Nachdem am Morgen des 28. Decembers Rationen für mehrere Tage dem Corps ausgetheilt, langten wir Nachmittags um 4 Uhr in dem reizenden Städtchen los Arcos an, wo die Bürgerschaft mit Wein, Speck, Stockfisch und Brod uns erwartete; mit anbrechender Dämmerung setzten wir dem Ebro zu uns in Marsch. Eine unendliche Menschenmenge umringte uns bei dem Abzuge, den Freiwilligen irgend einen Leckerbissen, einige ersparte Silbermünzen zusteckend und der Klageruf der Frauen: „los pobres, que ya son perdidos!“ tönte weithin uns nach: der gesunde Verstand des Volkes theilte nicht den Wahn, der zu bald auch in unserm Verderben sich kund that.

Um 9 Uhr langte die Division nach vorsichtigem Marsche auf dem Ufer des Ebro an. Die Furth von Mendavia, zwischen den feindlichen Festungen von Logroño und Lodosa gelegen, war zum Übergangspunkte ausersehen; doch erklärten die Führer alsbald, daß der durch häufige Gebirgsregen angeschwollene Fluß diese Furth, die beste der ganzen Gegend, ungangbar gemacht habe. Eine zweite, etwas höher liegend, ward fast ohne Hoffnung auf Erfolg aufgesucht, und bald durchlief die Reihen in leisem Gemurmel die Nachricht, daß der Übergang schwer, aber möglich sei. Gerade um diese Zeit verkündeten die Madrider Zeitungen jubelnd, wie nun schon der Ebro, die sicherste Schutzwehr der christinoschen Provinzen, den drohend vorbereiteten Einfällen der Carlisten auf lange Zeit eine unübersteigliche Barriere entgegensetze. Schnell zeigten wir ihnen, daß solche Hindernisse den Muth unserer braven Freiwilligen nicht brechen konnten, daß sie die Fluthen des mit der Winterkälte verbündeten Stromes zu überwinden vermochten, wie sie sich nicht scheuten, den Massen der Revolutionsheere zu trotzen.

Es war eine jener trüben, stürmisch kalten Nächte, welche in den Gebirgen Spanien’s so oft in nordisches Clima uns zu versetzen schienen. Finsteres Gewölk, schwer auf einander gethürmt, durchflog den Horizont, tausend phantastische Gebilde an einander reihend, zwischen denen hie und da der matte Schein eines Sternes blinkte. Schneidender Nordostwind führte von den Schneegefilden der Pyrenäen erstarrende Kälte uns zu, während vor uns laut brausend der Ebro seine Wassermassen dahin wälzte, aus denen die Wogen durch das Aufzischen weißen Schaumes auf der dunkeln Fläche hervortraten, deren Gränze die Schatten der Nacht dem ängstlich forschenden Auge verhüllten. Regungslos standen die Bataillone in Colonnen formirt auf dem Ufer, mit stummen Grauen auf das Rauschen der mächtigen Wasser horchend; ich gedachte der Lieben in der schönen friedlichen Heimath: ob ich wohl je sie wieder in die Arme schließe! Da tönte ein Commandowort durch die lautlose Stille, und die Jäger-Compagnien warfen sich halb entkleidet in den Fluß, um auf dem andern Ufer Position nehmend den Übergang zu decken. In gedrängtem Zuge folgten ihnen die übrigen Truppen.

Keine Vorbereitung war getroffen, den Übergang der Division zu erleichtern, und die Cavallerie, welche stromaufwärts in einer Linie sich aufstellend die Kraft der Wogen zu brechen bestimmt war, sah sich durch die grimmige Kälte schnell gezwungen, an das andere Ufer zu passiren. Da drang ein langer, wilder Schrei durch die Nacht, ein Schrei des Todes. Ungeheures Entsetzen ergriff die Herzen der stumm in Erwartung Dastehenden, athemlos von kaltem Schauder durchrieselt, starrten Alle auf die tobende, schäumende Fluth. Klagelaute, Weherufe der Verzweiflung ertönten und starben, immer wiederholt, immer grauser die Brust uns durchschneidend, stromabwärts in die Finsterniß hin. Die unwiderstehliche Gewalt der Fluthen riß die Cameraden mit sich fort, wir hörten ihr flehendes Jammergeschrei und konnten nicht helfen; eine Bildsäule stand ich kraftlos, gedankenlos, jede Fiber angespannt, wie zum eigenen Todeskampfe, mit starrem, weit offenem Auge das furchtbare Dunkel vergeblich durchforschend; das Haar sträubte sich mir, das einzige Mal im Leben. Da traf eine Stimme mein Ohr, meine innerste Seele, eine liebe, theure Stimme; nein! zu gewiß war es, herzzerreißend drang eines lieben Gefährten Hülferuf zu mir — ich hörte, ich empfand nichts mehr. An der Spitze meiner braven Freiwilligen fand ich mich auf dem andern Ufer des Flusses, als das Bataillon sich dort formirte. Spät entsann ich mich alles Geschehenen.

