Am 12. Juli stieg ich die Hauptstraße von Cuenca, welche, da die Stadt auf dem Abhange eines Berges liegt, wohl eine halbe Stunde lang mit vielen Krümmungen das Thal sucht, zum Antritt des Marsches nach Madrid hinab. Mit Wollust athmete ich, die am Fuße des Berges gelegene große Vorstadt verlassend, die reine, freie Luft ein, welche ich so lange gegen die giftigen Dünste des Hospitales hatte vertauschen müssen, und überschaute schwellenden Herzens die Gefilde, reich mit Saaten bedeckt, die lieblich grünen Wälder und die Hügel, welche rings der Landschaft die mannichfachste Gestaltung gaben. Selbst gegen die erhabene Schönheit der Natur wird des Menschen Geist kälter durch die Gewohnheit ihres Anblickes; aber nach langer Krankheit oder wenn aus dem Kerker der ersehnten Freiheit wieder gegeben, sind wir doppelt empfänglich für das schmerzlich Entbehrte. So würde der Marsch nach Madrid mir immer höchst angenehm geworden sein, wenn auch der die Bedeckung commandirende Officier nicht so ganz edel und rücksichtsvoll — wie in Spanien, im Bürgerkriege äußerst selten — gewesen wäre. Er hatte lange Jahre gedient und in den Feldzügen gegen die insurgirten Colonien in Amerika gefochten, er kannte den Krieg, kannte die Gebräuche und Rechte, wie civilisirte Nationen auch unter Feinden sie festgestellt; er war brav, und der Brave ist stets großmüthig. Ich durfte während des Marsches ganz wie frei mich betrachten, theilte sein Logis und sein Mahl und sah mich stets mit aufmerksamer Artigkeit behandelt. Mehrere Male traf ich unter den Christinos mit Männern zusammen, die sich gegen mich auf die ehrenvollste Art benahmen, da ich doch aus eigener Erfahrung weiß, wie meine spanischen Gefährten nicht nur allgemein, sondern selbst von eben jenen Männern zu dulden hatten. Der Umstand, daß ich ein Fremder war, mochte wohl hauptsächlich zu solchem Vorzuge beitragen. Der ungewöhnliche Edelmuth jenes Officiers entwaffnete mich. Ich verließ Cuenca mit dem Entschlusse, trotz der Schwäche meines rechten Armes, der bewegungslos in der Binde hing, einen Versuch zur Flucht zu machen, die bei der Nähe der Truppen Cabrera’s möglich schien. Der Mißbrauch solcher Großmuth wäre schamlos, entehrend gewesen; ich blieb.

Ein Gefangener nahte ich Madrid auf derselben Straße, auf der ein Jahr vorher Carl V. seine Divisionen bis an die Thore der Residenz geführt hatte. Welche Betrachtungen, welche Gefühle mußte der Gedanke mir wecken! Bald hatten wir den Tajo passirt, die Gebirgszüge verloren sich in Hügel, die mehr und mehr wellenförmige Gestalt annahmen; da, als wir eine leichte Anhöhe erstiegen, lag die stolze Königsstadt vor uns in ihrer Pracht, von zahllosen Thürmen hoch überragt. So sah ich Madrid wenige Monate früher, da wir in freudiger Hoffnung nach Segovia’s Erstürmung heranzogen; damals eilte ich zum Kampfe gegen die Satelliten der Revolution, die wir rasch zu unsern Füßen zu zerschmettern hofften, und jetzt...! Wie konnte so kurze Zeit so viel Schweres, so viel Furchtbares mit sich bringen?

