Die nächsten Tage vergingen in Bewegungen zwischen den Henares und Tajuña der Armee Espartero’s gegenüber, der fortwährend verstärkt täglich mehr das Expeditions-Corps drängte. In der Nacht vom 18. zum 19. September versuchte Moreno einen Überfall desselben in Alcalá, der gänzlich fehlschlug und das nachtheilige Arrieregarde-Gefecht vom 19. veranlaßte, in dem die Carlisten, heftig von der feindlichen Cavallerie bestürmt, mit Verlust in die Gebirge sich zurückzogen. Mehrere Compagnien, die man aus Gefangenen gebildet, denen auf ihr Bitten die Waffen gegeben waren, warfen bei dem Angriffe der Lanciers die Gewehre nieder und gingen mit dem Rufe: viva Isabel segunda! zu ihren alten Gefährten über. Cabrera, der in Guadalajara unter den Augen Espartero’s eingezogen war, trennte sich von dem Heere und führte seine Division nach Aragon zurück, da er in längerem Bleiben Schmach und Vernichtung erkannte, worauf der König, dessen Truppen in dem traurigsten Zustande waren und an Allem Mangel litten, den Rückzug nach dem Gebirge von Soria beschloß. Da die Division Zariategui den Angriff Lorenzo’s auf die Brücke von Aranda zurückschlug, konnten die beiden Corps in dieser Stadt sich vereinigen.


Kaum war ich, von der Verfolgung Lorenzo’s zurückgekehrt, in meinem alten, nun mit Officieren der königlichen Divisionen angefüllten Logis angekommen und suchte ein Strohlager mit Mantel und Decke etwas bequemer zu machen, als ich zum General berufen wurde, der so eben in höchstem Mißmuthe von einer Zusammenkunft mit dem Infanten zurückkehrte. Er erklärte mir, daß er in Rücksicht auf meine Verwundung mich ausersehen habe, um etwa zweihundert durch Wunden und Krankheiten undienstfähige, aber leicht transportable Leute nach den Nordprovinzen zurückzuführen, wo auch ich raschere Heilung hoffen dürfe. Schmerzlich mußte es mir sein, meine Cameraden in jenem Augenblicke zu verlassen, da ich trotz des Elendes, in dem die andern Divisionen sich mit uns vereinigt, fest glaubte, daß nun rasch und kräftig die Offensive würde ergriffen und Entscheidung erkämpft werden. An Siege und glänzende Erfolge gewöhnt, konnten wir noch nicht den Gedanken fassen, so plötzlich von der Höhe herabgestürzt zu sein. Aber dennoch war ich meinem Chef Elio, denn ihm verdankte ich die Rücksicht, innig dankbar für die mir gewordene Sendung, da meine Wunde, in den ersten Tagen vernachlässigt, mehr und mehr peinigend wurde und mich auf einige Zeit für thätigen Dienst ganz untauglich machte.

Nachdem mir siebenzehn beladene Saumthiere für den General Uranga übergeben waren, trat ich in der Nacht mit meinem Convoy den Marsch an; zwanzig Infanteristen, alle aus den Theilen Castilien’s gebürtig, die ich durchschneiden sollte, so daß sie im Nothfalle als Führer mir dienen konnten, bildeten die Bedeckung. Ich durchkreuzte die ganze Provinz Burgos, im Allgemeinen den Windungen der Sierra folgend, überschritt die Heerstraße von Burgos nach Vitoria, dann den Ebro, wo er ein schmaler Bergstrom schäumend über die Felsen hinbrauset, und erreichte am 7. October den famösen Paß, der Felsen von Orduña genannt, der die Verbindung von Vizcaya und Burgos über den Hochrücken der Pyrenäen bildet. Wiewohl ich der Verwundeten wegen den Marsch sehr langsam gemacht und, nicht immer die unzugänglichsten Gebirgsstriche aufsuchend, mehrere bedeutende Orte berührt hatte, langte ich in den Nordprovinzen an, ohne auch nur einen Soldaten, Carlist oder Christino, getroffen zu haben. Nachdem ich die mir ertheilten Aufträge vollzogen, eilte ich nach Navarra, dessen milderes Clima mich anzog, um dort die Heilung meines Armes abzuwarten.

