Der Marsch durch die Mancha war unheilsvoll gewesen. Mehrere Gefangene, auch ein Soldat der Christinos, waren von der sengenden Hitze erstickt todt auf der Heerstraße niedergesunken, andere starben erschöpft in den Nachtquartieren oder in den Dörfern, in denen sie mußten zurückgelassen werden, und die Hospitäler aller Städte, die wir durchzogen, wurden angefüllt durch die Unglücklichen, welche in ihnen die Kraft zu weiterem Marsche, weiterem Dulden suchen sollten. So wie wir aber die Sierra morena erstiegen hatten, fühlten wir uns neu belebt durch den Hauch der milden, lieblichen Lüfte Andalusien’s, dessen Schönheit ich, ach! nur ahnen durfte; selbst als Gefangener empfand ich den Reiz des herrlichen, nie genug gerühmten Landes. Ich bewunderte la Carolina, nebst mehreren anderen Städtchen am Fuße des Gebirges von deutschen Ansiedlern erbaut, regelmäßig mit schnurgeraden Straßen und freundlich winkenden Häusern. Wenn gleich die jetzigen Bewohner der Geburt und der Sprache nach Spanier sind, tragen doch die reichen Gefilde rings umher das Gepräge deutscher Thätigkeit und Sorgfalt, die mit den einfachen Sitten ihrer Vorfahren in den Nachkommen fortleben. Dann rasteten wir einige Tage in Baylen, wo Dupont’s Divisionen den Spaniern sich ergaben, überschritten bei Andujar den Guadalquivir und zogen dem alterthümlichen Cordova zu, welches einst die siegreichen Carlisten in seinen Mauern gesehen hatte. Einen Tag brachten wir dort in eben dem Forte zu, in dem die Besatzung vor Gomez die Waffen streckte, da es, ein ausgedehntes massives Gebäude, nun als Gefängniß benutzt wurde. Von dort wurden wir nach Sevilla geführt, fortwährend den Guadalquivir cotoyirend, dessen hohe, abgerissene Ufer, wiewohl der Fluß nun sanft und wohlthätig dahinströmte, die furchtbaren Wassermassen verrieth, welche in anderer Jahreszeit den Gefilden Verderben bringend sein Bett zerwühlen. Alle, auch die bedeutendsten Flüsse der pyrenäischen Halbinsel theilen diese Eigenschaft der Berggewässer; während sie im Sommer an vielen Punkten zu durchwaten sind, toben sie, wenn häufige Regen oder der schmelzende Schnee der Gebirge ihnen Nahrung geben, in weite Landseen verwandelt und rings die Thäler verwüstend, wild dem Meere zu. Häufig wurde ich unangenehm überrascht, wenn ich die Flüsse, welche ich als die ersten Spaniens in der majestätischen Pracht der deutschen Ströme mir dachte, fast trockenen Fußes passiren konnte; ja bei unserem Abmarsche von Madrid war in dem Manzanares nicht ein Tropfen Wasser sichtbar.
Wie wir dem Königreiche Sevilla naheten, breitete die Landschaft in immer größerer Schönheit den bewundernden Blicken sich aus. Die Hitze war eben so groß wie in der Mancha und doch wie verschieden: ein frischer Wind, regelmäßig zwischen neun und zehn Uhr wiederkehrend, hauchte während der Gluth der Mittagsstunden von der See her erquickende Kühlung; Flüsse und Quellen bieten im Überfluß ihren Labetrunk, und die schneeweißen Dörfer und Landhäuser, überall durch die Felder zerstreut, laden freundlich den müden Reisenden zur Ruhe und Erholung ein. Die Wege, auf dem wellenförmigen Boden sanft auf- und niedersteigend, sind mit duftenden Stauden, mit Stachelfeigen und mannichfachem Caktus eingefaßt, und eben diese Pflanzen dienen mit ihren langen Stacheln und schneidenden Blättern zum Schutze der Felder. So oft der Wanderer eine der leichten Höhen erstiegen hat, weilt sein Auge auf dem lieblichsten Schauspiele, durch welches die Natur, überschwänglich den Fleiß des Bebauers lohnend, den denkenden Mann erfreuen kann. Orangen- und Olivenhaine, mit weit ausgedehnten Weinbergen abwechselnd, bedecken die Hügel bis zum fernsten Horizonte und zeigen, mit einzelnen Granaten-, Citronen- und Mandelbäumen oder breitblättrigen Feigen gemischt, die zartesten Nuancen, welche das wohlthuende Grün in seinen Schattirungen so reich entwickelt. Reinliche Dörfchen, Landhäuser, kleine Capellen mit den niedrigen, eleganten Thürmchen und hie und da ein altergraues Kloster, ehrwürdig von malerischer Höhe das Land überschauend, verschönern das zauberhaft liebliche Gemälde und erwecken in uns die Erinnerungen und Gefühle, die so herrlich uns anregen.
