So der Spanier. Er ist der schlechteste Liniensoldat von der Welt; aber für den kleinen, den Guerrilla-Krieg entwickelt er die höchsten Talente und wahrhaft bewundernswürdige Eigenschaften. So wie er einer militairischen Organisation und kriegerischer Disciplin unterworfen wird, scheint er in eine Zwangsjacke gesteckt, die an jeder Bewegung ihn hindert und ihm alle Fähigkeit zum Handeln nimmt: er bedarf langer Zeit, um mit der seiner Natur so ganz widerstrebenden Lage in Etwas sich vertraut zu machen. Sieht er sich aber in selbstständigerer Stellung, die aus bloßer Maschine zum denkenden und unabhängig handelnden Wesen zu werden ihm gestattet, da treten alle die Eigenschaften, welche besonders im Gebirgskriege die Überlegenheit sichern, im höchsten Grade bei ihm hervor; er ist scharfsinnig, schlau, thätig, gewandt und unermüdlich in der Ertragung von Beschwerden und Entbehrungen. Der Spanier ist, wenn er vom Enthusiasmus getrieben wird, augenblicklich sehr brav. Aber den kalten, Tod verachtenden Muth, die unerschütterliche Festigkeit, die den guten Liniensoldaten auszeichnen und ein Erbtheil der Völker von deutschem und slavischem Ursprunge sind, solchen herrlichen Muth kann der Spanier nie sich zu eigen machen.
Um über die Ereignisse der Kriege, die in diesem Jahrhundert die Halbinsel verwüstet haben, ein Urtheil fällen zu können, ist es durchaus nothwendig, den spanischen Guerrillero zu studiren, mit allen seinen Verhältnissen sich vertraut zu machen und in seine Ideen, Gefühle und Vorurtheile selbst sich hineinzudenken. Sonst wird, wer mit militairischem Auge die Geschichte jener Ereignisse betrachtet, nur unerklärbare Widersprüche und stetes Abweichen von Allem finden, was die Erfahrung von Jahrhunderten als unwandelbar hinstellt. Der Spanier geht nur auf reelle Vortheile aus: die Ehre des Sieges wie die Schande einer Niederlage sind ihm Worte ohne Bedeutung, die, kämen sie ihm ja einmal zu Ohren, gar keinen Eindruck auf ihn machen würden. Nein; hat er im Gefechte einen größeren Verlust dem Feinde verursacht, als er selbst ihn erlitt, so wird er des errungenen Vortheiles stolz sich rühmen, sollte er auch fliehend die feindliche Überlegenheit haben anerkennen müssen. Die schönste That ist ihm, hinter einem Felsen versteckt dem sorglos vorüberziehenden Gegner die tödtliche Kugel zu senden und entdeckt durch eilige Flucht den Kampf zu vermeiden, in welchem schon die Chancen gleich sein würden; nie hält er sich für besiegt, wenn er am Tage nach der Schlacht die Stellung, den Punkt, von welchem er in ihr vertrieben wurde, hinter des Feindes Rücken wieder inne hat; daher verliert er auch durch keinen Unfall den Muth, und das beliebte no importa setzt ihn über Alles hinweg, was dem geregelten Heere ein unwiederbringlicher Verlust wäre. Seine Kriegskunst besteht weit mehr in gewandtem Fliehen, in sorgfältiger Vermeidung des Zusammentreffens, wo irgend Gleichheit der Kräfte Statt findet, und in der Benutzung jedes Vortheils, den List und genauere Kenntniß des Terrains ihm bieten, als darin, entscheidende Schläge vorzubereiten und auszuführen, durch die im geregelten Kriege der Militair sein Ziel erreicht. Von Plänen, Regeln und allen den sonst unvermeidlich gehaltenen Rücksichten weiß der Guerrillero natürlich Nichts: das augenblickliche Bedürfniß und die Laune entscheiden Alles, während seine einzige Sorge ist, nie aus dem ihm vollkommen bekannten Terrain sich zu entfernen, wenn er auch dadurch sonstige Vortheile opfern müßte.