Während ich in einem reizenden Landhause bei Estella; welches als Convalescirungs-Quartier mir zugetheilt war, einige Wochen in angenehmer Muße zubrachte, gingen von den Corps, die ich in Aranda zurückließ, Unheil verkündende Berichte ein; eines Tages erschien selbst ein Trupp Cavalleristen, die bei Mendavia den Ebro passirt hatten und sich als vom Hauptcorps nach dessen Niederlage abgesprengt erklärten. Ihnen folgten in rascher Folge Andere, bis endlich die ganze dritte Escadron von Navarra, zu Zariategui’s Division gehörend, bei Estella anlangte. Sie erzählten, ihre Desertion zu entschuldigen — denn die Officiere waren nicht mit ihnen gekommen — wie die vollständigste Unordnung in die Armee eingerissen sei, die, an Allem Mangel leidend und überall geschlagen, nur in der Zerstreuung habe Heil finden können. Die Deserteure wurden arretirt und ihre Aussagen für erlogen erklärt, aber dennoch nahmen die beunruhigenden Gerüchte immer mehr überhand, als unerwartet und nach der Furcht der letzten Zeit fast mit Freude begrüßt die Nachricht anlangte, daß der Infant mit einem Theile des Heeres den Ebro passirt habe. Bald erschien er in Estella, von Zariategui und den ersten Officieren von dessen Division begleitet. Ich hatte die Genugthuung, von meinem Generale zur Rückkehr zu seinem Stabe aufgefordert zu werden, im Falle sein Commando ihm gelassen würde, was nicht geschah.

Da die königliche Expedition bei der Vereinigung mit Zariategui in gränzenlosem Elende sich befand, auch sehr fatiguirt und demoralisirt war, übernahm dieser die Deckung des Rückzuges, der unter den Augen Espartero’s und im fortwährenden Kampfe mit dessen nachdrängenden Massen bewerkstelligt wurde. Die feindlichen Generale, nachdem sie durch Heranziehen aller disponibeln Truppen sich verstärkt hatten, rückten in die Sierra vor, zerstörten alle Vorräthe und trieben die Carlisten von Stellung zu Stellung, von Ort zu Ort, überall mit unmenschlicher Härte Jeden hinopfernd, der carlistischer Gesinnungen verdächtig war oder, wenn auch gezwungen, der Armee einen Dienst geleistet hatte; die Häuser selbst, in denen der König oder der Infant logirt hatte, brannte der wilde Lorenzo nieder. Da beschloß Moreno den Angriff der Feinde zu erwarten. Bei Retuerta bezog er mit 14000 Mann eine feste Stellung, in der er am 5. Oct. von Espartero und Lorenzo, die 35000 Mann vereinigt, bestürmt wurde; der Kampf war blutig, aber unentschieden, da die Carlisten gegen alle Versuche der Christinos ihre Stellung behaupteten und sie mit schwerem Verluste zum Rückzuge nöthigten, ohne doch solchen Vortheil benutzen zu können.

In kleine Colonnen aufgelöset suchten die Expeditionen sich in der Sierra zu behaupten; aber der Mangel an Allem wuchs täglich, die Feinde, hier alle Gräuel der ersten Kriegesjahre erneuernd, verfolgten mit Kraft und errangen immer neue Vortheile, selbst der König, von allen seinen Bataillonen getrennt, fand sich umzingelt und entkam kaum zu Fuß durch die Wälder den Schlingen, die Verrath ihm gelegt. Verrath! Durch das ganze Heer tönte der Schrei: Verrath! manche der ersten Führer wurden als dem Feinde verkauft bezeichnet und bedroht. Da siegte Espartero in der Action von la Huerta del Rey, die carlistische Cavallerie fast aufreibend; die Desertion riß immer mehr ein — gänzliche Vernichtung oder Rückzug nach den Nordprovinzen war die einzig übrig bleibende Wahl. Der Infant Don Sebastian marschirte zuerst mit der Division Zariategui dorthin ab und langte am 19. Oct. in Alava an; der König war trotz seines Widerwillens, da er beim Abmarsche der Expedition erklärte, daß er nur als Sieger wiederkehren werde, gezwungen, den Rest des Heeres gleichfalls dorthin zu führen, um nicht seiner Treuen Leben umsonst zu opfern: am 24. Oct. überschritt er den Ebro. Er erließ eine Proclamation an Volk und Heer, ihnen verkündend, daß er selbst den Oberbefehl übernehme und daß er zurückgekommen sei, um die Armee von den Verräthern zu reinigen, welche die Anstrengungen der braven Freiwilligen vergeblich gemacht und den Erfolg der Expedition gehindert hätten; zugleich versprach er kraftvolle Wiederaufnahme der Operationen. General Guergué ward zum Chef des Generalstabes an Moreno’s Stelle gewählt.

Große Hoffnungen erregte diese Proclamation; sie sollten nie erfüllt werden! Die Verräther konnten unentlarvt ihre Pläne verfolgen, während die bravsten Truppen in nutzlosen Zügen geopfert, der Krieg lässiger als je hingezogen wurde.