Schon war dieses Heer auch nicht mehr aus den alten, von Vaterlandsliebe und Begeisterung getriebenen Freiwilligen zusammengesetzt, die im Beginn des Krieges so manchen Sieg erkämpft hatten. Die Bataillone, wie sie zusammenschmolzen oder neu gebildet werden sollten, wurden großentheils durch Rekruten ergänzt, die, kaum aus dem Knabenalter getreten, mit Gewalt dem väterlichen Heerde entrissen und dem Feinde entgegengeführt waren, so daß in vielen bedeutenden Ortschaften nicht ein einziger unverheiratheter Mann über siebenzehn Jahren sich fand. Diese Conscribirten wurden häufig nur durch Zwang und durch die Furcht vor den Folgen, welche die Desertion für ihre Verwandten nach sich zog, in den Reihen zurückgehalten, da sie die Eltern und Schwestern derer, die sich verleiten ließen, in Frankreich Schutz gegen die Aushebungen der beiden kämpfenden Partheien zu suchen, Jahre lang im Kerker schmachten, ihre Güter eingezogen und verkauft sahen. Wenn auch die Unerschrockenheit, die den Basken nie verläßt, ihn, wenn er einmal Soldat, zum braven Soldaten machte, konnte doch solchen Kriegern nie der Enthusiasmus eingeimpft werden, der die ersten Vertheidiger Carls V. unwiderstehlich machte. Sie wurden täglich lauer, sie benutzten gern jede Gelegenheit, die sich bieten mochte, um auf einige Zeit die Gefahren und Mühen des Feldzuges gegen die Ruhe eines Hospitals oder die lockenden Freuden des väterlichen Hauses zu vertauschen, und des hohen Preises vergessend, der durch den Krieg errungen werden mußte, gewöhnten sie sich, nur als Übel ihn zu betrachten.
Und an diesen Gefühlen nahm bald auch der friedliche Bewohner Theil. Wiewohl stets den Gesinnungen treu, die bei dem Beginne des Aufstandes seinen Söhnen die Waffen in die Hände gab, empfand der Bauer doch zu schwer das Gewicht des langjährigen Krieges, als daß er nicht das Ende desselben mit Sehnsucht herbeiwünschen sollte; ja er hätte wohl, um nur Frieden zu erlangen, einen Theil der Ansprüche aufgegeben, für die er einst bereitwillig Alles opfern wollte. In der That war die Lage der Bewohner des Kriegsschauplatzes verzweifelt. Noch hatte der Bauer die Erndte nicht eingesammelt, wenn schon übermäßige Forderungen an ihn gerichtet waren, die stets wiederholt, bis er Alles hingegeben hatte, zu traurigstem Elende ihn verdammten, ihm oft selbst das für die nächste Aussaat Nöthige raubten. Das Vieh, sonst der Reichthum dieser Provinzen, ward aufgezehrt, der Handel und die Contrebande, unerschöpfliche Quellen ihres Wohlstandes, existirten nicht mehr; der Ackerbau sank zusehends, da die Zahl des Viehes so gering wurde, und mehr noch aus Mangel an Arbeitern, der es dahin brachte, daß allgemein die Mädchen und Frauen das Land bestellten, da die Männer den Pflug mit dem Gewehre hatten vertauschen müssen. Zugleich wurden den Bauern Leinen und Betten für Hospitale und Casernen abgenommen und oft mit, leider unvermeidlicher, Härte eingetrieben, während sie selbst an Festungswerken zu arbeiten, mit ihren Maulthieren den Truppen zu folgen oder gar, bei Belagerungen in der Tranchee arbeitend, ihr Leben auszusetzen genöthigt waren. So ist es nicht zu bewundern, wenn das Volk im Allgemeinen überdrüssig wurde und dem Kriege abgeneigt zu werden begann, der seit so langer Zeit es niederdrückte, ohne durch bedeutende Erfolge, wie in der ersten Epoche, seiner Nationaleitelkeit zu schmeicheln und die Hoffnung auf baldige glückliche Beendigung dieses Zustandes zu beleben.
Für den General aber und die Verwaltungsbehörden wurde es täglich schwieriger, alle die Bedürfnisse herbeizuschaffen, ohne welche Kriegführung unmöglich ist, hauptsächlich Kleidung und Mundvorräthe, so wie Sold. Das Land war, wie gesagt, erschöpft und wurde, täglich mehr ausgesogen, auch täglich unfähiger, das von ihm Geforderte zu leisten; daher mußte Alles aus der Fremde und zwar, da englische Kriegsschiffe die Seeküste blockirten, aus Frankreich bezogen werden. Das Geld nun wurde immer seltener, die Quellen, aus denen es früher geflossen, waren versiegt, und auch das Ausland machte stets größere Schwierigkeiten, Summen zu zahlen, die ganz ohne Erfolg weggeworfen schienen. Umsonst gab der König das Beispiel höchster Einfachheit und Entsagung, umsonst blieben die Truppen drei, vier Monate lang unbezahlt, ohne daß das geringste Murren ihre Unzufriedenheit verrathen hätte; die Verlegenheit des Schatzes wurde täglich dringender, und der Scharfsinn der carlistischen Agenten so wenig wie die Aufopferung einzelner ergebener Anhänger des Königs vermochte der immer erneuerten Noth abzuhelfen.
