Während in den Nordprovinzen die Waffen ruhten, schritt das Werk der Intrigue, täglich klarer hervortretend, mit Riesenschritten dem Ziele zu. Maroto hatte Armee und Volk sich gewonnen, er ward zugleich gefürchtet und angebetet; seine Creaturen und seine Gönner, zum Theil den Umfang des Planes, an dem sie arbeiteten, gar nicht kennend, umgaben den betrogenen Monarchen, der — wie zu oft der Edele — solche Niedrigkeit nicht für möglich hielt und die Warnungen, welche einzelne Getreue selten wagen durften, unwillig von sich wies. Doch noch konnte Maroto nicht offen die Ausführung des Complottes betreiben; noch befanden sich in den ersten Stellen der Armee und der Verwaltung Männer, welche er haßte, weil der Verräther stets den Loyalen haßt, welche er fürchtete, weil er wohl wußte, daß sie ihn durchschauten und überwachten, und weil sie die Macht besaßen, kräftig ihm entgegen zu arbeiten. Maroto zauderte nicht. Der Untergang jener Männer war beschlossen, gleichgültig, durch welche Mittel; ihre Stellen sollten seine Helfershelfer besetzen oder doch solche, die geblendet bereit waren, das Werk zu befördern, dessen Folgen sie nicht ahneten, und das sie, da es vollbracht in seiner ganzen Schwärze ihnen klar wurde, verfluchten wie den Elenden, der unbewußt zu Verräthern sie gestempelt hatte.

Espartero durfte nicht länger unthätig bleiben. Die öffentliche Meinung sprach sich heftig gegen die lange Waffenruhe aus, die Journale, welche so gern zu Organen derselben sich aufwerfen, wo es ihren Partheizwecken frommt, verdächtigten den Obergeneral, und das Volk, beunruhigt durch die wiederholt auf den andern Kriegsschauplätzen erlittenen Niederlagen, war nicht ungeneigt, jenen Zuflüsterungen Gehör zu geben. Außerdem wünschte Espartero, die Existenz des Ministeriums, die Herrschaft der gerade das Ruder führenden Fraction zu verlängern, und dazu mußte irgend ein Erfolg über das carlistische Heer unumgänglich davon getragen werden. Maroto im Gegentheil stand schon unerschütterlich da und fürchtete nicht mehr in einer Niederlage den Verlust des Commando’s und damit das Scheitern seiner Anschläge; er wollte vielmehr das Vertrauen der Basken auf die eigene Kraft erschüttern, dadurch zum Nachgeben sie geneigter zu machen.

So ward denn beschlossen, daß die Christinos die Forts, welche während des Winters an der Westgränze von Vizcaya bis in die Gebirge von Santander hinein errichtet waren und ganz Vizcaya deckten, nehmen und den größern Theil dieser Provinz erobern sollten. Den Schein zu retten, vereinigte Espartero mehr als 30000 Mann mit vieler Belagerungs-Artillerie nebst ansehnlichen Vorräthen an allem für Schlacht und Belagerung Nöthigen, während Maroto kräftige Vertheidigungsmaßregeln anordnete. Aber nun drängte die Zeit; ehe Maroto die Niederlage sich beibringen ließ, mußte er die ihm feindlich gesinnten Männer entfernen und selbst den Schein des Widerstandes gegen ihn unmöglich machen: der lange meditirte Schlag wurde ausgeführt.

Am 16. Februar 1839, da Jedermann fern in Vizcaya ihn glaubte, erschien Maroto plötzlich in Estella, von geringer Escorte begleitet; einige Bataillone, die er mitgebracht hatte, waren in nahe liegenden Dörfern zurück geblieben. Mehrere der angesehensten Ultra-Royalisten befanden sich in jener Stadt und ihrer Umgebung: der Generallieutenant Don Francisco Garcia, commandirender General im Königreiche Navarra ward gewarnt und suchte als Geistlicher verkleidet zu entkommen; er wurde entdeckt und festgenommen. General Guergué, vor kurzem en Chef die Armee commandirend, nun mit der Bestellung seines Landgütchens beschäftigt, Generallieutenant Don Pablo Sanz, Generalmajor Carmona und der General-Intendant des Heeres Uriz wurden sofort gefangen gesetzt und in Estella mit General Garcia vereinigt. Dumpfer Schrecken herrschte: „Was verbrachen diese Männer, so lange bewährt, welches Loos erwartet sie?“ Flüsternd theilte Jeder seine Besorgniß, seine Zweifel mit; denn Niemand wagte laut zu sprechen. Da ertönten am 18. Morgens einige Schüsse; Maroto hatte ohne Kriegsrecht, ohne Befehl seines Monarchen die fünf Generale füsilirt.

