Dieser war der Mann, den Carl V. berief, um durch sein Talent die Unglücksfälle gut zu machen, welche unter Guergué’s Commando die Armee der Nordprovinzen getroffen hatten; und wahrlich, Viel hätte er thun, auf immer die Liebe des Volkes und den Dank des Monarchen sich erringen können, dessen Vertrauen so hoher Stellung ihn werth hielt. Maroto hatte während des Bürgerkrieges mannigfach sich ausgezeichnet, ohne doch durch glänzende Erfolge seine Fähigkeiten verkündet zu haben. Nicht ohne zweideutiges Benehmen nach dem Tode Ferdinand’s kämpfte er später in untergeordneter Stellung in den baskischen Provinzen und wurde — sein erstes selbstständiges Commando — im Jahre 1836 zum commandirenden General in Catalonien ernannt, hatte aber von dem ersten Augenblicke seines Auftretens daselbst mit so entschiedenem Unglück zu kämpfen, daß es ihm unmöglich ward, die wilden Horden — denn andere Namen verdienten sie nicht — der dortigen Carlisten zu bändigen und durch Vertrauen sich zu verbinden. Er wich den Umständen und zog sich nach Frankreich zurück, wo er, anscheinend ohne Einfluß, aber den Ereignissen und Intriguen des königlichen Hauptquartiers nicht fremd, bis zu dem Augenblicke lebte, in dem der Gang der Dinge die Machinationen der ihm Verbundenen zu begünstigen schien. Da eilte er, persönlich seine Pläne zu betreiben.
Der Hof und in ihren Führern die Armee waren schon lange durch die Spaltungen, Intriguen und innern Anfeindungen getheilt, die so viel zur Schwächung der Carlisten und zur Paralysirung ihrer Anstrengungen beitrugen. Zwei Hauptpartheien oder Fractionen standen sich gegenüber, die in wenigen Worten charakterisirt sind. Die erste, die von ihren Feinden aller Orte und aller Arten als ultraroyalistisch bezeichnete Parthei, d. h. Alle, welche den König als König verehrten, ihn vertheidigten, weil ihre Grundsätze es erheischten, weil seine Sache die gerechte war, Alle, welche bereit waren, für ihn den letzten Blutstropfen zu vergießen. Die andere Parthei nannte sich gemäßigt: sie widmete sich der Vertheidigung Carls V., um ihre persönlichen Zwecke und Interessen zu fördern, sie betrachtete und betrieb den Krieg als Mittel der Bereicherung, der Größe; sie strebte, möge nun Legitimität oder Usurpation den Sieg davontragen, für sich möglichst fette Bissen zu sichern. Ihr schlossen viele Wohlmeinende sich an, theils kurzsichtig und getäuscht, theils aus schwacher Verzagtheit. Wie empfehlungswerth und wohlthätig in den gewöhnlichen Verhältnissen des Lebens die Mäßigung auch sein mag, sie wird nicht selten als schönes Deckwort der Schwäche, der Verderbtheit benutzt und muß denen als Schild dienen, die offen zum Kampf nicht vortreten mögen. Es giebt Umstände, in denen Mäßigung unvermeidliches Verderben bringen, „Alles oder Nichts“ der Wahlspruch sein muß, da, wer mit Etwas sich begnügen wollte, bald auch dieses Etwas sich entrungen sehen würde. In solchem Falle fanden sich die Carlisten.