Diese Art nun, den Krieg zu führen, ist diejenige, welche die Vertheidiger Carls V. allenthalben adoptirten, wo sie gegen die Usurpation in die Waffen traten; und ihr zuerst verdankten sie die Siege, welche sie über die in die Formen europäischer Organisation und Zucht gezwängten Christinos davontrugen. Dennoch wären sie unmöglich gewesen, wenn jene Guerrilleros nicht in der Configuration des Terrains, dem zweiten Grunde ihrer Fortschritte, eine so unermeßliche Unterstützung gefunden hätten. Ganz Spanien ist von Gebirgsketten durchzogen, die mannigfach verzweigt viele rauhe, unzugängliche Knoten und einzelne Hoch-Plateaus bilden, selten aber Ebenen zulassen, von denen nur in Castilien und Andalusien einige existiren. Vor den andern Provinzen zeichnen die baskischen und Catalonien, dann der Centralpunkt von Valencia, Unter-Aragon und Catalonien südlich vom Ebro durch die Schroffheit der Gebirgsformen und die Unzugänglichkeit ihrer Thäler sich aus, weshalb denn auch sie die Haupt-Schauplätze carlistischer Macht wurden.
In Vizcaya, Guipuzcoa und der nordwestlichen Hälfte Navarra’s sind die Züge des Gebirges, seine Biegungen und Äste so in und durch einander geschlungen, daß es dem geübtesten Auge schwer wird, die allgemeinen Gesetze zu erkennen, welche dem ganzen System doch zum Grunde liegen müssen: alles scheint eine wilde Masse ungeheurer Felsblöcke, die ohne Ordnung und Regel über einander gehäuft sind. Von der Hochebene Alava’s fällt plötzlich das Terrain nach Vizcaya und Guipuzcoa zu hinab und bildet bis zum Meere eine stark abgedachte schiefe Fläche, wodurch die Zerrissenheit des Landes, die verderbliche Wildheit der Gewässer, die Erschwerung der Communicationen, endlich die hohen und steilen Meeresufer herbeigeführt werden. Dadurch wird auch die Schwierigkeit aller Operationen erklärbar, die von Alava aus in das Innere der Provinzen unternommen wurden, da, wer von Vitoria nach Vizcaya vordrang, in einen Kessel hinabstieg, aus dem stets die Rückkehr sehr mißlich und bei einiger Thätigkeit und Einsicht des Feindes verderblich sein mußte.
Die Verbindungswege zwischen den einzelnen Thälern dieses Gebirgslandes folgen meistens dem Laufe der Flüsse, die in weiten Windungen durch unabsehbar tiefe Schluchten sich Bahn gebrochen haben; sonst ist die Communication, eben so gefährlich, nur über die scheidenden Bergrücken möglich. Da verzögern furchtbare Defilées, durch die nur Mann hinter Mann fortschreiten kann, oft Tage lang den Marsch der Colonnen, und kaum drängt ein beladenes Saumthier durch die beengenden Felswände sich hindurch. Dazu kommt, daß die hohen, großentheils mit dichten Waldungen bedeckten Gebirge eine ungeheure Menge Feuchtigkeit absondern und heranziehen, die sich in heftige, lange dauernde Regengüsse auflöset. Dann schwellen selbst unbedeutende Bäche zu Strömen an, die Alles mit sich fortreißen, die Brücken zerstören, die Wege auf weite Strecken überschwemmen und für den Augenblick die Passage ganz hemmen.