Gegen ein Uhr Mittags betraten wir den Prado, den Versammlungsort der schönen Welt von Madrid; sechs Reihen herrlicher Bäume bilden, so weit das Auge reicht, schattige Alleen, von prachtvollen Gebäuden und Gärten umschlossen. Um diese Tageszeit war der Spatziergang ganz leer, weshalb wir gehofft hatten, unbemerkt und ohne Anfechtung die wenigen Straßen zu durchschreiten, welche von der zu unserer Aufnahme bestimmten Caserne von San Mateo uns trennten. Doch das Volk Madrid’s im Eifer, durch Insultirung wehrloser Gefangenen die Entschiedenheit seiner Meinungen darzuthun, scheut nicht Hitze, Staub und Ermüdung. Schnell umringte uns ein großer Haufe vom Pöbel aller Classen; einzelnen Schimpfworten folgten wilde Drohungen, mit den gräßlichsten Flüchen untermischt, und viele der Wüthenden, selbst Weiber, suchten zwischen die Soldaten der Bedeckung sich einzudrängen, um die Gefangenen zu erreichen. Die Escorte schloß dicht um uns und hielt mit vorgehaltenem Bajonnett die Rasenden zurück, unter denen zahlreiche National-Gardisten durch ihre französischen Militairmützen kenntlich waren, bis es ihr gelang, nachdem sie einige Schreier leicht verwundet hatte, bis zu der Caserne sich Bahn zu brechen. Die Abneigung der christinoschen Soldaten gegen die National-Gardisten stieg oft bis zu höchster Erbitterung, da diese, nur zu Grausamkeiten und Metzeleien fähig und willig, nie zu offenem Kampfe sich uns entgegenstellten, dagegen in ihren Ansprüchen noch über die Linientruppen hinausgingen. Solche Abneigung rettete manchem carlistischen Gefangenen das Leben, indem die Truppen, wenn jener Pöbel, wie so oft, ihr Blut forderte, bereitwillig sie zu beschützen eilten.

Das Gefängniß, in welches ich geführt ward, war so finster, daß ich anfangs gar nichts sah; als sich mein Auge endlich an das Halbdunkel gewöhnt hatte, bemerkte ich zehn oder zwölf Unglückliche, sämmtlich Officiere von der Armee Cabrera’s. Der Kerker war ein zwanzig Fuß langer schmaler Raum, der durch ein Gitterfensterchen sein Licht aus dem vorliegenden Gange erhielt. Von den Wänden fielen, durch die Feuchtigkeit losgebröckelt, fortwährend Stücke Kalk herab, in langsam regelmäßigen Pausen tropfte das Wasser zur Erde, und der Boden war mit leichtem Schlamme bedeckt, der nie trocknen sollte. Dabei diente eine Pritsche zur gemeinschaftlichen Schlafstelle, und das Zimmer trug ganz den Stempel der Militair-Gefängnisse, wie sie in allen spanischen Casernen sich finden, auch wimmelte es natürlich von Flöhen, die Tag und Nacht uns quälten. Von Zeit zu Zeit ward es uns erlaubt, eine Stunde lang in dem Hofe spatzieren zu gehen, wo wir dann die Unglücksgefährten trafen, welche in den andern oft noch schrecklicheren Gefängnissen schmachteten. Jeden Sonnabend war aber Communication mit der Außenwelt, indem alle diejenigen, welche durch Furcht vor der Rache der Liberalen und den Insulten der National-Gardisten, welche die Wache in der Caserne hatten, sich nicht abschrecken ließen, uns sehen und sprechen durften, wobei ein hölzernes Gitter sie von uns trennte.

Dennoch brachte ich die Wochen meines Aufenthaltes in Madrid so angenehm zu, wie unter solchen Verhältnissen irgend möglich wurde. Ich hatte von der Heimath her Empfehlungen in Madrid vorgefunden, wodurch ich, da Geld und Connexionen dort unumschränkt herrschen, leicht die Erlaubniß erlangte, Alles, was zur Verbesserung meiner Lage dienen konnte, herbeizuschaffen und selbst Besuche in einem besondern Zimmer zu empfangen; auch den gefangenen Cameraden konnte ich so zuweilen nützen. Daher bedauerte ich nur, den Aufenthalt in der Hauptstadt nicht zum Kennenlernen ihrer Merkwürdigkeiten benutzen zu dürfen. Wohl wäre es leicht gewesen — und es wurden mir wiederholt deshalb Anerbietungen gemacht — gegen Caution die Stadt als Gefängniß angewiesen zu bekommen; doch würde ich mich nur unter steter Gefahr von Seiten des niedern und hohen Pöbels in den Straßen gezeigt haben; auch hielt ich für erbärmlich, meine Genossen in so trauriger Lage zu verlassen, um selbst der Freiheit mich zu erfreuen oder gar dem ihnen drohenden Geschick mich zu entziehen. Denn auch ihr Leben war fortwährend bedroht: tobende Haufen umwogten oft während der Nacht mit Blutgeschrei die Caserne, und Truppen mußten aufgestellt werden, die Erstürmung zu verhindern. Eines Abends ward auch die Wache plötzlich abgelöset und durch Linientruppen ersetzt, da ein Zufall die Verschwörung verrathen hatte, durch die wir in jener Nacht unter Mitwirkung der Wache habenden Compagnie sollten ermordet werden, die dem zweiten Bataillone der National-Garde angehörte, berüchtigt wegen hundertfach wiederholter Aufstände und Emeuten.