An der Spitze der ersten Parthei standen Männer, die seit dem Beginn des Krieges in Treue und Heldenmuth sich hervorgethan; sie wollten ihren König ganz als solchen, daher keine Transactionen, keine Unterhandlungen, Sieg oder Tod! Freilich zählten sich ihnen auch solche zu, die, nur Fanatismus kennend und blind ihren Leidenschaften folgend, durch Gräuel die Sache schändeten, welche ihr entschlossener Muth hob; doch blieben diese stets in geringer Zahl und ohne Einfluß auf das Ganze. Die Gemäßigten verzagend am Erfolge, der so lange schon streitig, oder um das Errungene zu sichern und zu genießen, schlugen Aussöhnung vor und Nachgeben in einzelnen Punkten: die Armen, wie wenig kannten sie Spaniens Revolutions-Männer! Nebst dem Padre Cyrilo, Erzbischof von Cuba, leitete sie Maroto, nun an die Spitze des Heeres gestellt, und gewandt wußten sie die geistesstarke Princessin von Beira, mit der Carl V. sich zu vermählen gut fand, über ihre Zwecke zu täuschen und sie ganz für sich zu gewinnen. Maroto’s Pläne aber gingen weiter, als selbst die große Zahl der ihm Verbundenen es ahnete; vielleicht ließ er sich, da die ersten Schritte gethan, hinreißen zu dem, was er nie gewollt, da der Rücktritt schwer, die Lockung groß, ihm unwiderstehlich sein mochte. Er verkaufte sich, verkaufte das ihm anvertraute Heer, das Land, den König selbst, der so hoch ihn gehoben hatte; er ward zum Verräther! — Ehe er aber den entscheidenden Schritt thun konnte, mußte er von jenen Männern sich befreien, die, treu bis zum Tode ihrem Herrscher ergeben, offen als Gegner sich ihm darstellten, die seine Gesinnungen, seine Maßregeln durchschauten und ihnen entgegen arbeiteten. Maroto ward alles leicht, was förderlich war: die Edlen starben von Henkershand, und triumphirend vollendete der Verrath sein Werk.
Maroto’s erstes Auftreten war seinen Talenten angemessen und wohl geeignet, die Blicke Aller auf ihn zu ziehen und selbst den heller Sehenden hohe Hoffnungen zu erwecken. Die Disciplin war gänzlich erschlafft; Wochen reichten dem neuen Obergeneral hin, strenge wie nie zuvor sie herzustellen. Seine Kraftmaßregeln beugten die Widerspenstigen, einige leichte Unruhen wurden fest unterdrückt und gerügt, die kleinsten Fehler gegen die Kriegszucht hart geahndet; selbst das Mißtrauen, den Haß, der zwischen Basken und Castilianern geherrscht und so oft in blutigen Zwisten sich Luft gemacht hatte, wußte seine Energie zu verdecken, wenn nicht auszurotten.
Der Zufall wollte, daß in dem Augenblicke seiner Ernennung zum Generalate eine bedeutende Summe, von eines edlen Fürsten Hand — wohl zu besserm Zwecke — gespendet, die seit langer Zeit leeren Cassen gefüllt hatte, und Maroto wußte sie trefflich für seine Pläne zu benutzen. Er bedurfte der Liebe und des Vertrauens der Soldaten. Während er also sie gehorchen lehrte, sorgte er für ihre Bedürfnisse mit väterlicher Sorgfalt: die Rationen fehlten nie, denn Geld vermochte Alles, die Bataillone und Escadrone wurden neu uniformirt und selbst überflüssig ausgerüstet, Soldaten und Officiere erhielten regelmäßig ihren Sold, zum ersten Male seit den Zeiten des großen Zumalacarregui. Zugleich blendete der General seine Truppen durch Glanz und Luxus, wie die einfachen Gebirgssöhne nie zuvor ihn gekannt. Prachtvolle Pferde, mit Gold bedeckte Schabracken, reich gestickte Uniformen setzten die Menge in Erstaunen, ein glänzender Generalstab umringte den Mann, der das Alles geschaffen hatte, zahlreiche Dienerschaft folgte ihm, jeden Wink des Gebieters zu erfüllen. Der Soldat, das Volk betrachteten Maroto als ein höheres Wesen, sie kannten die Quellen nicht, aus denen diese Wunder entsprungen, und glaubten deshalb, daß alles von ihm stamme, sein Werk sei. Er ward der Abgott der Truppen, die zugleich ihn anbeteten und wie einem Vater ihm vertrauten, der Abgott des Volkes, welches sich erleichtert fühlte trotz solches Aufwandes und so gehäufter Kosten; die Officiere, da sie strengste Gerechtigkeit ihn üben und jeden Mißbrauch mit Kraft angegriffen sahen, mehr aber noch im Gefühle der Verbesserungen, welche die Armee ihm verdankte, waren ganz sein. Maroto’s Name war in Aller Munde, Alle begrüßten und ehrten ihn als den Messias, zur Rettung der bedrängten Sache der Gerechtigkeit abgesandt. Hinter so vielen Talenten, so vielem Eifer und — so vielem Golde, wer hätte da den undankbaren Verräther gesucht an dem Könige, der mit Ehre und Wohlthaten ihn überhäuft, der, noch mehr! sein Vertrauen ihm geschenkt, den Verräther an dem Lande, welches in freudiger Hoffnung an der Spitze seiner braven Söhne ihn sah!