Herrlich hatten sich unsere wackeren Burschen bewährt, deren Standhaftigkeit durch das Schrecklichste nicht erschüttert wurde. Während ihrer sterbenden Cameraden Jammergeschrei: „Ich ertrinke, um Gottes willen, ich ertrinke!“ zu ihnen tönte und bald, dumpfer und dumpfer werdend, im Brausen der Wogen verhallte, während erstarrte Körper, mit Mühe dem wilden Element entrissen, durch die Reihen leblos dem nahen Dorfe zugetragen wurden, stürzten die Compagnien ungeschwächten Muthes mit dem Rufe: „Es lebe der König!“ in den Strom, der ihnen gleich furchtbares Geschick drohete. Um Mitternacht befanden sich alle Corps auf der Südseite des Ebro und richteten ihren Marsch gegen den nahen ihm parallel laufenden Gebirgszug.

Don Basilio entwickelte bei diesem Übergange zuerst den Mangel an Vorsicht, der ihm so oft verderblich werden und der sehr Vielen der ihm anvertraueten Krieger frühen, leicht vermiedenen Tod bringen sollte. Ein bloßes Tau, als Stütze gegen den Andrang der Wassermassen über den Fluß gespannt, hätte den Schmerz uns erspart, zwischen funfzig und sechzig unserer Genossen, unter ihnen drei Officiere, rettungslos fortgerissen zu sehen. Um der, Manchem bis an die Schultern reichenden und durch grimmige Kälte doppelt gefährlichen, Fluth widerstehen zu können, stemmten sich die Freiwilligen auf das mit aufgestecktem Bajonnett verlängerte Gewehr, und mehrere unter ihnen wurden durch die Ungeschicktheit, mit der Hinter- oder Nebenleute die Stütze handhabten, in Fuß und Bein verwundet, während andere, da sie schon den schlüpfrigen Boden unter sich schwinden fühlten, alles Lästige in der Noth von sich werfend, überglücklich das Ufer ohne Waffen und Gepäck erreichten. Einige wurden, durch die Kälte des Wassers und des Windes zugleich erstarrt, als sie kaum in den Fluß getreten waren, bewegungslos zurückgebracht, Maulthiere und Pferde wurden fortgeschwemmt, und einzelne kühne Reiter strebten umsonst, mit eigener Aufopferung überall Hülfe zu leisten.

Mehr als zweihundert Mann, die schwächsten an Geist und Körper, und fünf Officiere mit ihnen, waren, durch die Gefahr zurückgeschreckt, in Navarra geblieben und gingen, nachdem sie die Nacht in Mendavia zugebracht hatten, nach Estella, worauf der König die Officiere, zu gemeinen Soldaten degradirt, zu den dortigen Bataillonen bestimmte. Der General in Anerkennung der Festigkeit und des Enthusiasmus, welche die Division bei dem Übergange an den Tag gelegt, schlug Sr. Majestät vor, als Zeichen seiner königlichen Gnade eine Auszeichnungs-Medaille ihr zu verleihen. Als die Expedition durch die gegen sie verschworenen Elemente und die Schwächen ihres Anführers mehr, als durch der Feinde überlegene Schaaren nach dem heldenmüthigsten Widerstande ganz vernichtet war, als die Mehrzahl fechtend gefallen, einige, nicht weniger rühmlich, verwundet in den Hospitälern der Christinos als Gefangene schmachteten — nur 250 Mann entkamen zu dem Heere Cabrera’s — geruhete der König, den Officieren, die den Ebro passirt und dem Tode entgangen waren, einen Grad zu verleihen.

Unter den Schlachtopfern jener Nacht befand sich Gustav Philippron, ein junger holländischer Officier, ausgezeichnet durch Bravour und militairische Ausbildung wie durch seine Entschiedenheit für die Sache, deren Vertheidigung er sich gewidmet hatte. Wenige Minuten vor seinem Tode fand ich ihn, wie er auf einem der Maulthiere behaglich reitend seine Compagnie der Furth zuführte, in der so eben der Übergang begann, und lachend wünschte ich ihm Glück, daß er so das Unangenehme der Nässe zu vermeiden gewußt. Die Mitte des Stromes hatte mein armer Freund erreicht, als das Maulthier, auf den glatten Steinen ausgleitend, nach kurzem Kampfe hingerissen wurde; die ihm unmittelbar folgenden Seinen sahen den geliebten Officier in der Dunkelheit verschwinden, hörten in der Ferne seinen durchdringenden Hülferuf und mußten hülflos ihn hinsterben lassen, da jeder Schritt von der vorgezeichneten Bahn gleichen unabwendbaren Tod brachte. Mehrfach hatte Philippron gegen mich geäußert, daß er überzeugt sei, er werde im Wasser umkommen, wie sein Vater beim Bade, sein älterer Bruder, dem Vaterlande gegen die empörten Belgier dienend, in der Schelde ertrunken sei. — Von Allen, die ich liebte, und durch engere Bande mir verbunden hielt, sollte allein ich den Untergang unserer braven Armee überleben! Glücklich ruhen sie längst von den Mühen, die so reichlich ihnen wurden; glücklich, da sie im glorreichen Kampfe für das, was sie als recht und wahr erkannt, auf dem Felde der Ehre bluten durften, glücklicher noch, daß sie nicht sehen mußten, wie Niedrigkeit und Verrath im Untergange der gerechten Sache triumphirten. Ehre sei den Braven!