In keiner Hinsicht war die Zuneigung des Volkes so wichtig für die Carlisten wie in Bezug auf die Nachrichten. Die Gebirgsbewohner erspäheten von ihren Höhen hinab jede Bewegung der Feinde in der Ebene, und die Feuer, längs den Gipfeln im Augenblicke Stunden weit hinleuchtend, verkündeten, ob und in welcher Richtung die Truppen aus ihren Stellungen aufbrachen. So wie die Colonnen das carlistische Gebiet betraten, ward jedes Kind zum Kundschafter, die Worte der Generale selbst wurden in den Quartieren derselben sorgfältig erlauscht und sofort den nahe stehenden Freiwilligen überbracht, die, während sie stets treue Boten in Überfluß fanden, täglich Bauern erscheinen sahen, um ihnen die Depechen und Mittheilungen zu übergeben, welche Jenen unter Androhung von Todesstrafe vom christinoschen Befehlshaber für irgend einen andern feindlichen Posten anvertraut waren.

Es ist einleuchtend, welchen unendlichen Einfluß auf den Krieg die obigen Umstände haben mußten; um aber ganz ihr Gewicht zu fühlen, vergleiche man die beiden Perioden, während deren Mina, der berühmte Guerrilla-Chef, in eben diesen Provinzen das Commando führte, und sehe, was er in denselben Verhältnissen ausrichtete, da er das erste Mal sie ganz benutzen konnte, dann aber selbst sie bekämpfen sollte. Ein Bauer erhob sich Mina zum Streite für die Unabhängigkeit des Vaterlandes; da wagte er, gestützt auf die Beschaffenheit des Terrains, den Geist seiner Krieger und die Liebe des Volkes, mit wenigen Tausenden, die er gesammelt hatte, den Heeren Napoleon’s zu trotzen, und schlug unzählige Male mit seinen Bauern die glänzend organisirten kaiserlichen Truppen. Verfolgt von mehreren der besten Generale Frankreichs, ohne Festung oder Anhaltspunkt, vereitelte er alle Pläne und Anstrengungen der Gegner, stand nach einzelnen Niederlagen stets furchtbarer wieder da, machte Einfälle tief in die Provinzen jenseit der Pyrenäen und konnte bei Beendigung des Krieges sich rühmen, den Franzosen einen Verlust von mehr denn 50000 Mann beigebracht zu haben, während seine ganze Macht selten zu 8000 Mann stieg. — Eben dieser General sah sich später an der Spitze eines zahlreichen, gut geregelten Heeres auf dem Theater seiner früheren Triumphe; gegen ihn standen wieder einige tausend Bauern, wie damals er sie befehligt hatte. Sein Auftrag war, das Land zu unterwerfen, für dessen Befreiung er einst sich erhoben hatte. Da wurden seine Colonnen geschlagen, seine Festungen genommen, seine Angriffe zurückgewiesen, bis der alte Guerillero mißmüthig das Commando niederlegte, da er den Erfolg als unmöglich erkannte.


Noch bleiben zwei Umstände zu berücksichtigen, welche zu Gunsten der Carlisten großes Gewicht in die Wagschale legten: die Nähe der französischen Gränze und die Einheit im Commando im Gegensatz zu der durch mancherlei Rücksichten bedingten Kriegführung der Christinos.

