief, auf ein Knie sich niederlassend und dem nächsten Lancier seinen Degen reichend: Pardon, Pardon! dieser stach ihn trotz dem Zurufe zweier heransprengender Officiere erbarmungslos nieder. Als ich von der Verfolgung zurückkehrte, lag der Leichnam, ein Bild männlicher Kraft, ganz nackt neben dem Wege.

[31] Bei den Divisionen, welche die Nordprovinzen verließen, war meistens die Stellung der Officiere vom Generalstabe sehr schwierig, da sie aus Mangel an Ingenieur- und Artillerie-Officieren deren Geschäfte mit übernehmen mußten. Bei der Expedition Zariategui befand sich ein Ingenieur und ein Officier der Artillerie, der bald getödtet wurde. Übrigens zogen die Generalstabs-Officiere die höchste Eifersucht der andern Officiere auf sich, da sie zu jedem gefährlichen Unternehmen gebraucht wurden. Von den sieben Officieren, welche unter Brigadier Elio den Generalstab bildeten, wurden zwei getödtet und drei schwer verwundet.