Am 24. August standen die Divisionen in der Gegend von Herrera, als eine Depeche des General Buerens aufgefangen wurde, in welcher er, von der Seite von Zaragoza heranziehend, dem General Oráa nach Daroca meldete, daß er am folgenden Tage angreifen werde und dazu die Mitwirkung desselben erwarte. Moreno stellte das Heer vor dem Villar de los Navarros in vortheilhafter Stellung auf und traf so treffliche Vorbereitungen, daß Buerens, der mit vielem Muthe angriff, zurückgewiesen, durchbrochen und vollkommen geschlagen wurde. Seine ganze Division, 11000 Mann, wurde zerstreut und in vollständiger Verwirrung auf Herrera gejagt, wo mehrere tausend Mann, die sich in die Kirche eingeschlossen hatten, capituliren mußten; nur zwei Garde-Bataillone zogen sich geschlossen vom Schlachtfelde zurück. 4000 Gefangene und 5000 Gewehre fielen in die Gewalt der siegreichen Carlisten, die durch diesen Schlag den Weg auf Madrid sich offen sahen, wiewohl Espartero in Folge dessen über Ziguenza nach Aragon eilte und schon am 1. Sept. in Daroca ankam.

Mit den Truppen Cabrera’s vereinigt durchzog das Expeditions-Corps die Provinz Cuenca und marschirte über Tarancon auf der Heerstraße gegen Madrid, indem Moreno gewandt manövrirend dem Feinde mehrere Märsche abzugewinnen wußte; es überschritt den Tajo bei Fuentidueña und rückte am 12. September Morgens vor die Thore der stolzen Residenz. Cabrera, der mit seiner Division die Avantgarde bildete, hatte bei Vallecos, anderthalb Stunden von Madrid, die Cavallerie-Regimenter der Garde, da sie mit reitenden Batterien sich ihm entgegenstellten, gänzlich geschlagen, er schoß schon in die Straßen der Stadt hinein und erwartete ungeduldig mit den nachrückenden Divisionen die Ordre zum Angriffe, dessen Erfolg ganz unzweifelhaft war. Da... erhielt er Befehl, seine Truppen zurückzuziehen. Er gehorchte — Carl V. ließ den Augenblick, der die entrissene Krone ihm darbot, ungenutzt, und dieser Augenblick kam nie wieder.

Augenzeugen versichern, daß Cabrera in gerechtem Zorne über die Erbärmlichkeit der Rathgeber des Königs geschworen habe, fortan nur seinen eigenen Eingebungen zu folgen; so that er. Im königlichen Hauptquartiere selbst, welches bis Arganda, vier Stunden von Madrid gelangte, war Alles so von dem Einzuge in die Residenz überzeugt gewesen, daß schon einem Jeden sein Logis daselbst bezeichnet war. In finsterem Mißmuthe trat die Armee den Rückzug an, der die Früchte aller Anstrengungen und Siege auf immer ihr entriß.


Mannichfach sind die Gründe oder, sage ich, die Entschuldigungen, welche für das Aufgeben der Unternehmung auf Madrid angeführt sind; doch kamen endlich alle übrigen auf die beiden hauptsächlichsten, die Schwäche der Armee bei der Nähe Espartero’s und das Nichterscheinen der Division Zariategui, hinaus. Früher zeigte ich, wie dieser General mit dem königlichen Expeditions-Corps in seiner Bewegung auf die Hauptstadt nicht combinirt agiren konnte, noch durfte, da er, so eben zur Offensive übergegangen, ein überlegenes feindliches Corps im Rücken hätte zurücklassen müssen. Auch war auf die Mitwirkung Zariategui’s gewiß nicht von den Anführern der Armee gerechnet.

Diese zählte zu jener Zeit mit Einschluß der Division Cabrera 13000 bis 14000 Mann; dagegen befanden sich in Madrid etwa 5000 Mann Linientruppen und acht Bataillone National-Garde mit ihrer Cavallerie und Artillerie, während Espartero über Guadalajara in Eilmärschen 25000 Mann heranführte. Daher hieß es, würde es Tollkühnheit gewesen sein, in ein Straßengefecht uns einzulassen, um im glücklichsten Falle nach vier und zwanzig Stunden aus der Stadt entweichen zu müssen oder in ihr den Angriff des feindlichen Heeres zu souteniren. Sieger in so hoffnungslosem Kampfe, wären wir in Madrid blockirt worden, besiegt konnte Nichts die gänzliche Vernichtung von uns abwenden.