Da ward uns eines Abends die Nachricht, daß wir am folgenden Tage nach dem südlichen Spanien abmarschiren würden: die National-Garde und der ganze Pöbel war so aufgeregt, und das Gouvernement fühlte sich ihnen gegenüber so schwach, daß es durch unsere Entfernung dem Sturme vorzubeugen suchte. Am Mittage des 6. Septembers verließen wir Madrid. Wieder umrasete uns das Volk, wieder mußten die Truppen, von denen jetzt ganze Infanterie- und Cavallerie-Regimenter die Straßen und die Zugänge besetzt hielten, mit Gewalt den Durchgang durch die dicht gedrängten Haufen uns erzwingen, und einzelne Pistolenschüsse fielen unter dem Jubel der Menge, ohne jedoch Schaden zu thun. Die Scenen um uns her waren widrig empörend. Einige Nationale schlugen zwei junge Damen nieder, da sie ihrem Vater und ihrem Bruder, die, Oberst und Lieutenant im Genie-Corps, mit uns fortgeführt wurden, Adieu zuzurufen wagten, und das Volk zollte durch laute Bravos der Brutalität Beifall.

Entsetzlich war der Marsch jenes Tages; nie wohl verlor ich mit der physischen so ganz die moralische Kraft, nie war ich so abgestorben für Alles, Alles, bis auf das augenblickliche Dulden. Furchtbar glühend, sengend stand hoch die Sonne über uns, glühend, wie nur Madrid’s Hochebene sie kennt; kein erfrischendes Lüftchen regte sich, kein Baum war da, Schatten zu geben, der Staub wirbelte in dicken Wolken unter den Füßen der Colonne auf, Erstickung drohend, und umsonst schaute das matte Auge nach einem Tropfen Wasser umher. Noch schwach vom langen Krankenlager, dessen Wirkung durch die ihm folgende Einkerkerung keineswegs verwischt war, widerstand ich kaum; stumpf, zusammensinkend schleppte ich mich vorwärts und stürzte, so wie Halt gemacht wurde — jede Viertelstunde — auf den Boden, unempfindlich für Alles im Gefühle des schrecklichen, tödtenden Durstes. Da bot ich Piaster, Gold, Alles, was ich besaß, für ein Glas, für einen Trunk Wasser, selbst für einen Trunk Wein; und Jedermann drückte den Schlauch, der etwa noch einige Tropfen enthalten mochte, gierig ängstlich an sich; da hatte auch das Gold seine Allmacht verloren. Und da wir endlich das Ziel des Tagemarsches erreichten, ward Übermaß so verderblich, wie die Entbehrung vorher. Wir ergriffen mit unmäßiger Hast die dargebotenen Krüge, um in einem Zuge sie zu leeren und wieder und wieder zum Füllen sie hinzureichen; und immer dauerte unbefriedigt, unersättlich die Gier nach Wasser fort, so daß wir selbst trinkend mit Neid den Gefährten trinken sahen. Bis dahin wußte ich nicht, was Durst sei.

In Aranjuez, durch liebliche Gärten und ein schönes Schloß ausgezeichnet, überschritten wir den Tajo, der dort noch weit von der majestätischen Ausdehnung entfernt ist, in welcher er dem Meere seine Gewässer zuführt; dann rasteten wir in Ocaña, wo die Franzosen die fast zwei Mal so starken Spanier in der festesten Stellung gänzlich schlugen. Schon breiteten sich vor uns die weiten Ebenen der Mancha aus, bekannt als Don Quixote’s Vaterland. Ermüdet schweifte der Blick über einförmige Sandflächen hin, die selten vom matten Grüne eines Baumes belebt wurden, Tagereisen lang ward keine Quelle, kein Brunnen sichtbar, in dem der Wanderer seinen Durst löschen könnte, und viele Stunden weit liegen die elenden Dörfer von einander entfernt. Die Bewohner der Mancha machen eben so traurigen Eindruck und flößen den tiefsten Schmerz über die Degradation des Menschen ein. Nirgends fand ich sie so gesunken, wie in einem Dörfchen, las Cuevas[39] — die Höhlen —, dessen Wohnungen in den oben bedeckten Spalten eines Felsen bestanden, welcher dicht neben der Heerstraße sich erhob. Die Kinder, augenscheinlich bis zum Alter von vierzehn oder funfzehn Jahren, spielten ganz nackt auf der Straße, mit hellem Kreischen entfliehend, da wir naheten, während ihre Eltern, in jämmerliche Lumpen gehüllt, die kaum ihre Blöße deckten, und von widerlichem Schmutze starrend, dumm uns angafften und sich bekreuzten. Ohne einen Begriff von allem nicht rein Thierischen vegetiren diese Unglücklichen hin, ein elendes Geschlecht. Wie ist es möglich, daß der Mensch so entsetzlich tief sinke! Unmöglich scheint es, daß ein so schmerzliches Schauspiel, so beschämend in dem hochgebildeten Europa, wenige Meilen von einer Hauptstadt, die mit Aufklärung und Civilisation prahlen mag, Auge und Gefühl entsetzlich verletzen dürfe. In der That verdient nur die Chaussée auf der ganzen weiten Strecke gerühmt zu werden, und neben ihr — welcher Jammer, welche Erniedrigung, an der Tausende und Tausende kalt vorüber fliegen, höchstens mit Eckel den Blick wegwenden, statt zu helfen!