Wenn gleich das französische Gouvernement die Einfuhr von Kriegsartikeln auf das strengste untersagte und dem Anscheine nach sie zu verhindern strebte, wenn Douaniers, Gensdarmen und Militair-Posten, längs der Gränze aufgestellt, mit Geräusch die Absichten ihrer Regierung gegen die Carlisten verkündeten, bezogen diese doch offen von dort her, was sie nur bedurften, und die Schließung des Verkehrs war nur während weniger Monate so wirksam, daß Verlegenheiten in den Provinzen daraus zu entstehen drohten. Nicht nur wurden alle Arten von Lebensmitteln eingeführt, so unentbehrlich wegen der Anhäufung von Consumenten bei der durch Mangel an Händen verhältnißmäßig verminderter Production; auch die zur Ausrüstung der Truppen nöthigen Stoffe, das Schuhwerk und die Baretts wurden fast ausschließlich aus Frankreich erhalten, und wenn die Bataillone nicht immer vollständig gekleidet waren, so lag dieses nicht sowohl an den Ausfuhr-Verboten Ludwig Philipp’s, als an dem traurigen Geldmangel, der so oft in der Armee fühlbar ward. Viele Waffen und ungeheure Transporte von Salpeter zur Fabrication des Pulvers wurden herübergeschmuggelt und selbst die Pferde der Cavallerie waren mit seltener Ausnahme französische, die von dem deshalb in Bayonne angelegten Depot ergänzt wurden. Ja, die Liberalen Spanien’s irrten nicht, wenn sie häufig die Hülfsquellen, welche Don Carlos in dem nahen Frankreich fand, als einen Hauptgrund für die Dauer des Krieges bezeichneten, und ich darf ohne Furcht vor Übertreibung sagen, daß derselbe schnell und anders entschieden wäre, wenn die Provinzen, die der Schauplatz der Thaten Cabrera’s wurden, in ähnlicher Lage gewesen wären.

Eine andere große Quelle der Macht fand Zumalacarregui, wie die Führer der andern carlistischen Aufstände, in der Art, wie er über sein Heer und über alle Ressourcen frei verfügen konnte. Die Revolutions-Generale hatten stets tausend verschiedene Rücksichten zu beachten: ihre politischen Meinungen und Pläne hatten mehr Einfluß auf die Operationen, als die Gelegenheit, welche die kriegerischen Ereignisse darbieten mochten; der Wunsch, einer oder der andern Parthei das Übergewicht zu geben, ein Ministerium zu stürzen oder zu befestigen, veranlaßte sie zu Unternehmungen, die sie zu anderer Zeit unter günstigeren Verhältnissen durchgeführt hätten, oder vermochte sie unthätig zu bleiben, wo sicherer Erfolg ihnen winkte. Und was vermag nicht, wo Revolutionen das Volk aufregen, die öffentliche Meinung, so gefürchtet selbst von den Leitern der verblendeten Massen; welche Macht besitzt nicht die Presse, die zügellos Alles zu beurtheilen sich anmaßet und zur Beförderung der niedrigsten Zwecke sich mißbrauchen läßt! Christina’s Feldherren hatten Viel zu berücksichtigen, Vielen zu genügen. Während in der royalistischen Armee König und Minister im Lager waren, so daß das nützlich Erkannte ohne Zögern beschlossen und ausgeführt wurde, mußten sie die Instructionen von der entfernten Residenz her erwarten, Lebensmittel, Kleidung, Geld fehlten fast immer, die Operationen auf das entscheidendste lähmend, und die Minister in Madrid waren nicht immer bedacht, der Nothdurft und damit der Gefahr rasch abzuhelfen. In der carlistischen Armee dagegen waren Aller Kräfte auf den einen Punkt, die Betreibung des Krieges und die Beförderung des großen allgemeinen Zweckes, des Sieges, gerichtet. So wie der General den Plan entworfen, konnte er auch Hand an die Ausführung legen, und die Civil-Verwaltung, deren Functionen fast darauf beschränkt blieben, war thätig bemüht, die Mittel herbeizuschaffen, die das Gelingen erleichtern konnten.


Character und Kriegsart des Volkes, die Eigenschaften des Terrains und der Geist seiner Bewohner, die Nähe der Gränze, die Verhältnisse endlich, unter denen die Anführer der sich entgegenstehenden Armeen befehligten, erleichterten die ursprünglichen Fortschritte der Carlisten. Ich gehe zu den Umständen über, durch die das Aufhören jener Fortschritte bedingt und der endliche Ruin der Sache Carls V. eingeleitet ward.

