Längst hatten Gerüchte über bevorstehende Auswechselung unruhige Spannung in dem Depot rege gemacht; ein Jeder hoffte und fürchtete und berechnete die Chancen, die ihm auf Befreiung wurden. Da ward eines Morgens dem Chef des Depots eine Liste der Gefangenen übergeben, welche zur Einschiffung nach Valencia bestimmt waren; Hunderte stürmten, drängten um das verhängnißvolle Papier: o Glück, unaussprechliche Wonne, mein Name leuchtete aus der Reihe der Glücklichen mir entgegen!
Cabrera, jetzt zum Grafen von Morella erhoben, hatte alle Gefangenen, welche dem Feinde in Valencia und Aragon nach den Metzeleien des Winters überblieben, ausgewechselt und reclamirte nun neunzig Officiere aller Grade aus dem Depot von Cadix, da das Kriegsglück ihm täglich neue Gefangene in die Hände spielte. Von mehreren Classen befand sich nicht die hinreichende Zahl von Individuen aus der Armee Cabrera’s unter uns, weßhalb die Fehlenden aus den Officieren der Nordarmee ergänzt werden mußten; so sollte auch die Classe der Premier-Lieutenants, unter die ich, wiewohl seit einem Jahre zum Capitain avancirt, bis zur Auswechselung mich zählte, da ich als solcher gefangen genommen wurde, um sieben Individuen vermehrt werden. Nicht lange vorher hatte mich ein wackerer Mann, der Consul von Großbritannien und Hannover, durch Zufall kennen gelernt und sofort auf das gütigste meiner sich angenommen, indem er nicht nur die seit Monaten abgerissene Verbindung mit den Meinigen mir wieder eröffnete, sondern auch in jeder Hinsicht thätig für mich wirkte, manche Erleichterung durch seinen mächtigen Einfluß mir schuf und, unschätzbarste Wohlthat in solcher Lage, stets mit ausgesuchten Büchern mich versah. Leicht hatte Mr. Brackenbury bewirkt, daß ich zur Ergänzung meiner Classe bestimmt wurde. Welche christinosche Behörde hätte gewagt, das irgend Mögliche dem Wunsche eines solchen Mannes zu versagen? Wo Protektion und Gold Alles erlangen, mußte der Wille des britischen Consul als höchstes Gesetz gelten.
Unendlich war meine Freude, meine Dankbarkeit, da das Ende des Leidens nahe schien. Ha, wie ich erbebte in grimmiger Lust, wie das Blut mir siedete und jede Muskel krampfhaft sich spannte bei dem Gedanken, daß ich bald diesen Christinos gegenüber stehen sollte! Wie ich lechzte nach dem beseligenden Augenblick der Rache, blutiger Rache für tausendfache Gräuel! — Aber doch durchzuckte mich ein schmerzliches Gefühl, das Glück trübend, welches so freundlich mir lächelte. So viele mußte ich ja verlassen, die ich innig liebgewonnen hatte, mußte sie in solcher Lage lassen, deren Schrecken ich ganz gekannt; meinen Martinez, kaum den Knabenjahren entwachsen, gemüthvoll, kindlich rein und offen und mit kindlicher Liebe mich umfassend. Wie oft ruhete er an meiner Brust und erzählte von den Eltern und Geschwistern, von dem schönen, friedlichen Leben im väterlichen Hause, von der reizenden Heimath in dem fruchtbaren Ebro-Thale und von den lieblichen Scenen des Glückes, wie sie aus den Jahren der Kindheit, seligen Träumen gleich, in das ernste Leben herüberklingen. Und dann schilderte er, die Gluth des großen, dunkeln Auges von Thränen umschleiert, den Schmerz der trauernden Mutter, als sie den Knaben, der mit den Bataillonen der Expedition zur Vertheidigung seines Königs auszog, scheidend an das Herz drückte; und die Leiden, welche den Zarten, Unerfahrenen trafen, mit dem Elend und alle dem Schrecken des Krieges und der Gefangenschaft, die so rauh ihn verletzen mußten. Ich fühlte mit ihm, und liebevoll lächelte er durch seine Thränen mir zu, bald wieder heiter und kindlich froh. Das Ende des Krieges führte den Knaben, zu weich für seine Schrecknisse, in die Arme der Seinen zurück.