Wenn das Land als eines der am meisten von der Natur begünstigten erscheint, rufen Städte und Einwohner unwillkürlich die Periode uns ins Gedächtniß, während der diese Provinzen unter der Herrschaft der Araber unserem Welttheile entfremdet waren. In Andalusien war der Hauptsitz der kühnen Morgenländer, in seinen vier Königreichen trotzten sie am längsten der stets wachsenden Macht der Christen, bis mit Granada’s Fall ihre letzte Hoffnung vernichtet, ihr letztes Bollwerk genommen war. Da erst entschlossen sich die trauernden Reste der Eindringlinge, im nahen Afrika den Schutz ihrer Glaubensbrüder anzuflehen, die längst zur theuren Heimath gewordene Eroberung den gehaßten Feinden zu überlassen.
So ist es nicht zu bewundern, daß der Andalusier das orientalische Blut, welches lange Berührung und Verschmelzung mit dem Araber ihm mittheilte, noch jetzt nicht verleugnet, und daß Gebräuche und Sitten der Vorfahren nur langsam mit denen der Abendländer sich mischen und von ihnen verwischt werden. Dunkelgebräunt, ernsten Blickes, zeigt er in seinen Zügen die majestätische, schwermüthige Ruhe, die plötzlich in wildeste Leidenschaftlichkeit ausbricht, wenn seine Würde, sein Stolz verletzt werden, oder wenn unerwartete Hindernisse seinen Wünschen entgegenstehen. Eifersüchtig bis zur Raserei flattert er doch gern von Blume zu Blume; zugleich ist er verstellt im höchsten Grade und scheut sich nicht, jedes Mittel zur Erreichung seines Zweckes anzuwenden. Die Frauen, mit jener Schönheit des Südens begabt, die Viele für den Augenblick unwiderstehlich anzieht, die aber nie auf immer zu fesseln vermag, suchen ihren höchsten Stolz, ihr Glück darin, zahllose Anbeter zu ihren wunderbar zarten Füßen zu sehen, und die Beschäftigung ihres Lebens besteht in den Künsten, durch die sie über die Nebenbuhlerinn den Sieg davon zu tragen hoffen. Kein Opfer ist ihnen zu groß, um solchen Triumph dadurch sich zu bereiten. Doch ich thue Unrecht, diese Eigenschaften als nur den Andalusierinnen angehörend hinzustellen, da alle ihre spanischen Schwestern gleichen Anspruch darauf machen dürfen; was aber unter diesen auf die höheren Classen, die feine Welt, beschränkt bleibt, während da, wohin solche Verfeinerung nicht gedrungen, auch die Sittenreinheit nicht ganz gewichen ist, das ist den Andalusierinnen allgemein, es ist ihnen eigenthümlich und angeboren.
Auch in dem Äußern der Städte hat die Ähnlichkeit mit denen des Orients sich bewahrt und drängt sofort der Beobachtung sich auf. Die Häuser, ohne Ausnahme schneeweiß, zeigen noch nach der Straße hin die kleinen, mit Eisengittern geschlossenen Fensterchen, durch welche muhamedanische Eifersucht die Tugend der Weiber zu sichern hoffte; nur in den größten Handelsstädten haben weite Balkonfenster ihre neidischen Brüder zu verdrängen vermocht. Die flachen Dächer sind mit duftenden Blumen geschmückt, oft ganz in Gärten verwandelt und laden freundlich zum Genusse der frischen Abendluft, während in den größeren Gebäuden weite Marmorsäle und kühlende Springbrunnen in die Zauberpaläste der Sultane uns versetzen.
Das prachtvolle Sevilla lag vor uns, berühmt durch sein Clima, seine Gärten und die Tertulias mit den reizenden Frauen, die in schmachtender Schönheit die übrigen Töchter Spaniens weit überstrahlen. Schon dehnte der Guadalquivir, ein weiter Meeresarm, in stolzer Breite sich aus, bedeckt mit zahllosen Fahrzeugen, die in jeder Größe und Gestalt, von dem Handelsschiffe, welches reich mit Indiens Schätzen beladen nach Monate langer Fahrt von dem fernen Manila heimkehrte, und dem alle Hindernisse im gleichmäßigen Fluge besiegenden Dampfschiffe bis zum Fischernachen oder der anmuthigen Gondel, die tausendfachen Bedürfnisse der Sevillaner zu befriedigen bestimmt sind. Jenseit des Flusses erhob sich die Kuppel der prachtvollen Kathedrale, kühn den Wolken zustrebend und von den Spaniern als Meisterwerk ihrer Architektur hoch geschätzt. Die niederen Thürme der zahllosen Kirchen und Klöster umringten sie, mehr ihre Herrlichkeit hervorhebend, wie die Edlen den verehrten Herrscher, während die dichte Masse der Häuser, dem treuen Volke gleich, vertrauensvoll zu den Füßen der erhabenen Königinn ruhte, in deren Glanz und Größe sie ja sich selbst verherrlicht sieht.