Zumalacarregui, der große Schöpfer und Führer des baskisch-carlistischen Heeres starb vor Bilbao; mit seinem Tode begann das Sinken der Parthei, die er so erfolgreich vertheidigt hatte. Mit festem, eisernem Willen begabt, gefürchtet zugleich und angebetet wußte er alle Mittel, alle Anstrengungen seines Vaterlandes dem einen großen Ziele zuzuwenden und vereinigte die widerstreitendsten Interessen für den einzigen Punkt, den Kampf. Mit Stolz sahen die Basken auf den Basken, der so oft ihre Söhne zum Siege geführt; sie fanden ihre Größe in der seinigen, sahen in seinem Ruhme den Ruhm des baskischen Namens und opferten, da ein Landsmann sie dazu aufforderte, freudig Alles, was sie jedem Andern versagt hätten. Und Zumalacarregui verstand diese Stimmung trefflich zu nutzen, wie er die dadurch ihm gebotenen Mittel in seiner Hand unerschöpflich zu machen wußte. Ein Wort von ihm reichte hin, seine kräftigen Freiwilligen zur Ertragung der äußersten Beschwerden anzuspornen, seine Gegenwart beseelte sie mit dem Vertrauen, welches der sicherste Bürge des Sieges ist. Sein Talent, dem Unbedeutenden und dem Größten gleich gewachsen, umfaßte Alles, rastloser Eifer und unermüdliche Thätigkeit vervielfältigten seine Hülfsmittel und nöthigten die untergeordneten Führer zur gleichen Anspannung ihrer Kräfte, da sein Scharfblick ihnen rasche Entdeckung verhieß, der die Strafe unerbittlich auf dem Fuße folgte. Unbeugsam und durchgreifend gab er nie der Intrigue Gehör und verschmähete den Weihrauch, welchen die Schmeichelei zur Erreichung ihrer selbstischen Zwecke ihm darzubieten eilte; Gerechtigkeit — und sie in ihrer höchsten Strenge — war der einzige Leitstern seiner Handlungen, Verdienst das einzige Recht auf Belohnung. Nur seinem Gotte und seinem Könige Rechenschaft schuldig, wirkte er stets mit der Entschiedenheit und Standhaftigkeit, die das Bewußtsein seines erhabenen Zieles und das Gefühl inwohnender Fähigkeit und Kraft ihm einflößen mußten.

Der Tod eines solchen Mannes mußte die unheilvollsten Folgen nach sich ziehen. Neid und Intrigue begannen sofort ihr jämmerliches Spiel, und ehe noch die Geister von der Betäubung sich erholt, die der unerwartete Schlag verbreitet hatte, erhoben sich bittere Streitigkeiten um die Nachfolge des Helden. Niemand bedachte, daß es doppelt schwer wurde, nach ihm das Commando zu führen. Moreno übernahm den Heerbefehl, ausgezeichnet durch hohe Talente, aber ohne die Eigenschaften, welche in solchem Kriege vor allen andern den Sieg sichern. Die Männer, welche nach einander an die Spitze der Armee traten, besaßen weder die Energie, die früher so Viel vermocht, noch wußten sie die Popularität sich zu erwerben, deren Zumalacarregui genossen hatte; mehrere unter ihnen, so wie sehr viele der andern Generale gehörten andern Provinzen Spanien’s an. Die Basken und Navarresen sind gewohnt, einen Jeden, der nicht ihr Landsmann ist, als Fremden zu betrachten, ja als Feind, der ihren Interessen natürlich abgeneigt ist; sie konnten daher nur mit Widerwillen von diesen Fremdlingen sich befehligt und in ihre Hand das Geschick des Landes gelegt sehen. Die Eifersucht that sich bei jeder Gelegenheit kund und dehnte sich bald auch auf die Bataillone aus, welche aus Castilianern, wie sie alle Nichtbasken bezeichnen, gebildet waren: Streitigkeiten und blutige Händel, nicht immer durch strenge Kriegszucht verhütet, waren die traurigen Folgen. Uneinigkeit, die ja stets von Schwäche begleitet ist, nahm im carlistischen Heere unter Anführern und Truppen täglich mehr überhand; Mißtrauen und böser Wille entsprangen rasch aus solcher Wurzel.