Unser Commandeur war ungewiß, welche Maßregeln er ergreifen sollte. Vor uns stand in fester Stellung der weit stärkere Feind, das uns zunächst aufgestellte Aragon blieb unbeweglich trotz der Zeichen, durch die es bei unserm Vorgehen zu correspondirender Bewegung aufgefordert war, weither verkündete sogar das stets mehr zurück sich ziehende Feuer bedeutendes Vordringen der Christinos. Keine Ordre des Generals erfolgte, so daß jeder Chef, wie so oft der Fall war, nach eigener Eingebung handeln mußte. Rasch entschied sein Muth den unseren zum Vordringen, um durch Bedrohung des feindlichen rechten Flügels dem bedrängten Valencia Luft zu machen. Oberst Fulgocio stellte sich an die Spitze des Bataillons und führte es vorwärts: unter dem lebhaften Feuer des Feindes stiegen wir die steile Felswand zur Schlucht hinab, erkletterten mit lautem viva el Rey mühsam die entgegengesetzte Höhe und sahen uns Meister der Stellung, von der die Christinos erstaunt gewichen waren. Doch ehe wir uns zu ordnen vermocht, eilte ihre Reserve in Masse zum Angriffe vor, durchbrach im ersten Drange unsere Linie und stürzte in das Ravin uns zurück, mit dichtem Kugelregen uns überschüttend, wie wir im Rückzuge die Felsen hinaufsteigen mußten. Da sahen wir Aragon eilig weichen; rechts und links fielen die Freiwilligen, die Reihen mischten sich und löseten sich auf, wildes Geschrei ertönte, und in Verwirrung floh das Bataillon. Umsonst suchten wenige Officiere durch Bitten und Drohen die Fliehenden zum Stehen zu bringen, umsonst durchbohrte Fulgocio, der das Pferd zurücklassend der Erste beim Angriff, der Letzte auf dem Rückzuge gewesen war, ergrimmt einen der Freiwilligen; es war unmöglich, die wenige Minuten vorher so braven Soldaten zu ermuthigen, und der auf dem Fuße uns verfolgende Feind machte alle Anstrengungen der Officiere vergeblich.

Da fühlte ich einen leichten Schlag an die Schulter, und baumelnd sank mein rechter Arm am Körper nieder, während der Säbel der Hand entglitt: eine Flintenkugel hatte den Oberarm, der Schulter nahe, zerschmettert. Langsam schlich ich unter dem Pfeifen der Kugeln zurück, bis Oberst Fulgocio mich zwang, sein Pferd zu besteigen, auf dem ich, nachdem die Bataillone sich gesammelt hatten, dem Rückzuge bis zum nächsten Dorfe folgte, wo den Truppen Brod und Wein ausgetheilt wurde, Kraft zum nöthigen Nachtmarsche ihnen zu geben. Unser Verlust stieg auf etwa zweihundert Mann, der des Feindes war bei seiner Übermacht weit bedeutender, denn unser kleines Corps, wiewohl besiegt, hatte sich seiner würdig gezeigt in hartnäckiger, blutiger Gegenwehr. Die Christinos, weit entfernt, uns unmittelbar zu verfolgen, kehrten nach den nächsten Dörfern zurück und büßten so die Vortheile ein, welche ihr Sieg bei der gänzlichen Erschöpfung unserer Soldaten ihnen darbot.


In zehrendem Schmerze lag ich auf meinem Lager in dem Feldhospitale; die Wundärzte hatten erklärt, daß der Knochen des Armes gänzlich zerschmettert sei und daß meine Fortführung im Gefolge der Expedition nothwendig schnellen Tod nach sich ziehen müsse: ich sollte zurückgelassen werden. Entsetzliches Geschick! Umsonst sträubte ich mich, umsonst flehte ich und betheuerte, daß ich den Tod dem mir bestimmten Loose vorziehe. Das Urtheil war gesprochen, ich blieb verdammt, wieder den verabscheuten Trabanten der Usurpation in die Hände zu fallen, nochmals alle die Drangsale zu dulden, welche von solcher Gefangenschaft unzertrennbar sind. Verzweiflungsvoll klagte ich das Geschick an, daß es zum Spielballe seines Hasses mich erkoren; ich wünschte mir den Tod im Übermaße des bittern Schmerzes und beneidete die, welche an jenem Tage neben mir das glorreiche Ziel ihrer Laufbahn erreicht hatten.