Die Nichtigkeit solcher Argumentation ist auf den ersten Blick durchschaut. Das gefürchtete Straßengefecht würde gar nicht Statt gefunden haben: einige Bataillone hatten sich zwar bei dem zunächst bedroheten Thore aufgestellt und erwarteten ohne Hoffnung und ohne Muth den Angriff; aber die Besatzung reichte lange nicht hin, um die ausgedehnten Mauern auch nur rings zu besetzen, und jene Bataillone würden alsbald gezwungen sein, wie es ja stets den Garnisons der größeren Städte erging, in irgend ein festes Gebäude sich einzuschließen, um unter möglichst guten Bedingungen zu capituliren. Denn in der Stadt erwartete die Masse, der Kern des Volkes nur das Signal zum Angriffe, um sich zu erheben und Carl V. zu proclamiren. Daß jedoch, wie dem Anschein nach wohl erwartet wurde, die Bevölkerung bei der Annäherung der Carlisten selbstständig die Contrerevolution bewirke und die Truppen verjage, so daß unsere Armee die Thore geöffnet und von der Menge jubelnd sich empfangen fände — das hieß in der That zu sehr auf das Loyalitäts-Feuer des Volkes rechnen. Auch von der National-Garde waren die vier letzten Bataillone durch Zwang gebildet und bestanden durchgängig aus echt royalistisch gesinnten Männern, Handwerkern und kleinen Kaufleuten, denen die Wahl gelassen war, ihre Laden zu schließen und ihre Familien, die Stadt verlassend, ins Elend zu stürzen oder als National-Gardisten sich enrolliren zu lassen. Es ist bekannt, daß die revolutionaire Regierung später Untersuchungen anstellen ließ, weil diese Bataillone bei dem Erscheinen der Carlisten ihre Neigung für sie deutlich an den Tag gelegt und complottirt hatten, um bei dem Angriffe für sie sich zu erklären, was natürlich allen Widerstand beendigt hätte.

Sehr zu bezweifeln ist aber, daß die Armee Espartero’s auf die Carlisten, nachdem diese Madrid’s sich bemächtigt, den Angriff gewagt hätte. Die Nachricht von dem Ereignisse würde auf die Soldaten den niederschlagendsten Einfluß geäußert und die Bande der Disciplin, in jener Zeit so sehr gelockert, vollends zerrissen haben. Und wenn Espartero trotz ihrer Entmuthigung die Truppen zur Wiedereroberung der Hauptstadt führte, entschied er nur rascher den Ausgang des Krieges und den Sturz der Parthei, für die er kämpfte. Da war es nicht nöthig, vor ihm zu fliehen oder geschlagen oder in der Hauptstadt blockirt zu werden; die siegreiche Armee würde mit Begeisterung dem Feinde entgegen gegangen sein, um ihn selbst anzugreifen, ihn moralisch geschwächt, wie er war, zu vernichten und so mit der letzten Hoffnung der Christinos den ferneren Widerstand ganz niederzuschlagen.

Alle jene Schwierigkeiten, so weit sie wirklich bestanden, mußten bedacht sein, ehe der verhängnißvolle Zug unternommen wurde; so wie der erste Schritt gethan, hörte alles Schwanken auf, und „Vorwärts“ ward das Loosungswort, denn jedes Zaudern brachte Verderben. Das ganze unendliche Übergewicht, welches die Eroberung Madrid’s ihnen gab, überließen die Carlisten durch den Rückzug ihren Feinden, indem sie den Spaniern und der Welt die Überzeugung von ihrer Schwäche oder ihrer Unfähigkeit aufdrängten, das Vertrauen der friedlichen Bewohner einbüßten, die sie nur erscheinen sahen, um sich eiligst den verfolgenden Christinos durch die Flucht zu entziehen, und sich, was oft noch unheilsvoller war, mit den vergeblichen Hin- und Herzügen zum Gegenstande des Spottes und der Verachtung machten.

So unermeßlich waren die Folgen der Uneinigkeit und des Intriguen-Spieles, welche unter den nächsten Umgebungen des Königs herrschten und jede energische Kraftäußerung unmöglich machten, jedes Unternehmen lähmten. Da war es nicht zu verwundern, wenn mancher treue Diener von Überdruß ergriffen wurde, wenn endlich die Truppen laut über Verrath schrieen und mit Widerstreben den Mühseligkeiten sich unterwarfen, die ihrer Führer verkehrtes Benehmen über sie verhängte.