Unser kleines Corps, am Morgen nach dem Übergange den Rapporten gemäß in allen Waffengattungen 1968 Mann stark, wandte also dem unter dem Namen der pinares de Soria bekannten Gebirgszuge sich zu, der, als iberisches Gebirge bei den Quellen des Ebro von dem Hauptstamme der Pyrenäen sich losreißend, gen Südosten unter mannichfachen Benennungen bis Unter-Aragon und Neu-Castilien sich erstreckt, wo er mit der Sierra morena in Verbindung steht. Der König hatte dem General Cabrera Befehl ertheilt, eine der Divisionen seiner Armee unserem Anführer zu untergeben, damit dieser mit den vereinten Streitkräften den Krieg nach der Mancha und den anderen Central-Provinzen Spaniens tragen und die dort unter verschiedenen selbstständigen Partheigängern gebildeten carlistischen Guerillas organisiren und combiniren könne, um dem Kriege daselbst, der bisher mehr in Raub und Plünderung als im Kampfe bestanden, regelmäßigere und entscheidendere Gestalt zu geben. Große Schwierigkeiten bot der Auftrag. Nicht nur waren die Truppen zu fürchten, welche, nun fast unthätig in der Mancha garnisonirend, bei der Ankunft der Expedition Leben gewannen; selbst die Division durften wir nicht als gefährlichsten Feind ansehen, welche 4000 Mann Infanterie und 300 Pferde stark unter General Uribarri von Espartero zu unserer Verfolgung gesandt war, und auf der kürzesten ihnen offenen Marschlinie uns zuvorzukommen und abzuschneiden strebte. Die größten Schwierigkeiten drohten uns in der offenen, ebenen Gestalt jener Provinz, welche die Überlegenheit des Feindes und besonders die seiner schönen Cavallerie so sehr begünstigte, wie in dem Charakter unserer dortigen Alliirten, die gewohnt, ohne Disciplin und Zwang nach eigenem Gutdünken zu verfahren, mit Widerwillen und selbst mit offener Widersetzung das Joch der Kriegszucht und der festen Ordnung empfingen, durch das Don Basilio zu Soldaten, würdig des Namens von Carlisten, sie umzuwandeln beschloß.
In starken Märschen eilten wir der Vereinigung mit dem Heere Cabrera’s entgegen und zogen schon am 2. Januar in das alte Calatayud ein, unter den Römern Hauptort der Provinz; wir hatten noch keinen Feind getroffen und waren von den Einwohnern überall auf eine Art aufgenommen, die ihr freudiges Erstaunen über die hohe Disciplin und die Schonung aussprach, welche sie von den Truppen beider Partheien, die sonst in diesen Gegenden gehauset, so selten erfahren hatten. Die Garnison von Calatayud hatte sich nebst den National-Gardisten in das über der Stadt angelegte Castell eingeschlossen, wo sie, da wir uns begnügten, die nöthigen Rationen und die Contribution zu erheben, und nicht dabei gestört wurden, ganz unangetastet blieb. Auch in den übrigen Punkten Aragon’s, in denen wir feindliche Forts trafen, fand kein Act von Feindseligkeit Statt; während der Nacht ruheten wir sorglos in den oft wenige Schritte von den Verschanzungen entfernten Häusern.