Dann traten die treuen Cameraden, vom Oberst Fulgocio geführt, ins Zimmer, Abschied von mir zu nehmen. Der Krieger ist wenig gewohnt, seine Empfindungen in schöne Phrasen zu kleiden, die so oft zum Deckmantel kalter Gefühllosigkeit dienen. In wenigen herzlichen Worten drückten die Gefährten ihre Theilnahme, ihre Wünsche mir aus; noch ein langer, kräftiger Händedruck... schon rief der helle Hörnerklang zum Abmarsche, und sie eilten, ihren Compagnien sich anzuschließen. Wie viele dieser Braven sollte ich nie wiedersehen! Ehe ich von neuem mir den Vertheidigern Carls V. mich vereinigen durfte, hatten die Meisten unterlegen; auch sie sanken in der allgemeinen Vernichtung der kleinen Division.

Regungslos horchte ich dem Geräusche, welches von den Straßen herauftönte. Bald zogen die Escadrone ab klirrend und rasselnd; langsamen, schweren Schrittes folgte die Infanterie; kurze Ruhe trat ein, dann erschallte der freie, weniger der bindenden Ordnung unterworfene Tritt der Jäger, die den Nachtrab bildeten. Athemlos suchte ich den letzten Laut der Cameraden zu erhaschen, bis das Geräusch dumpfer und dumpfer hinstarb; Alles ward still wie das Grab. Da ward ich überwältigt von schmerzlichsten Gefühlen. Die Augen füllten sich mir mit glühenden Thränen, finstere Gedanken durchwühlten die wild sich hebende Brust und machten mich unfähig, meine Lage zu würdigen, unfähig selbst, Theil zu nehmen an dem Jammer derer, die mir nahe in schrecklichen Zuckungen ihr Leben aushauchten, oder in leisem Gewimmer die Schmerzen verriethen, deren Töne zu unterdrücken ihre Kraft nicht mehr hinreichte. Wohin vermag Selbstsucht den Menschen zu treiben! Sie tödtet jedes edlere Gefühl in ihm, sie macht ihn unempfindlich gegen die Leiden seiner Mitmenschen, ja sie vermag so ihn zu versteinern, daß er Freude fühlt bei dem Anblicke fremden Elendes und Trost im Dulden Anderer für sein eigenes Geschick sucht. Doch regten sich bald bessere Gefühle in meinem Herzen: die Bitterkeit machte der Wehmuth Platz, Ruhe und Ergebenheit trat an die Stelle des wilden Zornes, bis die bisherige Aufregung in Erschlaffung und Abmattung sich auflösete und fester, erquickender Schlaf des erschöpften Körpers sich bemächtigte.

Als ich erwachte, dämmerte der Morgen. Waffen und blutige Kleidungsstücke lagen im Zimmer umher; zwei der Verwundeten waren während der Nacht gestorben, die andern neun lagen hülflos da, außer Stand, sich zu bewegen. Nachdem ich meine Lage überdacht hatte, erhob ich mich langsam mit unsäglicher Mühe, in Schulter und Arm von stechenden Schmerzen gefoltert; ich hielt es als der Erste an Graduation unter den Zurückgelassenen für Pflicht, der Erste dem Feinde, der jede Minute anlangen konnte, mich darzubieten und die Sorgfalt der Anführer für die verwundeten Gefährten in Anspruch zu nehmen. Sehr geschwächt schlich ich dem Eingange des Dorfes zu, dessen Bauern, niedrig knechtisch gesinnt, wie der Neu-Castilianer allgemein, und vor dem Stärkeren stets schmeichelnd im Staube kriechend, mir finstere Seitenblicke zuwarfen, ohne ihre Hülfe anzubieten, und selten wagte irgend ein mitleidigeres Weib, einige Worte des Bedauerns zu äußern. Von Durst gequält trat ich in das kleinste Haus, einen Trunk Wasser zu fordern. Das Mädchen, welches mir ihn reichte, flüsterte mir zu: „Um Gottes willen, fliehen Sie ins Gebirge, denn die Schwarzen sind schon im Anzuge und werden Sie tödten.“ Mit schmerzlichem Lächeln sah ich auf den Arm, den bei der leichtesten Bewegung scharfe Stiche durchzuckten, und dankte dem theilnehmenden Kinde; dann setzte ich den schwankenden Gang dem Thore zu fort und erwartete auf einem Baumstamme sitzend die Ankunft der Feinde.

