Während Espartero von San Sebastian aus die Linien von Hernani und Irun zerstörte, verließ Carl V. Navarra an der Spitze von 18 Bataillonen und 3 Regimentern Cavallerie, 11000 Mann Infanterie und 1200 Pferde. Die Expeditionen des vergangenen Jahres, so wenig sie der Sache genützt, hatten doch die Hoffnung nicht niederschlagen können, daß durch solche Züge endlich große Resultate erlangt würden; der Geist des Volkes hatte sich allgemein nicht feindlich gezeigt, manche Erfolge waren erfochten, andere nur durch Schwäche eingebüßt. So sollte denn nun ein kraftvoller Versuch gemacht werden, um in das Innere des Königreiches vorzudringen und im Vereine mit den königlichen Armeen Westspaniens durch die Eroberung von Castilien den Krieg zu beenden.
Am 19. Mai passirte das Heer den Fluß Aragon und zog in langsamen Märschen nach Westen hin, während General Iribarren, der mit 12000 Mann zu seiner Verfolgung eilte, von Tafalla aus nördlich dem Ebro ihm parallel zog. Am 24. zog es in die bedeutende Stadt Huesca ein; noch waren die Truppen in den Straßen aufgestellt, als schon Granaten über ihnen platzten. Kaum konnten die ersten Bataillone eine Stellung vor der Stadt einnehmen und den Andrang des Feindes bis zum Ausrücken ihrer Gefährten zurückhalten; da endlich der Kampf allgemein wurde, sah sich Iribarren, der seine Divisionen zum Angriff führte, bald zum Weichen genöthigt. Umsonst schlug sich die Fremdenlegion mit ihrer gewohnten Todesverachtung, umsonst führte der Brigadier D. Diego Leon, der vorzüglichste Cavallerie-Anführer der Christinos, seine Escadronen zu verzweifelter Charge; seine Cuirassiere und Carabiniere der Garde wurden zersprengt, er selbst fiel im wilden Getümmel, Iribarren ward schwer verwundet, seine Massen durchbrochen und zum Rückzuge gezwungen, den sie unbelästigt ausführten. Er starb wenige Tage nachher an seinen Wunden.
Glänzend hatte auch diese Expedition begonnen, die, dem Namen nach durch den Infanten D. Sebastian befehligt, vom General Moreno, dem Chef des Generalstabes, geleitet wurde, der, durch langjährige Erfahrung als Strategiker ausgezeichnet, nicht immer angesichts des Feindes die nöthige Entschlossenheit und Schnelle im Handeln entwickelte. Er zog am 27. Mai nach Barbastro, wo er abermals unthätig stehen blieb, während Oráa von Nieder-Aragon herzueilte und die geschlagene Division Iribarren aufnahm, mit der auch Buerens, 3000 Mann stark, sich vereinigt hatte. Am 2. Juni griff er die carlistische Armee bei Barbastro an und ward nach hartnäckigem Kampfe zurückgeschlagen; die französische Fremdenlegion, die dem carlistischen Fremdenbataillone gegenübergestanden und auch hier ihre deutsche Bravour nicht verleugnet hatte, wurde ganz vernichtet, und ihr Commandeur, der Brigadier Conrad, da er seine weichenden Tirailleurs vorwärts führte, gefährlich am Kopfe verwundet, starb nach wenigen Tagen.
Der Mangel an Energie, der später der kleinen Armee und der Sache, für die sie focht, so verderblich werden sollte, äußerte jetzt schon seine unheilvolle Einwirkung. Die Truppen waren nach dem Siege ruhig nach Barbastro zurückgekehrt und brachen erst am 4. Abends nach dem kaum eine Stunde entfernten Cinca auf, wo sie, kaum glaublich, nicht die geringsten Vorbereitungen für den Übergang getroffen fanden, da doch das Corps acht volle Tage in Barbastro gestanden hatte. Das Hauptquartier war von zahllosen ojalateros[38], Officieren und Angestellten, die essen wollten, ohne zu arbeiten und der Gefahr sich auszusetzen, begleitet, und Jeder von ihnen führte eine enorme Bagage mit sich; so mußten die Bataillone auf dem rechten Ufer campiren, während alle jene Leute, die zahlreichen Munitions- und Bagage-Convoys, die Verwundeten und die Nicht-Combattanten in den einzigen zwei Kähnen über den Fluß geschafft wurden. Erst am Morgen, da schon das Heer Oráa’s nahete, konnte der Transport der Truppen beginnen: das herrliche 4te Bataillon von Castilien, welches die Nachhut bildete, befand sich allein auf dem jenseitigen Ufer, als die Massen des Feindes erschienen und sofort von allen Seiten es bestürmten; nach verzweifeltem Widerstande wurde es zersprengt und unter den Augen ihrer Cameraden, die ihnen nicht Hülfe bringen konnten, theils in den Fluß geworfen, theils gefangen.