Noch muß ich einen Grund erörtern, der Viel dazu beitrug, die Basken an der Verfolgung der anfänglich errungenen Vortheile zu hindern, wiewohl er auf den ersten Blick diese nur befördern zu können scheint; es ist die Methode, welche bald nach Zumalacarregui’s Tode adoptirt wurde, Expeditionen über den Ebro hinaus nach den übrigen Provinzen der Monarchie zu entsenden. Solche Expeditionen konnten ohne Zweifel von höchstem Interesse werden und auf die Beendigung des Krieges entscheidend einwirken, wenn sie gehörig basirt und combinirt waren, anstatt daß sie ganz ohne Anhaltspunkt und auf die unbedeutenden Hülfsmittel beschränkt, die sie mit sich führen mochten, in die Mitte der feindlichen Massen geschickt wurden. Sie zersplitterten so unendlich die Macht der Carlisten, schwächten ihr Hauptheer, setzten alle ruhenden Kräfte der Christinos in Bewegung, ohne angemessenes Gegengewicht zu schaffen, und hatten selbst mit ganz unüberwindlichen Hindernissen und Schwierigkeiten zu kämpfen, so daß zu bewundern ist, wie irgend eines der dazu bestimmten Corps der Vernichtung entgehen und vorübergehend glänzende Erfolge davontragen konnte. Da diese Züge, oft an Kühnheit und Gewandtheit hervorstechend, höchst interessante Episoden des Krieges bilden, ist es natürlich wünschenswerth, ihre Verhältnisse etwas näher zu betrachten.
Seit dem Augenblicke, in dem die Expedition die Nordprovinzen verließ, gab sie alle die Vortheile auf, welche sie in jenem Terrain über den Feind hatte, und mußte ihm selbst einen Theil derselben einräumen, ohne die Verhältnisse für sich zu haben, durch welche die Christinos in Stand gesetzt wurden, dem widrigen Einflusse häufig sich zu entziehen. Sie wird alsbald von Colonnen verfolgt, deren jede an Zahl ihr überlegen ist und täglich verstärkt wird, da die Elemente, welche bisher unthätig ruheten, nun alle zur Bekämpfung der eingedrungenen Feinde ins Leben treten und gegen sie sich vereinigen. Das Terrain, dessen Kenntniß in solchem Kriege mehr als je von Wichtigkeit, ist natürlich dem General unbekannt, (denn Karten so wie Instrumente fanden sich gewöhnlich gar nicht und wurden verachtet); während die Christinos, von der Bevölkerung zuweilen aus Sympathie, häufiger aus Furcht und Gewohnheit unterstützt, leicht überall die nöthigen Kenntnisse und Führer sich verschafften. Dabei ist die Expedition, um das ihr günstigere Terrain nicht aufzugeben wie mit Rücksicht auf die festen Orte des Feindes, gezwungen, den Biegungen und Verschlingungen der Gebirge zu folgen; ihr Verfolger dagegen, im Besitze von Anhaltspunkten, die alles Nothwendige ihm liefern, benutzt die kürzesten Linien und vermag mit geringer Anstrengung stets die Carlisten im Auge zu behalten.
Von allen Seiten sieht das Expeditions-Corps von Feinden sich umgeben, die den passenden Augenblick erlauern, um über dasselbe herzufallen, und doch reichen seine Kräfte kaum hin, um gegen eine der Colonnen sich zu schlagen, die ihm entgegen operiren; unfähig mit Erfolg den Gegnern entgegen zu treten, ist es also verdammt, immer den Kampf zu vermeiden. Der Soldat verliert den Muth, er erschlafft, Desertion reißt ein, und die Krankheiten als natürliche Folge der unvermeidlichen, nie endenden Strapatzen nehmen überhand. Bald nimmt die Disciplin ab, oft trennen sich kleine Schaaren von der Masse und sinken zu Raubgesindel herab; wer aber einzeln zurückbleibt, ist verloren, denn die Nationalen, welche vor dem Einrücken der Truppen entflohen, um auf den Seiten und im Rücken sie zu begleiten, kennen kein Erbarmen: wer ihnen in die Hände fällt, wird niedergemacht, krank oder gesund, wehrlos wie nach bravster Vertheidigung. Dann wird es im Gebirge oft schwer, die nöthigen Subsistenz-Mittel herbeizuschaffen, und in den südlichen Provinzen ist es unmöglich, stets die Ebene zu vermeiden; so wie die Freiwilligen sie betreten, sehen sie die Cavallerie bereit, in sie einzuhauen, diese brave, unendlich überlegene Cavallerie, die auf dem Fuße ihnen folgte, den Moment erwartend, der sie zur Thätigkeit rief, und die, immer zu sehr gefürchtet, nun ihre ganze Gewalt entwickelt und Schrecken und Tod in die Reihen der geschwächten Bataillone trägt.