Nachdem wir die Guadiana überschritten, wo sie unter die Erde verschwindet, um sieben Stunden weiter eben so mächtig sich wieder Bahn zu der Oberfläche zu brechen, und da wir Valdepeñas lieblich leichten Wein getrunken hatten, sahen wir endlich fern die dunkeln Massen der Sierra morena — der gebräunten Kette — sich erheben, welche den unzähligen Räubern, die stets die südliche Hälfte Spaniens überschwemmten, so viele und unzugängliche Schlupfwinkel darbietet, daß Ferdinand VII., um von dem kühnsten zugleich und edelsten derselben das Land zu befreien, einen Vertrag mit ihm abschloß, durch den der König dem Räuber lebenslängliche bedeutende Pension zusicherte. Den Edelsten nenne ich José Maria, und wahrlich als Räuber — als Mann, welcher der Gesellschaft, dem Gesetze Krieg erklärt hat — verdient er ungeschmälert die höchste Bewunderung, welche ihm als freiwilligem oder unfreiwilligem Mitgliede der Gesellschaft versagt bleiben mußte. Anhänger der Theorie der Menschenrechte und Gleichheit, ließ er die praktische Anwendung derselben, so viel in seinen Kräften, sich angelegen sein; er beraubte nur Reiche, vorzugsweise solche, die ihre Schätze ungerecht erworben oder die lieblos sie verwendeten, und er beeilte sich, den Armen, welche er traf, seine Beute auszutheilen, für sich selbst ganz uneigennützig. Die niedere Classe betete seiner Großmuth und Freigebigkeit wegen ihn an und opferte Alles für ihn, wodurch er den Jahre lang ihn verfolgenden zahlreichen Truppen trotz ihrer verzweifelten Anstrengungen — den Chefs derselben ward endlich Absetzung, selbst Tod gedroht, wenn sie ihn nicht einfingen — entgehen und seine Macht so ausdehnen konnte, daß eine Zeile von ihm hinreichte, um reiche Müssiggänger zur Lieferung des Geforderten zu bewegen. Doch lasse ich die spanischen Räuber, denn ich würde nie enden, wollte ich von ihnen erzählen. Wir durchkreuzten bald die wilden Schluchten des Gebirges, die Felsen und Abgründe, über die kühn die Straße geführt ist. Bei dem Anblick dieser Gebirgsmassen regte sich der alte Geist in mir; ich sah auf die kleine, sorglos einherziehende Bedeckung und betrachtete dann die kräftigen Gestalten der dreihundert Gefangenen: wohl bemerkte ich sehnsüchtige Blicke auf die wilden Felsen geworfen, und ich glaubte das Blitzen des kühnen Entschlusses in den dunkel glühenden Augen zu entdecken. Doch der Zug ging ruhig und ununterbrochen fort; der Charakter, die Seele des Spaniers entsprechen selten dem Eindrucke, welchen ihre stolze, scharf gezeichnete Physiognomie hervorbringt. Ich warf einen Blick auf den noch immer regungslosen Arm, der jede rasche Bewegung mir hemmte: es war unmöglich, der Versuch wäre Tollheit gewesen und mußte augenblickliches Verderben nach sich ziehen. Langsam, in hoffnungslosem Schmerze folgte ich den Gefährten.