Wenn man erwägt, was die Expeditionen gegen sich in die Wagschale gelegt sahen, kann man nicht umhin, erstaunt zu fragen: Wie ist es denn möglich, daß mehrere Expeditionen so glänzend ausfielen, daß sie der ihnen entgegengestellten Colonnen spotten oder gar sie aufreiben konnten; daß Gomez bis zu den reichen Ebenen Andalusien’s und Gibraltar’s Felsen die ganze Halbinsel durchziehen und, wenn er nichts Dauerndes gethan, doch an Zahl bedeutend verstärkt und mit mannigfachen Schätzen nach Vizcaya zurückkehren durfte? Wie stand Zariategui später als Herr von Castilien da, wie wurde Madrid wiederholt in Schrecken gesetzt? Unfähigkeit und Nachlässigkeit der christinoschen Anführer trug wohl noch mehr dazu bei, als die Geschicklichkeit der carlistischen Generale und die Bravour der Truppen, so hoch sie auch zu stellen ist. Und dann vermag das Glück, wie in allen menschlichen Dingen, auch im Kriege so Viel. Doch bleibt unzweifelhaft, daß, während die Expeditionen gut disponirt und vor Allem combinirt das Ende des Krieges herbeiführen mußten — was gethan werden konnte, hat das Jahr 1837 in den Zügen des Königs mit Cabrera und Zariategui’s gezeigt, — daß sie durch die Art ihrer Ausführung die carlistische Macht unendlich schwächten und, da sie der Hauptarmee ohne Ersatz viele Tausende ihrer besten Krieger raubten, sie unfähig machten, den früheren Siegeslauf fortzusetzen. Zu bewundern ist in der That, daß die feindlichen Feldherren, ihr Bestes ganz verkennend, den Abmarsch dieser, dem Untergange geweiheten Corps zu verhindern strebten, anstatt ihnen beim Vordringen goldene Brücken zu bauen, und nur der Rückkehr mit ganzer Kraft sich zu widersetzen.


Ich schließe diese Abschweifung, indem ich alle die Umstände, welche mächtig zum Verfall des seit dem Beginn des Bürgerkrieges so kräftig aufblühenden carlistischen Heeres beitrugen, zur Übersicht zusammenfasse. Die Berücksichtigung derselben erläutert manches sonst Dunkele und mag Vorurtheile berichtigen, die außerhalb Spanien gegen viele meiner ehemaligen Chefs und gegen meine Cameraden im Allgemeinen sich bildeten und bilden mußten. Sie sind vor Allem der Tod des großen Zumalacarregui und die Unzulänglichkeit seiner Nachfolger im Commando, wodurch der Eifersucht und den bis dahin stummen Intriguen der Kampfplatz geöffnet wurde; der Haß der Provinzen auf einander, der in schwächender Uneinigkeit und Unzufriedenheit sich kund gab; die Erschöpfung des Landes und der Überdruß der Bewohner nach so vieljährigem Dulden; der drückende Geldmangel; die Elemente, aus denen später die Truppen bestanden; endlich die Expeditionen.

XIV.

Seit der Rückkehr der Armee nach den Nordprovinzen waren mit dem lebhaftesten Eifer und Thätigkeit die Organisation und neue Ausrüstung der Bataillone betrieben, und ganz besonders wurde gearbeitet, die Corps von Castilien, bestimmt, schnell wieder den Ebro zu neuer Expedition zu passiren, auf den besten Fuß zu setzen. Die Truppen waren abgerissen und von Allem entblößt angelangt, weshalb die königlichen Fabriken mit nie gesehener Lebhaftigkeit mit der Anfertigung von Waffen und Munition beschäftigt wurden, während von Frankreich große Quantitäten Tuch, Schuhzeug, Schwefel und Salpeter so wie die zur Ergänzung der Escadronen nöthigen Pferde ankamen. Zugleich wurden die vielen aus Castilien durch Zariategui hergeführten Rekruten einexercirt, und die Anführer strebten, die im Sommer etwas geschwächte Kriegszucht wiederherzustellen, und so den Erfolg der neuen Operationen zu erleichtern. Da meine Wunde geheilt war, bat ich gegen Ende Novembers um Bestimmung zu einem der castilianischen Bataillone, um mit diesen auszuziehen und dadurch mehr Gelegenheit zu thätigem Wirken zu erhalten, als ich nördlich vom Ebro erwarten durfte; die 6. Compagnie des 7. Bataillons von Castilien ward mir als ältesten Premierlieutenant anvertraut, da der Capitain in einem Scharmützel bei Bilbao kurz vorher getödtet war.