Trefflich wußten die Basken die Vortheile, welche solche Terrain-Gestaltung ihnen darbot, im Kampfe gegen Christino’s Armeen geltend zu machen, während ihr großer Führer eben so mit hohem Talente die geometrische Gestalt des Kriegsschauplatzes benutzte. Er bildet nämlich einen Kreis, dessen Centrum, jene unnehmbare Bergfeste, in der Gewalt der Carlisten war; die Christinos hielten, als sie aus dem Innern vertrieben waren, rings die Peripherie inne, suchten in ihr die Feinde vom Vordringen nach den andern Provinzen abzuhalten und von dort aus wieder ihre Herrschaft gegen das verlorene Centrum auszudehnen. Die oberflächlichsten militairischen Kenntnisse reichen hin, um auf den ersten Blick das Übergewicht dessen fühlen zu machen, der dieses Centrum inne hat. Ihm ist stets die Sehne offen, während der Feind dem weit schweifenden Bogen zu folgen genöthigt ist; er hat seine Communicationen, einen der großen Hauptnerven des Krieges, kurz und gesichert, da es ihm immer leicht ist, sich auf die an und für sich schon bedeutend längeren des Feindes zu werfen, sie zu unterbrechen und abzuschneiden. Wie herrlich kann der Feldherr in solcher Lage seine strategischen Talente glänzen lassen, wenn ein Terrain, wie das der baskischen Provinzen, ihn begünstigt, und wenn seine Soldaten der Eigenschaften jener Gebirgsbewohner sich rühmen können!
Zumalacarregui hatte ganz den Geist des Krieges begriffen, der allein dort Sieg geben konnte und, mit Kraft befolgt, ihn sicherte. Irgend einen Punkt der feindlichen Linien bedrohend eilte er auf dem kürzesten Wege nach dem entgegengesetzten Theile des Kriegstheaters, führte den scharf berechneten Schlag aus und stand schon wieder auf seinem früherem Posten, ehe der Feind die Nachricht des Geschehenen erhielt oder seine Abwesenheit benutzen konnte. Er vermied die Heere der Christinos im ungünstigen Terrain, lockte sie listig in die Schluchten des Gebirges, um dort, da ihre Überlegenheit ihnen unnütz wurde, von allen Seiten über sie herzufallen, und begleitete sie harcelirend auf dem Rückzuge, wie er beim Vordringen derselben nicht selten ihren Vor- und Nachtrab zugleich bildete. Überlegenen Colonnen ausweichend, stürzte er sich auf die schwächeren; er schob sich zwischen die verschiedenen Heerhaufen, isolirt sie zu schlagen; er interceptirte die Verbindung, fing die Convoye auf und nöthigte durch unaufhörliche Verluste zum Aufgeben der Vortheile, die seine Schwäche augenblicklich einzuräumen ihn etwa veranlaßt hatte. Nicht aufgehalten durch Artillerie, Magazine, Bagage und alle die endlosen Impedimenta der geregelten Armeen konnte er mit Leichtigkeit unter allen Umständen und in jedem Terrain operiren, erschien auf Punkten, von denen man ihn viele Meilen entfernt glaubte, und überraschte den Feind häufig durch Märsche, die in Rücksicht auf Schnelligkeit und Terrain unmöglich scheinen würden.
Freilich konnte Zumalacarregui solche Wunder nur mit Kriegern, wie er sie befehligte, ausführen, Söhnen des Gebirges, die Tage lang ohne Ermüdung die steilen Bergpfade auf- und abklimmten und leicht wie die Gemsen über Felsen und Abgründe hinsprangen, denen endlich, da sie jede Schlucht und jeden Weg kannten, Tag und Nacht gleichgültig waren für den Marsch wie für das Gefecht. Auch in Bewaffnung und Gepäck hatten diese Soldaten Viel vor ihren schwerfälligen Gegnern voraus. Während die Christinos das beschwerliche Lederzeug, den Säbel, den vollgepackten Tornister und den Czako schleppten, hatte der Carlist seine leichte Patrontasche um den Leib geschnallt, sein Gepäck bestand in einem leinenen Beutel zur Aufnahme des reinen Hemdes und der Rationen, und die wollene Decke, welche er über die Schulter herabhängend trug, diente zugleich als Haus und Bett und Mantel. Hatte der Soldat seine Rationen in Ordnung, so war es ihm dasselbe, auf einem Felsen wie unter Dach auszuruhen, und oftmals brachten Bataillone ganze Monate in den Gebirgen zu, ohne ein Haus zu betreten.