Ein altes Kloster nahm uns auf, von Außen abschreckend in seinem grauen, düstern Braun; da wir aber den innern Hof betraten, mit Orangen und Cypressen geschmückt, überraschte mich der Ausdruck der Eleganz und Pracht, die das Innere fast aller spanischen Klöster auszeichnen, den Reichthum verkündend, durch den sie den Haß des Volkes auf sich zogen. In bitterer Mißstimmung brachte ich die kurze Zeit hin, welche wir in Sevilla’s Mauern zurückgehalten wurden. Konnte es anders sein, da ich verdammt war, die Hauptstädte der schönen Halbinsel zu betreten, die Gegenden zu durchwandern, deren Schilderung so oft mein Interesse erregt und die lebhafte Sehnsucht, sie kennen zu lernen, in mir angefacht hatte; da ich nun verdammt war, sie nur zu durchwandern, ein Gefangener, dem der Genuß so vieler Reize versagt war, da ich gerade hinreichend sie sehen durfte, um den harten versagenden Zwang auf das bitterste mich fühlen zu lassen.
Wir durchschnitten, wieder auf das linke Ufer des Guadalquivir zurückkehrend, die herrliche Ebene zwischen Sevilla und Xerez de la Frontera, aßen das unübertreffbare Brod von Alcalá de los Panaderos, durch die ganze Halbinsel als Leckerbissen verkauft,[40] und rasteten in las Cabezas, welches in der Geschichte traurige Berühmtheit erlangte, indem dort die Revolution von 1820 ausbrach, durch die das Heer, welches, zur Bekämpfung der aufgestandenen Colonien bestimmt, den Befehl zur Einschiffung erwartete, die Waffen gegen seinen König wandte und die Constitution proclamirte, die erst der Einmarsch der französischen Armee umstürzte. Dann bewunderte ich, da ein deutscher Kaufmann, den Wache habenden Officier zu Gaste ladend, mich nach seiner Wohnung führen durfte, das freundliche Xerez, schön und anmuthig wie der Wein, den seine fruchtbaren Umgebungen erzeugen, und bald sahen wir von dem Puerto de Santa Maria aus unsern endlichen Bestimmungsort — Cadix — aus den Wogen auftauchen, glänzend weiß in der Morgensonne weithinleuchtend, stolz in der Erinnerung seiner früheren Größe. Wiewohl die Entfernung zu Wasser kaum zwei Stunden beträgt, mußten wir der sechs Leguas langen Landstraße über den Puerto Real und die Isla de Leon folgen, deren berühmte Caserne, die geräumigste und prachtvollste des Königreiches, der Angabe nach für 18000 Mann eingerichtet, eine Nacht uns beherbergte. In ihr fanden wir einige Tausend unserer armen Burschen im entsetzlichsten Elende schmachtend und doch unerschütterlich fest; blutenden Herzens verließen wir sie, ach! ohne helfen zu können. Mit Thränen in den Augen begrüßten mich mehrere Leute meiner Compagnie, die gleich mir verwundet in Gefangenschaft gerathen waren. Meine Lage war beneidenswerth, mit der ihrigen verglichen.
Am folgenden Tage zogen wir nach der berühmten Festung, einer der wenigen Spaniens, deren Napoleon’s Schaaren nie sich bemächtigen konnten. Cadix, wenn auch seit dem Verluste der amerikanischen Colonien und dem damit verbundenen Fallen des Handels von der Größe und dem Reichthum gesunken, die einst zur ersten Handelsstadt von Europa es machten, zeichnet sich stets durch die Schönheit, die liebliche Zierlichkeit aus, die nebst seinem unermeßlichen Wohlstande den Namen der tasa de plata — der Silbertasse — ihm erwarben. Ein anziehendes Denkmal des geschwundenen Glanzes hat es den lebhaften, die Schätze aller Zonen und aller Welttheile in ihm aufstapelnden Verkehr sich entrissen gesehen, den seine Lage ihm auf immer zu sichern schien. Aber die mannigfachen Annehmlichkeiten, die das Clima, gemildert durch den wohlthätigen Einfluß des Meeres, welches die Stadt umwogt, ihr zu geben vermochten, und die herrliche Lage der schönsten Provinz Spaniens gegenüber sind ihr mit dem Verluste des Handels nicht genommen; noch immer bleibt der Ausspruch des phantastisch genialen Dichters Britanniens wahr, der Cadix als die reizendste der Städte rühmt.