Am 19. December musterte der König das aus 12 Bataillonen zu 500 Mann und aus 5 Escadronen bestehende Corps von Castilien zwischen Amurrio und Llodio. Hohe Hoffnungen erregte der Anblick dieser schönen Truppen, die glänzend equipirt, wie nie zuvor die Carlisten, und aus jungen, kraftvollen Kriegern, die meistens lange erprobt, zusammengesetzt, mit enthusiastischen Viva’s ihren König begrüßten und jubelnd die Nachricht empfingen, daß sie wiederum ausziehen würden, den gehaßten Feind aufzusuchen und die Befreiung der noch unter seinem Joche seufzenden vaterländischen Provinzen zu versuchen. Die dritte Division setzte sich sofort in Marsch, durchkreuzte schnell in zwei Colonnen Guipozcoa und Navarra und vereinigte sich am 27. Dec. in der Gegend von los Arcos mit der Cavallerie, die auf dem beschlossenen Zuge sie begleiten sollte.

Ein Tagesbefehl des Mariscal de Campo D. Basilio Garcia verkündete am folgenden Morgen der Division, daß er mit Stolz den ehrenvollen Auftrag übernommen habe, dem ersehnten Kampfe gegen die Schaaren der Revolution sie zuzuführen. Er empfahl den Chefs und Officieren die Aufrechterhaltung der strengsten Disciplin und drohete harte Strafe denen, welche Ausschweifungen oder sonstige Beleidigungen gegen Bauer und Bürger sich zu Schulden kommen ließen. Mehr durch unerschütterliche Treue und Anhänglichkeit an seinen Monarchen, als durch hohe kriegerische Talente ausgezeichnet besaß Don Basilio den Ruf persönlicher Bravour, und das Glück, durch das er von seiner ersten kurzen Expedition im Jahre 1836 mit Beute reich beladen nebst vielen Rekruten zurückgekommen war, hatte wohl bedeutend zu seiner jetzigen Wahl beigetragen. Doch kann man sich nicht verhehlen, daß er sehr guter Brigade-Chef, der in untergeordneter Stellung häufig sich hervorgethan, nicht der schwierigen Aufgabe gewachsen war, die er über sich genommen hatte. Der Mangel an einer hinlänglichen Zahl ergebener zugleich und fähiger Anführer nöthigte Carl V. oft, Männer, welche ihre bisherigen Posten glänzend ausgefüllt hatten, zu höheren zu berufen, denen ihre Kräfte nicht mehr angemessen waren, wodurch die einen und die andern ungenügend besetzt wurden. Don Basilio hatte nicht die Eigenschaften, die allein in einem Unternehmen, wie die zu beginnende Expedition es war, Erfolg ihm versprechen konnten; die traurigste Erfahrung hat gezeigt, wie sehr es ihm an Festigkeit, raschem Überblick und kühner Entschlossenheit gebrach, die doch so höchst wichtig, und deren Mangel endlich den gänzlichen Untergang der ihm anvertrauten braven Division herbeiführte.

Der Brigadier Marquis von Santa Olalla, ein Mann von hohem Talente und nie rastender Thätigkeit, stand an der Spitze des Generalstabes; doch wurden seine Anstrengungen durch hohes Alter und damit verbundene Gebrechlichkeit leider sehr gelähmt. Oberst Fulgocio, ausgezeichnet als Edelmann, als Anführer und als Soldat, commandirte die aus den Bataillonen 7. von Castilien und 1. von Valencia bestehende erste Brigade, Oberst Bosque, mehr geeignet zum kleinen Guerrilla-Kriege, in dem er sich hervorthat, als zur Leitung des regelmäßigen Liniengefechtes, die zweite, die Bataillone 1. und 2. von Aragon in sich fassend. Die Cavallerie bildeten die Escadrone der Legitimität, mit der ich unter Zariategui zusammen gefochten hatte, und 1. von Aragon; sie zählten etwa 150 Pferde. Eine vierpfündige Bergkanone, von Maulthieren getragen, begleitete die Division, so wie ein bedeutender Convoy von Munition, deren Erlangung nach Passirung des Ebro nur möglich war, wenn man dem Feinde sie entriß; funfzig Gewehrschmiede, zu der an Waffenfabriken Mangel leidenden Armee Cabrera’s bestimmt, waren uns aggregirt.