Bald lag Zugarramurdi, das nächste carlistische Dorf, vor uns. Die Behörden und die Officiere der dort stehenden zwei Compagnien empfingen den Ankömmling artig und suchten zuvorkommend alle Dienste zu leisten, welche meine gänzliche Unkenntniß der Sprache möglich machte, wobei einer der Officiere, des Französischen kundig, als Dolmetscher diente. Da sah ich die Braven, von deren Kriegesthaten ich so oft bewundernd gelesen, an deren Seite zu kämpfen jetzt höchste Ehre und Ziel alles Strebens mir war.
Ihr Anblick mußte tiefen Eindruck auf mich machen. Das dunkelgebräunte Antlitz leuchtete ihnen vom Gefühle hohen Muthes und vom stolzen Bewußtsein der vollbrachten Thaten, während die Narben, welche ihre kühnen Züge noch mehr hervorhoben, das schönste Zeugniß der Gefahren und Leiden bildeten, denen für König und Vaterland sie willig sich ausgesetzt. Meine Bewunderung stieg, da ich den Zustand wahrnahm, in dem diese Helden so viele Siege erfochten, so oft der Feinde dräuende Heerhaufen durchbrochen und vernichtet hatten. Kaum deckten die Überbleibsel eines hellblauen Rockes die kräftigen Glieder, während Viele fast barfuß die Felsenwege hineilten oder höchstens durch schwache Hanfsandalen[3] ihre Füße schützten. Ein scharlachfarbiges oder weißes Basken-Barett (la voyna) deckte das Haupt, der Hals war frei oder von einem seidenen Tuche umschlungen; die Bewaffnung bestand nur aus dem Tod sendenden Gewehre mit um den Leib geschnallter schwarzer Patrontasche, an der das Bajonett, oft ohne Scheide hinabhing. Alles war auf die höchste Leichtigkeit und Beweglichkeit berechnet: statt des Tornisters trugen sie einen leinenen Beutel auf dem Rücken, der nur ein Hemd, ein Paar Sandalen und die Lebensmittel enthielt.
An preußische Organisation, die elegante Einfachheit der preußischen Armee gewöhnt, mußte mich im ersten Augenblicke der Anblick dieser Krieger unangenehm choquiren. Doch schnell bedachte ich, wie unendlich höher das Verdienst der Männer zu stellen ist, die unter solchen Umständen nicht verzagten; die, an so vielem sonst für unerläßlich gehaltenen Mangel leidend, muthig, wenige Hunderte anfangs, gegen die von allen Seiten zu ihrer Erdrückung heraneilenden Colonnen sich erhoben, Jahre lang den ungleichen Kampf bestanden, die feindlichen Massen oft schlugen und aufrieben, bis sie, von ihren Gebirgsvesten herabbrechend, durch alle Provinzen Spaniens bis zu Gibraltar’s Felsen und an die Thore von Madrid den Schrecken ihrer Waffen verbreiteten und die Usurpatorinn auf dem in seinen Grundlagen erschütterten Throne zittern machten.
Ferdinand VII., für den sein Volk unermeßliche Ströme edlen Blutes vergossen, unter dem Spanien, ein Schatten Dessen, was es einst war und noch sein könnte, von Stufe zu Stufe sinkend sich nur von dem mit politischen Umwälzungen unzertrennbaren Elend erhob, um in neuen, wo möglich, noch schmerzlicheren Jammer zurückgestürzt zu werden; — Ferdinand starb am 29. September 1833 und überließ sein Reich allen Schrecken eines Bürgerkrieges, den er durch Schwäche hervorgerufen, dessen furchtbare Folgen er voraussehen mußte, ohne den Muth zu ihrer Abwendung zu haben. Die Königinn Wittwe Maria Christina nahm sofort von dem Throne im Namen der unmündigen Infantin Isabella Besitz.
