XVIII.
Monat auf Monat schwand mir langsam in den düstern Casematten von Cadix hin. Der Winter, mild wie die lieblichsten Frühlingstage des Nordens, war vergangen, schon nahete der Sommer, herrliche Früchte, die des Südens Clima früh reift, im Übermaß ausstreuend; und die Hoffnung auf Befreiung blieb immer gleich ungewiß. Viel hatten wir gelitten. Was wilder, ungezügelter Haß, was leidenschaftlicher Partheigeist und Grausamkeit über die Opfer ihrer Wuth zu verhängen vermögen, das duldeten im schrecklichsten Grade die Gefangenen jener Periode. Im Anfange war unsere Behandlung erträglich gewesen, und wenn der Wächter Kargheit uns oft mit bitterm Mangel bedrohete, war uns doch gestattet, mit der Außenwelt in Verbindung zu stehen; Eltern und Verwandte boten auf, was in ihrer Macht stand, gaben willig ihr Letztes, um den Theuren Erleichterung zu schaffen, die, weil sie ihrem Könige treu, in hoffnungsloser Gefangenschaft schmachteten. Und wer, freundlos und bedürftig, Nichts besaß, litt doch nicht Noth, so lange Cameraden ihm helfen konnten. — Da ertheilten die Behörden Christina’s die Weisung, jede Communication uns abzuschneiden.
Furchtbar waren die Folgen des grausam berechneten Befehls. Es war zu der Zeit, in der die Repressalien, von den beiden in Aragon und Valencia sich bekämpfenden Heeren ausgeübt, die Menschheit mit Schauder erfüllten, in der viele Hunderte, Tausende von Unglücklichen in den Gefängnissen der beiden Armeen unter den Qualen, die der Grimm des Pöbels oder die Rache der Krieger über sie verhängten, ihr Leben aushauchten. Fern von dem Kriegsschauplatze, dem größten Theile nach nicht einmal jenen Heeren angehörend, blieben die Gefangenen zu Cadix doch nicht ganz frei von den Metzeleien, die in den großen Städten des Ostens an der Tagesordnung waren. Zwei Mal verkündete uns hohnlachend der Chef des Depots, daß zehn der Officiere[50] durch das Loos zum Erschießen bestimmt würden, um irgend einen in der Mancha oder in Aragon verübten Exceß zu rächen; zwei Mal zog ich aus der verhängnißvollen Voyna das Stückchen Papier, welches Tod oder Leben entschied. Und dann sahen wir die Gefährten unsern Armen entrissen, fortgeschleppt zum schrecklichen, unvermeidlichen Tode; athemlos, unbeweglich standen wir, horchend, zusammenzuckend bei jedem Laut und doch noch hoffend — da ertönte der dumpfe Wirbel der Trommeln — eisiger Schauder durchbebte uns, eine Secunde noch.... ha!.. sie sind nicht mehr! Und von der Blut bedeckten Stätte erschallte rauschend die Janitscharen-Musik der Christinos und des Pöbels donnerndes viva!
Da füllte sich wohl manchem Krieger das Auge mit Thränen, und Mancher knirschend gelobte Rache, gelobte ewigen Haß.
Aber Schrecklicheres noch als den Tod wußte der Liberalen Wuth zu ersinnen, um die Vortheile zu rächen, welche Cabrera’s schwache Schaaren, gehoben durch das Gefühl des Rechtes, über die Satelliten der Revolution davon trugen. Der Tod — wenn ein Übel — war ja nur ein Augenblick; er befreite seine Opfer von den Qualen, die ihre Peiniger über sie verhängen ließen. Wie Viele erflehten den Tod! Wie Viele litten ihn hundertfach in der stets erneuten Pein! Unsere Wächter, „uns fühlen zu lassen, was es heißt, Gefangener in den Händen der Christinos zu sein“,[51] nahmen zum Hunger ihre Zuflucht. Die Nahrungsmittel, welche uns gegeben wurden, waren kaum hinreichend, um nothdürftig das Leben zu fristen, und von Tage zu Tage wurden sie mehr geschmälert: zuletzt waren wir auf ein Bischen Reis und Öl beschränkt, und oft, sehr oft fehlte auch dieses. Das Brod, auf Ekel erregende Art mit fremdartigen, schmutzigen Stoffen durchbacken, ward auf ein Viertel der gewöhnlichen Ration herabgesetzt. Finster brütend durchschlichen die abgemagerten Gestalten den Hof, gegen Alles stumpf und unempfindlich geworden, da das Gefühl des nagenden Hungers jeden andern Gedanken niederdrückte. Längst hatten die tausendfachen Spiele und Tänze aufgehört, mit denen die Armen während der ersten Zeit der Einkerkerung ihre Lage augenblicklich vergessen machten; die kraftlosen Arme vermochten nicht mehr den Ball zu schleudern; selbst das dem Spanier, wo er sein Stiergefecht nicht haben kann, so ansprechende Schauspiel der zum blutigen Kampfe gehetzten Hunde, welches sonst einen weiten Kreis von Zuschauern versammelte, die mit donnerndem Beifallrufe ihr Interesse kund gaben, hatte nun seine Anziehungskraft für sie verloren. Täglich führte die Entkräftung Einige der Unglücklichen zum Hospitale, welches sie häufig nur gegen die Ruhestätte des heiligen Feldes[52] vertauschen sollten.