Auch von ihm sollte ich mich trennen, dem theuern Gefährten, für den verwandte Gesinnungen, gemeinschaftlich getragenes Leid als Freund mich empfinden machten; auch er war verdammt, in den Banden der Wütheriche zurückzubleiben, deren Wuth wir zu bitter erprobt hatten. Einer der ersten Familien der Schweiz angehörend hatte Guiguer de Prangins bis zur Juli-Revolution als Officier in Carls X. Schweizer-Garde, nach ihr in königlich sardinischem Dienste gestanden, aus dem er, getrieben vom Durste nach kriegerischer Thätigkeit, nach Catalonien eilte, den Vertheidigern der Legitimität sich anzuschließen. Das Glück wollte ihm nicht wohl. Bald nach seiner Ankunft in den Nordprovinzen, wohin Ekel an dem Treiben der Catalonier ihn führte, zog er mit dem Expeditions-Corps des Grafen Negri nach Castilien und befand sich unter den Tausenden, welche nach namenlosen Drangsalen der Elemente Wuth wehrlos den Feinden überlieferte.
Sein edles Äußere, das Modell männlicher Schönheit, zog unwillkührlich die Aufmerksamkeit auf sich — ich hörte die Spanier, denen solche kraftvoll hohe Gestalt, so majestätisches, Ehrfurcht erweckendes Antlitz wunderbar imponirten, mehrfach den römischen Kriegsknechten ihn vergleichen, wie wir in den Gemälden alter Meister bei den Wundern und Leiden des Herrn sie dargestellt sehen —; die erhabenen Eigenschaften des Geistes und des Herzens mußten den Eindruck, den sein Anblick hervorgebracht hatte, zu warmer Verehrung steigern, während sie den, der nicht sie zu würdigen wußte, in ehrerbietiger Ferne hielten. Fremde unter Spaniern finden sich schnell. Auch wir hatten uns an einander geschlossen, hatten Ideen und Betrachtungen, Schmerz und Hoffnungen ausgetauscht und getheilt, hatten viele lange Tage durch trauliches Gespräch über Vergangenes und Fernes verkürzt. Viel lernte ich aus meines Freundes Erfahrungen; ich bewunderte die Schärfe seines Verstandes, sein Urtheil war das des Mannes, der mit feinstem Gefühle für das Rechte ein scharfes Studium der Menschen, Vertrautheit mit den verschiedenartigsten Verhältnissen und hohe Bildung verbindet.
Ergötzlich war es in der That, wenn er in seiner Haushaltswoche das sehr frugale Mal für uns beide zubereitete, vor dem kleinen zwischen unsern Betten aufgestellten Heerdchen Episoden aus seinem Leben ihn schildern oder geistreich über Fragen aus dem Bereiche jedes Wissens disputiren zu hören, während er eifrig den aufquellenden Reis überwachte und mit dem kleinen Strohfächer die sparsam zugetheilten Kohlen wedelnd anfachte.
Umsonst hatte Mr. Brackenbury sich bemühet, auch die Auswechselung Prangin’s zu bewirken. Er gehörte einer Classe an, in der von Cabrera’s Armee mehr Individuen im Depot sich befanden, als nach Valencia gesandt wurden; so war es unmöglich, ihn in die Liste einzuschieben, da alle Welt wohl wußte, daß jener General nie einen andern Officier auswechseln würde, so lange ein einziger der seinigen in der Gefangenschaft schmachtete. Mit innigem Schmerze schied ich von dem Freunde. — Als wenige Monate später der Übertritt Carls V. nach Frankreich die Hoffnung auf glücklichen Ausgang des Krieges nach der Katastrophe von Bergara vernichtete, und da sie die Aussicht auf Befreiung ganz schwinden machte, erlangte Prangins durch den Consul den Paß nach der Heimath und trat in die Dienste des Königs von Sardinien zurück.
Espartero hatte mit möglichster Energie die Zurüstungen für die beschlossenen Operationen betrieben, ohne jedoch den Augenblick der Verwirrung, die jener Gewaltstreich von Estella hervorbrachte, irgend zu benutzen; erst im April, da der Frühling milderes Wetter brachte, begann er die Bewegungen gegen die Forts, welche das erste Ziel seines Angriffes sein sollten. Maroto stellte sich den 35000 Mann der Christinos mit vierzehn Bataillonen, kaum 9000 Mann, entgegen. Übrigens war Alles unter den beiden Generalen auf das beste geordnet.