Ich gedenke des wilden Tumultes, der bei der Schreckenskunde unsere Casematten durchtobte. Anfangs zweifelten wir, hielten die unglaubliche Nachricht für eine jener Erfindungen, wie christinosche Zeitungsschreiber so oft sie geschmiedet; doch als nun das Schreckliche sich bestätigte, schien jeden Einzelnen ein betäubender Schlag getroffen zu haben. Wohl wollten Manche aufstellen, daß die Generale gerecht den Tod erlitten, daß Verrath gegen ihren König solche Strafe auf ihr schuldiges Haupt gezogen habe: das Vertrauen auf Maroto stand ja so fest, auf ihn gründeten sich alle Hoffnungen, sein Character, seine Talente galten noch Allen als Pfand des sichern, schnellen Sieges! Wer aber die gefallenen Opfer kannte, erhob sich unwillig gegen die entehrende Anschuldigung. War es möglich, daß ein Garcia, der so edel, so entschlossen treu, mitschuldig sei am Verrathe, daß er die Hand geboten zum Bunde gegen den Fürsten, in dessen Vertheidigung er so oft freudig sein Blut vergossen, mit solchem Feuereifer gekämpft und gesiegt hatte? Und welche Fehler man Einigen der andern Hingemordeten, so weit Talent und Fähigkeit betraf, auch beimessen möchte, ihr Character, ihre Redlichkeit und Ergebenheit glänzten makellos, keinen Angriff scheuend. — Und dennoch! auf der andern Seite stand Maroto, standen so viele edlere Namen, hoch geachtet als Stützen unserer Parthei! — Ungewiß schwankten wir hin und her unter Zweifel und Furcht und trüben Ahnungen. Unter den Gefangenen, welche das gemeinschaftliche Unglück unauflösbar zu verknüpfen schien, erhob sich Zwiespalt; dort selbst unter den Leiden, die schonungslose Grausamkeit auf uns häufte, schuf Partheigeist bittern Groll und entfremdete die sonst eng Verbundenen. War es zu bewundern, daß der Schauplatz jener Schreckensscenen das Bild der unsäglichsten Verwirrung bot?

Die Aufregung in den Provinzen war unter allen Classen gewaltig; ein Jeder fühlte sich selbst von furchtbarem Unglücke getroffen und erwartete fürchtend, daß die nächste Zukunft neuen, entsetzlichen Schlag bringe. Wen nicht die Pflicht aus dem Hause trieb, der vermied sorgfältig die Straße zu betreten, man athmete beklommen wie vor schwerem Gewitter. Drückendes Mißtrauen entfernte die Geister von einander; Niemand wagte zu sprechen, kaum mit Andern sich zu vereinigen: man wußte ja nicht, ob man den Freund sah oder einen versteckten Feind, der zum Verderben des Unvorsichtigen das nicht genau abgemessene Wort benutzen werde. Denn stündlich fanden neue Arrestationen Statt, und mehrere Officiere wurden erschossen.

Da erschien eine Proclamation Carls V., welche Maroto’s Verfahren als illegalen Mord, ihn selbst als Verräther bezeichnete; er ward für abgesetzt erklärt und der öffentlichen Rache Preis gegeben. Die Guten jubelten. Noch ein Mal hatten die wahren Carlisten gesiegt und den Einfluß zurückgedrängt, welchen die Marotisten bisher auf den König geübt; mehrere Anführer — so Valmaseda und Don Basilio Garcia — rafften eilig Truppen zusammen und marschirten auf Estella, das königliche Edict in Ausführung zu bringen. Maroto nahm mit den acht Bataillonen, die er ganz sich ergeben wußte, solche Stellungen, daß er im Nothfall auf seine neuen Verbündeten, die Feinde seines Königs, sich stützen oder zu ihnen entfliehen konnte. Schon hieß es allgemein, er sei zu den Christinos übergegangen.

Nicht lange dauerte der Triumph der Carlisten. Zu gut hatten die Verschworenen ihre Maßregeln genommen; unterstützt von Manchen, die auch da noch nicht von dem Wahne enttäuscht waren, daß Maroto der Retter, emporgehalten vor Allem durch den Einfluß der verblendeten Königinn, konnten sie die Männer verdrängen, welche durch ihren Rath die Ächtung des Mörders bewirkt hatten. Es gelang ihnen, den unglücklichen Monarchen in ihre Netze zurückzuführen und ihn selbst die Schuld seiner hingeschlachteten Treuen glauben zu machen. In einer neuen Proclamation erklärte Carl V., daß er von der Unschuld und dem Verdienste seines Generales überzeugt sei, und daß die Erschossenen als Verräther gerechte Strafe gelitten hätten; er nahm demnach das frühere Edikt zurück und bestätigte Maroto in allen seinen Stellen und Ehren. So stand dieser, der ein Vertheidigungsschreiben an den König erlassen hatte, welches allein des Hochverrathes ihn schuldig machte, triumphirend mächtiger da als je. Die Edlen, welche ihre nie wankende Ergebenheit mit dem Tode der Verbrecher gebüßt, blieben ungerächt. Schon war der Sturz der Sache entschieden, die so viel Heroismus und so viel Blut gehoben hatten.

Alle irgend Verdächtigen, Alle, die gegen Maroto sich erklärt hatten, mußten nach Frankreich auswandern, unter ihnen Uranga, Don Basilio Garcia, der Minister Arias Tejeiro und viele andere Generale, Obersten und hohe Civil-Beamten. Valmaseda, zum Tode verurtheilt, entfloh mit den beiden von ihm gebildeten Husaren-Escadronen und brach sich Bahn zu dem Heere von Aragon, verzweiflungsvoll die schwarze Fahne aufsteckend, das Zeichen des Kampfes auf Leben und Tod. Noch blieben in den Nordprovinzen und selbst in der Umgebung des Königs viele hochgestellte Personen, wahre Carlisten, Viele, die später in der schrecklichen Katastrophe herrlich sich bewährten. Aber Maroto vermochte jetzt Alles, seine Genossen überwachten den König, seine Mitverschworenen hielten die wichtigsten Stellen inne, Täuschung und Furcht machten jeden Widerspruch schweigen; nur der Name des Königs fehlte dem übermüthigen General, um König zu sein.

Der erste Act des Trauerspieles war vollendet.