War aber die Lage der Officiere traurig, so ward die der Gefangenen in der Isla de Leon auf den höchsten Punkt des Entsetzlichen gebracht. Dort schmachteten etwa viertausend Mann, von denen einige Hunderte schon seit drei Jahren und länger die Schrecken der Gefangenschaft trugen, aus Navarra’s Feldern hierher geschleppt, während die Andern zu Gomez und des Grafen Negri Corps, Einige zur Division Don Basilio’s gehörten. Was immer durch Furcht oder Hoffnung den Menschen zu beugen vermag, war gegen diese Braven angewendet worden; doch umsonst vereinigten sich Drohungen und Verheißungen, Strafen und Schmeichelworte, um zum Abfall von ihrem Könige sie zu bewegen. Da sollten auch sie durch Hunger gebändigt werden. Unfähig, sich aufrecht zu halten, schwankten bald die Freiwilligen, zu vier oder fünf vereinigt und gegenseitig sich stützend, durch die langen Gänge der Riesen-Caserne. Jede Kleidung blieb ihnen versagt, so daß die Mehrzahl nur noch mit elenden Lumpen ihre Blöße bedeckten; das Ungeziefer zehrte sie auf. So starben über sechshundert Menschen hin, beneidet von den Gefährten, aus deren entfleischten, farblosen Antlitzen gleicher Tod starrte. Verzweifelnd entschloß sich endlich eine große Zahl, fast tausend Mann, die Waffen für Isabella zu nehmen, und der größte Theil ward nach den Colonien eingeschifft. Diejenigen, welche zu der Reserve-Armee, die damals unter Narvaez die Mancha reinigte — besser: im Blut ertränkte — bestimmt waren, fanden rasch den Weg zu den Ihrigen.
Erst im Frühlinge 1839 hörte so ruchlose Behandlung auf, die auf immer ein Schandfleck für Christina’s Anhänger bleibt. Alle Vorstellungen, welche von den Gefangenen durch die feindlichen Behörden an Maroto gerichtet worden, hatten gar keinen Erfolg gehabt. Der General hatte weder Muße noch Lust, für die Rettung von Männern ein Wort zu verlieren, deren Treue ihm freilich nur hinderlich sein konnte. Aber das Klagegeschrei der Schlachtopfer war zu Cabrera’s Ohren gedrungen, dieses Cabrera, den die Zeitungsschreiber von Madrid und ihnen blind folgend die Presse fast aller europäischen Völker als den Tiger bezeichneten, der, im Blute seiner Opfer schwelgend, nach mehr Blut lechzte; von dessen Grausamkeiten sie tausend und tausend abgeschmackte Mährchen erzählten, während die schändenden Thaten, welche ihn zwangen, trauernden Herzens das Racheschwerdt zu erheben, in das Meer der Vergessenheit gesenkt wurden.
Wohl wußten die Christinos, daß Cabrera nie umsonst sprach. Kaum ertönten die drohenden Worte des Feldherrn, furchtbare Vergeltung ankündigend für die Leiden seiner Kampfgenossen, als heilsame Furcht eine Änderung des bisherigen Systemes hervorbrachte. Wenn auch mit Widerstreben nahmen sie einen Theil der harten Maßregeln zurück, die ihr Haß, so lange er ungezügelt war, erfinderisch gehäuft hatte; und die Gefangenen, welche so vielen Jammer zu ertragen vermocht, segneten den Retter, segneten die Furcht, die ja allein den Niedrigdenkenden in Schranken zu halten vermag.
O, wie sehnsüchtig blickten wir da auf jene Armee, deren Siege und Fortschritte und täglich sich mehrende Macht uns noch erlaubten zu hoffen, noch Aussicht auf einstige Befreiung uns ließen! Wie verfolgte ich begierig jede ihrer Operationen, wie jubelten wir entzückt, so oft die Nachricht eines errungenen Vortheils zu uns dringen durfte! Herrliche, unschätzbare Hoffnung! Und meine Hoffnung ward nicht getäuscht: schon nahete der ersehnte, der beseligende Tag der Freiheit; schon vergaß ich Alles, was ich geduldet, was ich noch litt, um ganz in dem Bilde der nahen, glücklicheren Zukunft zu schwelgen.