Oráa hatte sich, unser Durchdringen zu Cabrera zu verhindern, mit einem Theile der Armee des Centrum nach Daroca und Cariñena gezogen, wodurch wir gezwungen wurden, südlich der Provinz Cuenca uns zuzuwenden. Da begannen die Drangsale, durch die unsere Expedition eben so erschöpfend als unglücklich werden sollte. Himmel und Erde verbanden sich, ihr stets besiegte, stets neu und schreckender sich aufthürmende Hindernisse entgegenzuwerfen. Furchtbare, nie aufhörende Regengüsse verwandelten die Wege in tiefe Sumpfgründe und machten es fast unmöglich, den schmalen Gebirgspfaden zu folgen, deren Schlüpfrigkeit dem Fuße keinen festen Stützpunkt mehr darbot, während jeder Fehltritt Zerschmetterung auf den Felsen des Abgrundes drohete. Jedes Gebirgswasser ward zum reißenden Strome, der die leichten Brücken und Stege fortriß und nur auf Kosten der unwiederbringlichen Zeit, oft mit Verlust von Menschenleben, überschritten werden konnte; aus jeder Schlucht, jeder Vertiefung bildete sich ein tiefer See, zu weiten Umwegen nöthigend und die Beschwerden der ermatteten Leute verdoppelnd. Die elenden, weit entlegenen Dörfer reichten nicht hin, selbst so kleiner Truppenzahl die nöthigen Lebensmittel zu liefern; Mangel an allem Nothwendigen ward stündlich mehr fühlbar, Krankheiten fingen an einzureißen, und die braven Freiwilligen, nach ermüdendem Marsche zitternd von Nässe und Kälte, mußten oft auf der Straße neben einem erlöschenden Feuer Erholung und Stärke für die Strapatzen des folgenden Tages suchen, da die Officiere und Beamten, welche der Glanz und Prunk liebende General in großer Zahl um sich hatte, nebst denen der Legitimität für die Compagnien kaum einige erbärmliche Häuser frei ließen.
Solche das Hauptquartier begleitende, im Gefechte unsichtbare, sonst überall sich vordrängende und Alles prätendirende Männer jedes Ranges, wie sie fast immer die Divisionen begleiteten, wurden von den Soldaten sehr treffend Blutigel genannt; doch saugen sie, wo sie einmal sich angehängt, unersättlich, bis sie das Herzblut getrunken haben. Eine Thatsache mag als Beispiel ihrer Selbstsucht und rücksichtslosen Habgier angeführt sein. Die erste Sorge des spanischen Soldaten beim Einrücken in die Ortschaften ist, die als Feldflasche ihm dienende Bockshaut mit Wein zu füllen, dessen Entbehrung, wiewohl er nie trunken, ihm drückender ist als die des Brodes selbst. Wie groß mußte das Staunen unserer erschöpften Krieger sein, da sie jetzt täglich die Thüren der Wirthshäuser durch Ordonnanzen besetzt fanden, welche barsch mit der Erklärung sie zurückwiesen, der Wein sei auf Befehl des Generals mit Beschlag belegt! Doch rasch verwandelte sich dieses Staunen in drohenden Unwillen, als die Truppen erfuhren, daß der General, weit entfernt, solchen Mißbrauch anzuordnen, gar nicht von der Maßregel in Kenntniß gesetzt sei; daß einige Nichtsthuer zu diesem Mittel gegriffen, um sich Wein zu sichern und ihre Taschen zu füllen, da sie den Rest desselben, unter dem Vorwande der Ordre des Generals den Wirthen ohne Entschädigung genommen, bei dem Abmarsche heimlich verkauften. Don Basilio verdiente nie den sonst den spanischen Generalen so oft mit Recht gemachten Vorwurf der Selbstsucht und des Unterschleifes, er verabscheute das entehrende Verbrechen und strafte es schwer: ein Oberstlieutenant und ein Civilbeamter wurden am 9. Januar wegen unbefugter Beschlagnahme und Defraudirung von Wein vor der Front der Division erschossen.