Die Armee drang nach diesem Unglückstage in Catalonien ein und vereinigte sich mit den dort gebildeten Banden, ohne irgend Nutzen von ihnen ziehen zu können, da gänzlicher Mangel an Organisation und Disciplin zu aller geregelter Kriegführung sie untüchtig machte. Der feindliche General-Capitain des Fürstenthums, Baron de Meer, rückte von Lerida nach Balaguer vor und griff, nachdem Oráa, durch die Brigade Iriarte von Espartero um 4000 Mann verstärkt, zur Bekämpfung Cabrera’s nach Unter-Aragon hatte zurückkehren müssen, das Expeditions-Corps bei Guisona am 13. Juni an; die Flucht der catalonischen Truppen, die dem ersten Stoße der Christinos wichen, hätte fast den Untergang der Armee nach sich gezogen. Nach einem Verluste von 1000 Mann an Todten und Verwundeten und 150 Gefangenen erkämpfte die Entschlossenheit einiger Chefs und die Festigkeit der alten Bataillone kaum einen geordneten Rückzug. Da zeichnete ein Deutscher, der junge Brigadier Fürst Lichnowsky, glänzend sich aus, indem er im kritischen Augenblicke an der Spitze der Cavallerie mit Erfolg chargirte und der Erste in die feindlichen Lanciers einhieb. Mein armer Freund, Bernhard von Plessen, mit dem im Vaterlande, da wir Einem Bataillone angehörten, die Bande enger Cameradschaft schon mich umfaßten, starb bei Guisona den Heldentod, da er, Capitain der Artillerie, freiwillig den vorgehenden Bataillonen sich angeschlossen; eine Kanonenkugel streckte ihn todt nieder.
Der König zog am 15. Juni nach Solsona und von dort am 19. auf Berga, welches der Oberst Osorio, von den Cataloniern gänzlich geschlagen und durch General Royo in die Festung eingeschlossen, während der Nacht mit 800 Mann und zwei Geschützen räumte. In dem Heere ward indessen außerordentlicher Mangel fühlbar, da die rauhen Hochgebirge für solche Colonnen die nöthigen Subsistenzmittel nicht liefern konnten, und die wenigen vorhandenen Ressourcen durch die jämmerliche Verwaltung der carlistischen Bandenanführer eher vernichtet als weise benutzt wurden. So trat endlich wahre Hungersnoth ein: die Soldaten, in öden Schluchten campirend, blieben drei und vier Tage lang ohne Ration und auf unreife Früchte beschränkt, die sich nur mehrere Stunden entfernt fanden und durch Zerkochen genießbar werden mußten; wer aber von seinem Bataillone getrennt getroffen wurde, duldete harte Strafe. Für ein Brot zahlten die Officiere zwei, drei Piaster, für ein Papier-Cigarrchen eine Peseta. Und wenn ein Freiwilliger, von der Verzweiflung des nagenden Hungers getrieben, selbst die drohende Todesstrafe nicht achtend, in einem Landhause etwas Nährendes zu suchen ging, trieben ihn nicht selten die wilden Gebirgsbewohner, die Alles sich genommen sahen, mit Kugeln von den Häusern zurück, und blutige Kämpfe entspannen sich. Unter den Navarresen, leicht zu Unordnungen gebracht, nahm die Unzufriedenheit immer mehr drohenden Ton an, während Castilianer und Basken schweigend, bis sie entkräftet hinsanken, das Ungemach zu ertragen wußten.
