Schwer ist es, zu entscheiden, was zu solcher Unthätigkeit ihn bewegen konnte. Vielleicht nahm der Federkrieg, in den er gerade damals mit dem Madrider Cabinet sich eingelassen hatte, zu sehr seine Zeit in Anspruch, als daß er an Betreibung der militairischen Operationen hätte denken können. Unzufrieden mit dem Ministerium hatte er die Entlassung einiger Glieder desselben verlangt, mit der Drohung, die seinige einzureichen, wenn ihm nicht gewillfahrt würde, und seine Forderung ward erfüllt, da man vergebens gesucht hatte, durch Nachgeben und Zugeständnisse ihn zu besänftigen. Die constitutionellen Minister traten ab, weil der General sie nicht liebte! Solche ist die Freiheit des liberalisirten Spaniens. — Vielleicht war es nicht die Absicht des ehrsüchtigen Mannes, durch Erringung entscheidender Vortheile sich entbehrlich zu machen: Espartero wußte sehr wohl, daß man ihn und seine Anmaßungen nur duldete, weil die Furcht vor den Carlisten jede andere Rücksicht überwog, und zu jener Zeit hatte er noch nicht das Heer so ganz sich zu eigen gemacht, daß er ohne Scheu als unumschränkter Gebieter auftreten und nach Belieben zu thun und zu lassen sich anmaßen durfte. — Dann stand er wohl damals schon in Unterhandlungen mit Maroto; deshalb schonte er ihn. Die Einnahme von Estella hätte gewiß diesem General seine Stelle gekostet, während doch seine Erhaltung zur Ausführung des abzuschließenden Handels unbedingt nöthig war; so opferte Espartero augenblicklich den kleinen Vortheil, um das Ganze einst desto sicherer und leichter zu erfassen. — Wie dem auch sei, ich bin überzeugt, wie ich zur Zeit dieser Ereignisse es war, daß die Christinos ohne Schwierigkeit Estella genommen hätten, wenn sie sofort, da Maroto noch neu im Commando war, mit Kraft es angriffen, ehe dessen Maßregeln die Vertheidigungsfähigkeit der Stadt so sehr erhöheten. Und Estella’s Besitz übte unberechenbaren moralischen Einfluß.
Doch endlich sollte die lange erwartete Operation vor sich gehen. Nachdem am 3. September Maroto eine Demonstration nach dem Ebro zu gemacht, vor Lodosa ein feindliches Corps zurückgetrieben und dann mit seinen Truppen in Schlachtordnung geprunkt hatte, ohne daß der Feind einen Schritt gegen ihn gethan hätte, concentrirte Espartero am 6. plötzlich alle seine Divisionen an der Arga und zog langsam gegen Estella in mehrere Ortschaften ein, die ohne Schwertschlag geräumt wurden. Alle Welt erwartete mit Spannung die nächsten Schritte... Espartero ging am 9. über den Ebro zurück: der Angriff auf Estella war ganz aufgegeben! — Der Vorwand fehlte ihm nie. Er detachirte einige Bataillone zur Verstärkung der Armee des Centrums, die mehrere Niederlagen unmittelbar hinter einander gelitten; ein anderes Corps sandte er, den Pfarrer Merino zu verfolgen, der so eben Valladolid’s Behörden in Schrecken gesetzt hatte. Er hatte mit 1200 Mann das Heer Cabrera’s verlassen, um nach den baskischen Provinzen zurückzukehren, durchzog mit der kleinen Schaar ganz Castilien und vertrieb den feindlichen General-Capitain, Baron Carandolet, aus Valladolid, da dieser bei der Annäherung des gefürchteten Geistlichen mit dreifach überlegener Macht die Stadt räumte. Merino jedoch eilte nach dem Gebirge von Soria, wo er fast ganz ohne Mannschaft mit dem wilden Valmaseda sich vereinigte, und, da dieser seine Gefangenen nach Vizcaya in Sicherheit brachte, mit ihm dorthin ging.