Las Cuevas — die Höhlen — liegt, seinem Namen Ehre machend, wie ein Schwalbennest einem hohen abschüssigen Felsberge angeklebt, in dessen Mitte ein Absatz sich befindet, gerade groß genug, um die Häuser des Dorfes zu fassen, dem ein schmaler Felsenweg sich zuwindet, während die Straße, ohne den Ort zu berühren, unten im Grunde sich hinzieht. Von meinem Sitze aus konnte ich etwa tausend Schritt weit das Thal übersehen, bis es sich hinter den in mannigfacher Gestaltung es umkränzenden Höhen verlor. Im Morgennebel lag die Landschaft düster da, nicht durch emsige Arbeiter belebt, da diese, die Raubgier der zügellosen Soldateska fürchtend, ihre Wohnungen nicht zu verlassen wagten und nur von Zeit zu Zeit neugierig forschende Blicke nach dem Wege warfen, auf dem die siegreichen Christinos herankommen mußten. Sie zauderten nicht lange. Gewehre blitzten, einzelne Reiter, leichte Truppen des Vortrabes wurden sichtbar, und schnell folgte eine lange dunkele Masse, wie eine ungeheure Schlange durch die Öffnungen der Berge sich hinwindend. Die Colonnen befanden sich zur Seite des Dorfes, als ein kleiner Trupp, von der Marschordnung sich trennend, den Felsenweg heraufzog; Helme funkelten näher, und ein Detachement Dragoner, welchem eine Jäger-Compagnie folgte, sprengte dem Eingange des Ortes zu.

An der Spitze der Reiter jagte der Capitain der Jäger einher. An ihn richtete ich mich mit der Bitte, die im Gemeindehause befindlichen Verwundeten gegen jede Mißhandlung schützen zu wollen, worauf er, ein Mann edel und großmüthig, wie ich selten unter Spaniern, unter Christinos sie fand, mich aufforderte, ihm zu folgen und meiner Leute wegen unbesorgt zu sein; er stellte sofort Posten zu ihrer Sicherheit auf und ließ für die Armen, um die seit dem Abend Keiner sich bekümmert, durch die Behörden Pflege und Nahrung besorgen. In der That wagte Niemand, Hand an uns zu legen, so lange dieser Ehrenmann mit seiner Compagnie im Dorfe blieb; da aber kaum der letzte Jäger den Rücken gewandt, um mit der Colonne sich zu vereinigen, stürzten die Dragoner über uns her, mißhandelten die Hülflosen trotz ihres herzzerreißenden Jammers, nahmen ihnen Alles ab, was sie an Werth besitzen mochten, und gingen in ihrer wilden Grausamkeit so weit, daß sie die Kleidungsstücke, steif von geronnenem Blute, ihnen vom Leibe rissen. Auch ich ward, wie meine Cameraden, entkleidet und mußte auf besondern Befehl des feindlichen Generals dem Corps folgen, während die übrigen Verwundeten den Dorfbehörden zum Transporte nach dem nächsten Hospitale übergeben wurden.

Nachdem ich eine schreckliche Stunde zu Fuß mich fortgeschleppt hatte, durfte ich auf die Ballen eines hoch beladenen Maulthieres mich heben lassen. Jeder Schritt machte mich von furchtbarem Schmerze zucken, und mit fest über einander gebissenen Zähnen saß ich starr und lautlos, bis endlich die nie aufhörende Wiederholung desselben Schmerzes mich ihm vertraut oder stumpf gemacht hatte. Dann ward ich vom Hunger gequält, da ich seit dem Morgen des vergangenen Tages Nichts genossen, und umsonst hoffte ich, daß die Division anhalten und Lebensmittel austheilen werde. Der Marsch dauerte fort und fort, meine Schwäche durch Blutverlust und Nahrungslosigkeit herbeigezogen, nahm immer zu, ich glaubte mich sterbend und freute mich, daß alle Leiden nun bald vollbracht seien. Schon brach die Nacht an und noch ward nicht gerastet. Mein Maulthier weigerte sich, länger zu marschiren, es stolperte in jedem Augenblicke, dadurch meine Schmerzen auf den höchsten Grad steigernd, und wurde nur durch Kolbenstöße der Wache zum Weitergehen gezwungen. Da schlug es einen schmalen Fußsteig ein, der hoch über dem Wege erhaben neben ihm hinlief, glitt aus und stürzte von der Höhe hinab. Der eine furchtbare Schrei, den ich ausstieß, machte weithin die marschirenden Truppen stutzen: ich war auf den zerschmetterten Arm gefallen und lag besinnungslos am Boden. Einige Soldaten hoben mich auf und setzten mich, da ich wieder zum Bewußtsein gekommen war, auf ein anderes Maulthier, und wieder ging Stunden lang der Zug fort, bis ich gegen Mitternacht endlich von der folternden Furcht eines neuen Falles, die nun jede andere Empfindung zum Schweigen brachte, mich erlöset sah, da die Colonne in Carascosa auf der Heerstraße von Cuenca nach Madrid Halt machte, um bis zum Morgen von dem endlosen Marsche zu ruhen. Jener Tag war einer der entsetzlichsten, die ich erlebt; ich hatte den Tod als eine Wohlthat erbeten.