Endlich zog unter allgemeinem Jubel die Armee gen Süden dem Ebro zu, dessen Übergang, von Cabrera thätig vorbereitet, am 29. Juni bei Cherta im Norden von Tortosa bewerkstelligt wurde. Die feindliche Colonne, welche die Vereinigung hindern sollte, langte auf dem Ufer an, als die letzten Truppen auf der Mitte des Stromes sich befanden, und machte ihrer ohnmächtigen Wuth durch ein zweckloses Geschützfeuer Luft. Nachdem die ausgehungerten Soldaten in dem reichen Ebro-Thale, wo Cabrera große Vorräthe für sie angehäuft hatte, sich erholt hatten, wandte sich Moreno, durch die Division jenes Generals verstärkt, nach dem Königreiche Valencia, während Oráa, der von Alcañiz aus sie beobachtete, über Teruel dem Marsche der Carlisten folgte, um von dort der bedroheten Provinz zu Hülfe eilen. Die herrliche Huerta von Valencia wurde besetzt und Castellon de la Plana am 8. Juli eingeschlossen, der Angriff à vive force aber zurückgewiesen; am 10., da Oráa noch mehrere Märsche weit entfernt war, stand die Armee im Angesichte des vielthürmigen Valencia, welches, nur von einer Mauer umgeben und bis auf die Nationalgarden fast ganz ohne Truppen, dem ersten Anlaufe wohl nicht widerstehen konnte. Doch die Führer der königlichen Expedition besaßen nicht die Thatkraft und Entschlossenheit, die solchem Unternehmen erste Bedingniß des Gelingens ist, da durch Temporisiren Nichts gewonnen, leicht Alles verloren werden kann. Der greise Moreno, nachdem er mehrere Tage lang die Stadt angeschaut hatte, zog, ohne den Angriff zu versuchen, südlich vom Guadalaviar ab, da Oráa, dem er durch sein Zögern Zeit zur Vereinigung mit der Colonne von Valencia gegeben, über Segorbe von Aragon herabstieg. Wie unendlich würde die Einnahme von Valencia die Verhältnisse geändert haben, welches Übergewicht hätte sie nicht den Carlisten im westlichen Spanien gegeben! Ich wiederhole, Moreno war ausgezeichneter Strategiker, seine Bewegungen waren stets meisterhaft berechnet; wo es dann galt, das Resultat derselben in kräftigem Handeln zu sichern, hätte Cabrera seine Stelle einnehmen müssen.
Bei Chiva trafen sich am 15. Juli die beiden Heere, und die Carlisten, nach anfänglich bedeutenden Vortheilen geschlagen, zogen sich mit einem Verlust von mehr als 1000 Mann auf Chelva zurück, von wo sie über Sarrion, Linares und Mosqueruela in das Hochgebirge von Unter-Aragon sich warfen. Der König begab sich nach Cantavieja, damals einzige Festung Cabrera’s, während die Truppen, durch die Leiden und Unglücksfälle der letzten Zeit sehr demoralisirt, täglich mehr in das Gebirge zusammengedrängt wurden. Auch Espartero war von den Nordprovinzen herbeigerufen, um gegen das Expeditions-Corps zu operiren, so daß die drei Colonnen von Oráa, Espartero und Buerens im Halbkreise es umstellen und concentrisch es angreifen konnten; am 30. war selbst Oráa bis Mosqueruela, vier Stunden von Cantavieja vorgedrungen, und die königlichen Truppen waren auf die Städte Villafranca, Fortanete und Mirambel in dem wildesten Theile des Gebirges von Cantavieja beschränkt.
Die Lage der Armee war sehr bedenklich, da sie unmöglich lange in jenem unfruchtbaren Theile Aragon’s sich aufhalten konnte; indessen die feindlichen Anführer, eifersüchtig auf einander, combinirten nicht ihre Kräfte zu thätiger Offensive, und bald war Oráa genöthigt, nach Valencia zu eilen, da Forcadell, die Entblößung der Provinz benutzend, bis zu der Hauptstadt vordrang und am 4ten August selbst ihren Hafen, el Grao, mit einigen tausend Mann besetzte, worauf seine Truppen von einer englischen Fregatte beschossen wurden. Als Oráa am 8. in Castellon de la Plana anlangte, zog Forcadell sich zurück, weshalb Jener über Segorbe nach Teruel eilte, wieder seine Stellung dem Könige gegenüber einzunehmen. Aber auch Espartero war während der Zeit zur Deckung Madrid’s gegen die Division Zariategui abgerufen, so daß der König, in Etwas von den Massen befreit, die ihn bisher erdrückten, in der Mitte August’s aus der Felsen-Festung vordringend die Offensive ergreifen konnte, das Gebirge von el Albarracin durchzog und sich dann nach dem an Wein und Getreide reichen Hügellande wandte, welches von der nördlichen sanften Abdachung des Hochgebirges von Unter-Aragon nach dem Ebro hin gebildet ist. Oráa und Buerens folgten dem carlistischen Armee-Corps dorthin, dessen Disciplin und Selbstvertrauen, wiewohl es schon sehr zusammengeschmolzen, während der sorgfältig benutzten Ruhe der letzten Wochen ganz hergestellt waren.