Man glaube nicht, daß nur in den carlistischen Corps dergleichen Mißbräuche sich fanden. Gewiß waren sie auch in ihnen häufig, und besonders diejenigen Beamten, denen die Herbeischaffung der täglichen Bedürfnisse oblag, und von deren Amte Unterschleif ja unzertrennlich zu sein scheint, ließen die schreiendsten Räubereien durchgängig sich zu Schulden kommen: während die Truppen in Gegenden, die an Vieh und Getreide Überfluß hatten, oft am Nothwendigsten Mangel litten, wußten sie ihre Koffer mit dem Golde des Landmannes zu füllen, indem sie, mit den Magistraten den Gewinn theilend, ihn zwangen, die zehnfach geforderten Lebensmittel in Geld zu liefern. Wohl ward hin und wieder solch ein Erbärmlicher erschossen, aber das half für Tage kaum, während der Unwille des seinen Unterdrückern fluchenden Volkes nie aufhören konnte. Noch weit mehr breitete sich jedoch diese Raubmethode in dem Heere Christina’s aus. Generale, Anführer, Officiere nahmen in ihm an diesen Ungerechtigkeiten Theil, die vollkommene systematische Aussaugung des Landes ward mehr noch als des Feindes Verfolgung betrieben, und da ich als Gefangener oft in nähere Berührung mit den Officieren der revolutionären Armee zu treten genöthigt war, ward ich durch die Frechheit empört, mit der sie ihrer Gewandheit in solchen Diebeskünsten wie des ehrenvollsten Talentes stets sich rühmten.
Die stets zunehmenden Drangsale bei fortwährend forcirten Märschen mußten den Etat des kleinen Corps sehr herabbringen; eine lange Reihe Kranker folgte auf Eseln und Maulthieren dem Zuge und Mancher, der augenblickliche Ruhe suchend hinter dem Nachtrabe zurückblieb, fand unter den Händen der Nationalen den Tod, während Andere, entmuthigt und unfähig, so viele Leiden länger zu tragen, ihre Waffenbrüder verließen und dem gehaßten Feinde sich hingaben. Die Gesänge, welche den Marsch der spanischen Soldaten begleiten und zur Ertragung der höchsten Beschwerden ihn ermuntern, waren längst verstummt; finsteres Schweigen herrschte die langgedehnten Marsch-Colonnen hinab und artete fast in die fühllose Niedergeschlagenheit aus, die dem Mann, durch physisches und moralisches Dulden besiegt, die Kraft zum Handeln und zum Denken raubt. Da ertönte am Morgen des 13. Januars 1838 der Ruf, feindliche Truppen seien vor kurzem durch das Dorf gezogen, welches so eben unser Vortrab betrat; die ersten Bataillone erhielten Befehl, im Lauftritt vorwärts zu gehen. Neues Leben beseelte unsere Freiwilligen; das Elend, die Mattigkeit waren vergessen, Scherze und Gesänge erschallten, und viele Kranke selbst schlossen ihrem Corps sich an, da der ersehnte Augenblick des Kampfes nahe schien. Bald brachte die Cavallerie etwa vierzig Gefangene, meistens Nachzügler, zurück; wir erfuhren, daß wir auf die von den Nordprovinzen zu unserer Verfolgung gesandte Division gestoßen waren, welche, durch an sich gezogene Detachements und National-Garden auf mehr als 5000 Mann verstärkt, nach Cuenca marschirte, wo sie von den Strapatzen der letzten Wochen auszuruhen gehofft hatte. Die beiden Divisionen hatten wenige Stunden von einander entfernt übernachtet, ohne die geringste Nachricht davon erhalten zu haben, so daß erst der Zufall, der auf dem Durchschnittspunkt der beiden Marschlinien sie sich einander treffen ließ, den Generalen die Nähe des Feindes anzeigte.
Die Überlegenheit der Christinos bewog Don Basilio, nicht den Kampf zu suchen, weshalb er den beschwerenden Munitions-Convoy unter dem Schutze eines Bataillons von Aragon vorausschickte und mit den andern drei Bataillonen und der Cavallerie, auf Alles gefaßt, langsam in derselben Richtung folgte. Auf seine Übermacht vertrauend eilte Uribarri gegen uns, und schnell waren die Jäger-Compagnien in lebhaftes Feuer engagirt, während die feindliche Cavallerie unsere Rechte zu überflügeln suchte, da dort das Terrain ihre Bewegungen gestattete. Doch D. Basilio führte die in Masse gebildeten Bataillone, die bedrohete Flanke durch die Escadrone deckend, bis zu einem nahen Defilé zurück und nahm dort Position, worauf der Feind, ohne einen Versuch zur Forcirung der starken, in der Front durch ein schroffes Ravin geschützten Stellung zu machen, sich zurückzog und nur einige leichte Truppen zur Beobachtung uns gegenüber ließ.