Die Christinos hatten beschlossen, das Kriegsglück, welches seit dem Herbste des Jahres 1837 so hold ihnen gelächelt hatte, kräftig zu benutzen, um die errungenen Vortheile zu krönen, indem sie im Osten und Norden zugleich entscheidende Schläge versuchten: Morella, Solsona und Estella sollten belagert werden. Der Ausgang des Unternehmens gegen Morella ist bekannt; die Armee des Centrums hat ihre frühere Überlegenheit über Cabrera’s Truppen seit jener Zeit nicht wieder erlangt. Später werde ich darauf zurückkommen.
Estella also sollte genommen werden. Doch wollte Espartero vorher theils einen Versuch gegen das Castell von Guevara[46] machen, wozu der Umstand des gerade eingetretenen Wechsels im Commando ihm sehr günstig sein mußte, theils auch die Aufmerksamkeit der Carlisten auf den entgegengesetzten Theil des Kriegstheaters ziehen. Er zog mit 18 Bataillonen und einem bedeutenden Belagerungspark nach Vitoria, in dessen Angesicht jenes feste Bergschloß liegt, das als Stützpunkt und Depot der alavesischen Division, wie durch seine Festigkeit und Lage von hoher Wichtigkeit war. Maroto eilte mit mehreren Divisionen von Estella herbei und stellte sich in vortheilhafter Position die Schlacht anbietend auf; doch Espartero hielt nicht für gerathen anzugreifen, und da er umsonst durch Märsche und Contremärsche den carlistischen Feldherrn aus seiner Stellung zu locken, über die eigenen Absichten ihn zu täuschen gesucht, ging er rasch auf Logroño zurück und verkündete nun, durch die Division der Rivera unter Don Diego Leon auf mehr denn 30000 Mann verstärkt, daß er unverzüglich Estella nehmen werde. Maroto that seinerseits Alles, um diese Stadt in den möglichst besten Vertheidigungszustand zu setzen: die Forts wurden verstärkt, alle Zugänge verschanzt und selbst die Straßen mit Abschnitten und Barrikaden versehen, während fast alle nicht waffenfähigen Einwohner die bedrohete Stadt verließen. Einige Officiere, unter ihnen der Commandant eines nahen Forts, die, durch das Gold und die Versprechungen des feindlichen Führers bestochen, in Einverständniß mit ihm getreten waren, wurden nach Spruch des Kriegsgerichtes erschossen.
Jede Vorbereitung war längst getroffen, die schwere Artillerie in großer Menge in den äußersten festen Punkten der Christinos versammelt, und Woche auf Woche ging hin, ohne daß Espartero die Erwartungen der Revolutionaire, welche in seinen Siegen ihren endlichen Triumph nahe träumten, gerechtfertigt hätte. Die am 18. August aufgehobene Belagerung von Morella hatte längst den seltsamen Vorwand entfernt, daß er erst nach der Einnahme jenes Platzes angreifen wolle, um in dem moralischen Einflusse derselben eine Chance mehr für sich zu haben; ja eben das gänzliche Fehlschlagen der Operationen Oráa’s schien ihn aufzufordern, durch einen glänzenden Sieg den übeln Eindruck desselben auf seine Parthei zu verwischen, den triumphirenden Muth der Carlisten niederzuschlagen. — Espartero spatzierte fortwährend von einem der festen Punkte zum andern, stets drohend, stets rüstend, ohne doch je einen Schritt zur Ausführung zu thun.