Wenn nun die angegebenen Ursachen die Fortschritte der Royalisten zum Theil erklären, darf nicht verkannt werden, daß sie dennoch schwerlich der Übermacht auf die Dauer widerstanden hätten, wenn nicht der Geist des ganz ihnen ergebenen Volkes trefflich sie unterstützt hätte. In allen Provinzen, in denen die carlistische Macht blühete, hat das Volk Viel gethan und Viel geopfert, aber nirgends wie in den baskischen Provinzen und Navarra; freilich war auch nicht wie hier das materielle Interesse der Bewohner so eng an den Ausgang des Kampfes geknüpft. Drangen die Christinos in das Innere des aufgestandenen Landes vor, so fanden sie die Häuser, die Dörfer verlassen; alles Werthvolle, Alles, was irgend den Eindringlingen nützen konnte, war in die wildesten Theile des Gebirges gerettet, und der erschöpfte Soldat, wenn er gehofft hatte, nach des Tages Gefahr und Mühe in der Ruhe der Nacht sich zu erholen, sah die leeren Mauern der Häuser vor sich, mußte die Thüren aufbrechen und mit dem sich begnügen, was er im Tornister hergetragen hatte. Das Resultat war, daß bei ihrem Abzuge nicht selten die Wohnungen in Flammen aufloderten, wodurch denn die Abneigung der Bauern in Haß und wilde Rachsucht sich umwandelte. Da wurden die Divisionen durch die Landbewohner von Dorf zu Dorf mit Flintenschüssen escortirt, und der Arbeiter, der, ruhig am Wege mit der Hacke beschäftigt, sie vorüberziehen sah, griff nach dem versteckten Gewehr, um in die letzte Compagnie hineinzuschießen und mit einem Sprunge hinter den Felsen zu verschwinden; die Vorposten waren während der Nacht in beständigem Allarm und wurden oft, das Herz vom Messer durchbohrt, todt niedergestreckt gefunden, während der Unglückliche, welcher wenige hundert Schritt von den Marsch-Colonnen sich zu entfernen wagte, unter furchtbaren Martern von den Wüthenden hingeopfert wurde. Und fand sich etwa ein Bauer, der, unter die Christinos sich mischend, Erfrischungen zum Kauf bot oder, wie durch Zufall aufgegriffen, eine Zeit lang als Führer diente, so war er gewiß ein Spion, der bei der ersten Gelegenheit entschlüpfte, das Erforschte seinen Landsleuten, seinen Vertheidigern zu überbringen.
Der carlistische Krieger aber fand immer Schutz und Hülfe bei den Basken. Einzeln durchstreifte er mit Sicherheit die ganzen Provinzen und war gewiß, überall freudig aufgenommen, mit allem Nöthigen versehen und selbst, wo Gefahr drohete, von den Wirthen versteckt zu werden, die sich selbst geopfert hätten, um ihn dadurch zu retten. Befanden sich unsere Truppen in den Gebirgen, so eilten die Landleute von allen Seiten mit Lebensmitteln und Erquickungen herbei, ja im Beginn des Krieges, da die Städte sämmtlich im Besitze der Constitutionellen waren, führten nicht selten die Bewohner der feindlichen Festungen das von dem sorglosen Soldaten gekaufte oder geraubte Pulver und Blei den Freiwilligen zu, die Mangel daran litten. Die Basken boten während der ersten Jahre des Krieges das herrliche Schauspiel eines Volkes, das, um den gemeinschaftlichen National-Zweck zu erreichen, die individuellen Interessen ganz bei Seite setzt.