Valmaseda, ein tapferer, ja tollkühner Reiterchef, rauh, grausam, Wüthrich gegen Alles, was nicht seine Meinung theilte, zugleich ausgezeichnet gebildeter Militair, hatte mit der Division des Grafen Negri den Ebro überschritten, bald aber, unzufrieden mit dem nutz- und kampflosen Hin- und Herziehen, sich von dem Expeditions-Corps eigenmächtig getrennt und mit einigen Hundert Mann in die Sierras von Castilien geworfen. Glänzend bewährte er sich als Partheigänger, hob kleine Detachements auf, mied stärkere, zerstörte Convoys, hob Contributionen und verwüstete dabei das Land, bis er seine Thaten krönte, indem er die Colonne, welche unter Oberst Coba in seiner Verfolgung beschäftigt war, am 2. September in Quintanar de la Sierra überfiel und vernichtete. Dreihundert Mann wurden niedergehauen oder kamen in den Flammen des brennenden Dorfes um, der ganze Rest der Colonne ward mit ihrem Chef gefangen. Bei seiner Rückkehr nach den baskischen Provinzen ward ihm die Trennung vom Grafen Negri verziehen, da dieser ja das Schlimmste erduldet hatte, während Valmaseda reich mit Beute beladen anlangte.
So wie Espartero die Belagerung von Estella aufgegeben hatte, wandte sich Maroto mit der Hauptmacht nach Vizcaya, theils Bilbao und dessen Hafenstadt Portugalete bedrohend, theils mit Thätigkeit die Befestigungen betreibend, durch die er seine Herrschaft bis in die Provinz Santander auszudehnen suchte. In Navarra war wiederum der General Don Francisco Garcia als Chef geblieben; er trug am 19. September entschiedenen Sieg über General Alaix, christinoschen Vicekönig von Navarra, davon, als dieser mit 9000 Mann von Artajona heranzog, um westlich von der Arga zu operiren. Garcia traf mit nicht ganz 6000 Mann auf ihn, und ein hartnäckiges, lange unentschiedenes Gefecht entspann sich; schon wankte die carlistische Division, von der Übermacht schwer gedrängt und in nachtheiliger Stellung.[47] Doch da Alaix das Regiment von Zaragoza, dessen Munition erschöpft war, durch Almansa ablösen ließ, benutzte Garcia das in sehr gebrochenem Terrain ausgeführte Manöver zu neuem, stürmischen Angriffe. Almansa, welches den linken Flügel inne hatte, da es jenes Regiment im Augenblicke des Vorrückens der Carlisten abmarschiren sah, wich in Unordnung mit dem Rufe: „Zaragoza verläßt uns!“ Das Regiment Soria, eines der bravsten des Heeres, ward durch die auf dem Fuße nachdrängenden carlistischen Bataillone in der Flanke angegriffen, aufgerollt und zerstreut, die ganze Linie lösete sich zur Flucht auf. Umsonst suchte die christinosche Cavallerie das Gefecht herzustellen; auch sie ward geworfen, worauf das Corps in wilder Verwirrung nach Puente la Reyna und Larraga sich zerstreute, von den Siegern bis zu den Glacis der Festungen verfolgt. Die Christinos verloren 1250 Mann, unter denen 200 Todte, Soria, das Lieblings-Regiment Espartero’s, der als Oberst es commandirte, büßte, da es am hartnäckigsten widerstand, 400 Mann ein; Alaix war schwer verwundet, sein Chef des Generalstabes gefangen. Die Carlisten verloren fast 500 Mann. Erst als bedeutende Verstärkungen angelangt waren, wagten die geschlagenen Divisionen, ihre Zufluchtsstätten zu verlassen, um den Streifzügen Garcia’s Schranken zu setzen.