Und sollte es nun gelingen, eine der verfolgenden Colonnen vereinzelt zu überraschen und zu schlagen, Bahn sich zu brechen, sind da jene Schwierigkeiten und Gefahren überwunden? An Benutzung des erfochtenen Sieges ist nicht zu denken, wenn nicht etwa für augenblicklich ungestörte Fortsetzung des Marsches; denn kaum wird die Blutarbeit vollendet sein, wenn schon andere Corps da sind, die Niederlage ihrer Gefährten unschädlich zu machen und den Rückzug derselben zu sichern. Die Expedition muß wieder fliehen; was wird da aus den Verwundeten, von denen der Sieger nicht frei sein wird, was wird aus allen Kranken? Die Unglücklichen müssen entweder ihrem Schicksale, dem mehr als Tod gefürchteten Elend in der Liberalen Gefangenschaft, überlassen werden, oder sie erschweren und verzögern ins Unendliche jede Bewegung, wo keine Minute ungestraft verloren wird. Zugleich sollen die Munitionen ersetzt werden, eine andere unübersteigliche Schwierigkeit. So setzt also der Sieg, anstatt das Corps zu retten, nur neuen Verlegenheiten es aus, denen es fortwährend geschwächt endlich unterliegen muß.
Kann aber solch eine kleine, isolirte Division, wenn sie irgend thätig und geschickt verfolgt wird, die Zwecke erreichen, um die es von der Hauptarmee entsendet wurde? Ist es möglich, daß sie das feindliche Gebiet occupire und in ihm sich festsetze, daß sie die etwa vorhandenen Stoffe zum Aufstande anrege und die carlistisch gesinnten Bewohner ermuntere, mit den Vertheidigern der Legitimität sich zu vereinigen? Oder kann sie, wenn sie selbst auf so zweideutigen und die Aufopferung so vieler Braven nicht rechtfertigenden Zweck sich beschränken wollte, kann sie auch nur Vorräthe anhäufen, Contributionen erheben und Geiseln mit sich führen, um doch mit Beute beladen nach den Nordprovinzen zurückzukehren? Die Carlisten müssen stets fliehen; wie aber soll der Bewohner, so entschieden er in seiner Meinung sei, den Truppen sich anschließen, die er ohne Ruhe noch Rast gehetzt sieht? Das Vertrauen des Volkes muß unter solchen Verhältnissen eben so schwinden wie des Soldaten moralische Kraft, durch die doch vorzüglich die physische aufrecht erhalten wird. Der Soldat, welcher stets fliehet, ist nicht mehr Soldat; er wird zum Schatten seines Ichs, von jeder Gefahr aufgeschreckt und unfähig, ihr zu trotzen und den Beschwerden zu widerstehen, die sich auf ihn häufen. Mancher Führer, wenn er dies bedacht hätte, würde wohl vorgezogen haben, mit dem Schwerdte in der Hand Sieg oder Tod zu erkämpfen, ehe er das ihm anvertraute Corps auf schmachvolle Weise langsamer, aber sicherer vernichtet sähe.
Ist die Expedition mit einiger Sachkenntniß verfolgt, so muß sie unterliegen, ohne ihren Zwecken entsprochen zu haben. Festsetzen kann sie sich nirgends; sie würde das Verderben, welches sie kaum vermieden, sofort auf sich ziehen; wie sollte sie aber, ohne sich festzusetzen, den Aufstand organisiren, die Provinzen beherrschen und dadurch zum Siege der guten Sache mitwirken? Sie vermag höchstens das Land zu durcheilen, hie und da Contributionen erhebend, die Mißgriffe des Feindes benutzend, um in irgend eine Stadt einzudringen, die sie bald wieder räumen muß, und den friedlichen Einwohnern nebst den Leiden und dem Jammer des Krieges Abscheu gegen diejenigen aufzwängend, welche so ohne Nutzen ganzen Provinzen Zerstörung bringen.