Wenn die Division bis zum Anbruche der Dunkelheit diese Position festgehalten hätte, so würden wir unter dem Schutze der Nacht unsern Marsch mit Sicherheit fortgesetzt haben, ohne einem Kampfe uns auszusetzen, dessen unglücklicher Ausgang vorher gesehen werden und unheilsvoll auf die ganze Expedition wirken konnte. Der General beschloß Anderes. Kaum sah er die feindlichen Truppen in einiger Entfernung, als er den Bataillonen zu defiliren befahl, während alle Elite-Compagnien den Rücken deckten und die beiden Escadrone auf dem etwas freierem Terrain zu unserer Linken folgten. Bald begann wiederum das Feuer hinter uns, ohne jedoch unsern Marsch zu unterbrechen; doch nach und nach nahm es zu und näherte sich rasch, schon waren die Jäger und Grenadiere nicht mehr im Stande, den stark aufdrängenden Feind zurückzuhalten, und um 2 Uhr Nachmittags wurden die Bataillone genöthigt, in Schlachtordnung sich aufzustellen. Kaum nahmen wir unsern Posten auf dem äußersten linken Flügel ein, als wir eine dunkle feindliche Masse, deren Tirailleurs-Linie unsere Jäger vor sich her trieb, anrücken sahen; eine zweite Colonne suchte unsere Linke zu überflügeln, weshalb zwei Compagnien entsendet wurden, sich ihr entgegenzustellen. Als das feindliche Bataillon bis auf hundert Schritt herangekommen, zogen seine Tirailleurs sich rechts und links, und mit dem wilden Gebrüll, ohne daß der Spanier nie angreifen zu können glaubt, avancirte es im Sturmschritt. Fest erwarteten wir sie, Gewehr im Arm. Schon waren sie kaum vierzig Schritt entfernt, da ertönte hell das Commandowort „Feuer!“, ein dichter Kugelregen lichtete die Reihen, und mit gefälltem Bajonnett stürzten wir auf die Wankenden, die in Unordnung entflohen, bis sie, eine kleine Ebene durchschreitend, jenseit einer schroffen Schlucht von ihrer Reserve aufgenommen wurden. Wir eilten den errungenen Vortheil zu benutzen, als auf der Ebene zwei feindliche Escadrone hervorbrachen, deren eine gegen uns sich wandte, aus dem sofort gebildeten Carré mit Kugeln begrüßt, jedoch in ehrerbietiger Ferne blieb, während die zweite auf die beiden Compagnien sich warf, welche in Tirailleurs aufgelöset unsere Linke deckten.
Entsetzen ergriff mich, da ich die eine der Compagnien zaudern, dann ungewiß sich verwirren und, anstatt wie die zweite in Haufen sich zu vereinigen, ungeordnet den nicht nahen Gebüsch zueilen sah. Jubelnd holten die Reiter sie ein und säbelten die Wehrlosen nieder; mehrere Freiwillige lagen zu Boden gestreckt, andere erflehten, hoch die umgekehrten Kolben emporhaltend, den so selten gewährten Pardon; da stutzten die feindlichen Dragoner, und um den Hügel jagten die Officiere der Legitimität zur Rettung ihrer Gefährten heran. Selbst in Unordnung gerathen entflohen die Christinos, auf dem Fuße von den Unsern verfolgt; die zweite feindliche Escadron suchte die Flüchtigen aufzunehmen, wurde aber selbst mit fortgerissen und fand wie jene erst hinter ihrer Infanterie Schutz.