Am 19. October langte die Prinzessin von Beira in Tolosa an, wo sie als Gemahlinn des Königs mit den höchsten Ehrenbezeugungen empfangen ward; sie begleitete der älteste Sohn Carls V., der Prinz von Asturien.[48] Viele der treuen Anhänger Sr. Majestät jubelten laut, da sie diese Nachricht vernahmen; sie schlossen, daß Carl V. wohl sehr begründete Aussichten auf rasche, glückliche Beendigung der Successions-Frage haben müsse, da er sich entschloß, nicht nur unter den obwaltenden Verhältnissen sich zu vermählen, sondern auch seinen Sohn zum Kriegsschauplatz kommen zu lassen. Gerüchte über fremde Intervention zu Gunsten der Carlisten, über Congresse und kräftige Unterstützung verbreiteten sich. Ich erinnere mich, welche Hoffnungen, oft ungereimt, alle so grausam getäuscht, Viele der Unglücklichen in Cadix’ Casematten belebten! — Andere wollten den Augenblick für unpassend halten, und glaubten, wie die Ereignisse sich entwickelten, ihre Ansicht mehr und mehr bestätigt zu sehen. Die Christinos spotteten und fürchteten dennoch. Gewiß hätte die Königinn den wohlthätigsten, ja entscheidenden Einfluß üben können, wenn sie nicht das Übergewicht, welches ihr männlich kräftiger Geist über Carls V. milden Charakter ihr gab, zur Beförderung und Aufrechthaltung der so genannten Gemäßigten, vor Allen Maroto’s, benutzt hätte, da diese über ihre wahren Zwecke bis zum letzten Augenblicke sie zu blenden wußten. So war sie, ohne es zu ahnen, für den Sturz der Ihrigen thätig.
Ein neuer Feind hatte sich indessen gegen die Carlisten erhoben, ein Feind, der auf den ersten Blick große Gefahr zu bereiten schien. Muñagorri, einst Notar, dann im Dienste des Königs, jetzt mit der Madrider Regierung complottirend, warf sich in Frankreich zum Haupte einer dritten Parthei auf, deren Streben dahin gerichtet war, den vaterländischen baskischen Provinzen durch die Unterwerfung unter Christina’s Herrschaft den lange entbehrten Frieden zu geben und ihnen zugleich die alten Privilegien zu sichern, welche als Bedingung jener Unterwerfung auf immer bestätigt werden sollten. So wollte also Muñagorri die Successions-Frage ganz von der lediglich die Basken betreffenden über deren Vorrechte trennen; seine Losung war: „paz y fueros“ — Friede und Privilegien —. Vielleicht wäre sein Plan besser ihm gelungen, wenn nicht Maroto bereits ähnliche Absichten gehegt und mehrere der baskischen Führer dafür gewonnen hätte. Wie hätte dieser nicht Alles aufbieten sollen, um die Fortschritte des Mannes zu hemmen, ihn zu vernichten, der, wiewohl auf edlerem Wege, die Waffen in der Hand, eben dem Ziele zustrebte, welches Maroto mit Aufopferung der heiligsten Verpflichtungen zu erreichen hoffte, dadurch seine Habgier zu befriedigen; den Mann, dessen Erfolg seinen Verkauf unnütz oder weniger wichtig, also das Kaufgeld niedriger machen würde!
Dennoch gelang es Muñagorri, durch französischen Einfluß und englisches Gold unterstützt, ein kleines Corps aus Deserteurs und Flüchtlingen zu bilden, dem einige Basken sich anschlossen, die ermüdet Frieden suchten, nur Frieden, in welcher Gestalt er sich auch darbieten möge. Er drang während des Winters wiederholt in das carlistische Gebiet ein und setzte sich auch wohl mit der Schaar, die er vereinigt — man sprach anfangs von Tausenden, die bald auf achthundert sanken — auf einige Zeit fest. Aber das Volk zeigte wenig Sympathie und hielt sich ruhig; Maroto nahm kräftige Maßregeln gegen ihn. So war Muñagorri stets gezwungen über die Gränze zurückzugehen, seine Anhänger wurden lau und schmolzen täglich zusammen, und das Unternehmen — wie so oft in Spanien der Fall war — endete desto unbeachteter und erfolgloser, je mehr es vorher Geräusch und leidenschaftliche Hoffnungen und Besorgnisse erregt hatte.