Doch kaum ward die Nachricht von dem Tode des Königs in den Provinzen bekannt, als allenthalben muthige Männer sich erhoben, die Rechte des legitimen Thronerben proclamirend und bereit, den letzten Blutstropfen in der Bekämpfung der Revolution zu opfern. Der greise Pfarrer Merino, wegen seiner im Unabhängigkeitskampfe gegen Napoleon vollbrachten Thaten vielleicht zu sehr gerühmt, sah sich in Alt-Castilien schnell an der Spitze von mehr denn 20000 M., alle als voluntarios realistas[4] vollkommen bewaffnet, alle freiwillig für ihren Herrscher aufgestanden; in den übrigen Theilen des Königreiches fanden ähnliche Bewegungen, wiewohl in kleinerem Maßstabe, Statt. Ein entscheidender Schlag hätte Alles enden mögen. Aber schon trat der Mangel an Einheit, Einigkeit und daher an Energie hervor, der in einer späteren Epoche so schmerzliche Folgen bereiten sollte. Merino, nach Alava gezogen, ließ sich in Streitigkeiten über die Verpflegung seiner Castilianer mit den Anführern in jener Provinz ein, die da behaupteten, eine jede Provinz müsse ihre Truppen unterhalten, und den Castilianer deshalb auf Castilien verwiesen. Mangel riß ein; Merino, anstatt fest auf die Hauptstadt zu marschiren, zauderte fort: der größte Theil seiner Truppen, seit vielen Tagen ohne Lebensmittel, zerstreute sich.
Christina aber zitterte. Sie fühlte dem Sturme sich nicht gewachsen, den ihr Ehrgeiz hervorgerufen, und eilte, dem Fürsten, dessen Platz sie usurpirt, Vorschläge zu machen. Carl V., damals in Portugal, nahm sie mit der Verachtung auf, die allein ihnen passende Antwort war: er kannte sein Recht und fühlte die Pflicht, ganz es zu behaupten. Da schon zeigte sich, wie wenig die Anführer der Parthei, die liberal will genannt sein, sich scheuten, zu den entehrendsten Maßregeln ihre Zuflucht zu nehmen, wenn sie so dem Ziele ohne Gefahr sich zu nähern hofften. Sie übersandten dem schon geschwächten, aber dennoch gefürchteten Merino eine Ordre, mit der verfälschten Unterschrift Carls V. versehen, durch die ihm geboten ward, den Rest seiner Truppen, da Kampf nun hoffnungslos, zu entlassen. Der treuherzige Greis, unfähig, solche Niedrigkeit zu ahnen, vollführte mit Schmerz seines Königs Befehle.
Die Anhänger Christina’s triumphirten und benutzten den günstigen Augenblick zur erbarmungslosen Rache. In allen Städten, im ganzen Königreiche wurde dem Beispiele der Residenz gemäß unermüdlich gearbeitet, den überall drohenden Aufstand in Blut zu ersticken, auf den Leichen der Loyalen sollte die Herrschaft der Usurpation sich befestigen. Die Kerker wurden bald überfüllt durch die Unglücklichen, welche in stets erneuten Haufen den Hauptstädten zugeschleppt wurden, die gewöhnlichen Tribunale reichten nicht mehr hin, um so viele Unschuldige zu verdammen. Militair-Commissionen wurden allenthalben niedergesetzt, in ihrem Gefolge erhoben sich Schaffotte, bis, da auch sie zu langsam ihr grausiges Werk vollbrachten, das kriegerische Erschießen praktischer gefunden wurde. Ein unvorsichtiges Wort, eine Klage, bloßer Verdacht reichten hin, um Trauer und gränzenloses Elend den Familien zu bringen; Privathaß und Selbstsucht waren thätig, die Zahl der Opfer jedes Alters, jedes Geschlechtes zu mehren; ganz Spanien lag in stummer, wehrloser Verzweiflung, aller Derer beraubt, auf deren Talente und Edelsinn es seine Hoffnungen gebaut hatte.
Noch schien Rettung nicht unmöglich. In den baskischen Provinzen und dem Königreiche Navarra, diesem begünstigten Theile der Monarchie, hatte lange schon dumpfe Unzufriedenheit gegährt, durch die Besorgnisse hervorgerufen, welche das Betragen der Regierung für die unschätzbaren fueros der vier Provinzen rege machte. Während Ferdinand’s Herrschaft waren diese Privilegien unangetastet geblieben, weil das Königreich sich stets in solchem Zustande der Verwirrung und Schwäche befand, daß es Tollheit gewesen wäre, durch Gewalt solche Maßregel durchzusetzen. Aber sehr wohl wußten die Basken, daß trotz dem diese Frage mehrfach zur Sprache gekommen; ja in der letzten Zeit waren wirklich Truppen an ihrer Gränze zusammengezogen. Sie erinnerten sich, wie heilig diese auf Verträge gegründeten Rechte seien, sie erkannten, welche Macht die Lage und die Eigenschaften ihres Gebietes ihnen giebt; sie gedachten auch, wie der Infant Don Carlos im Gefühle der Gerechtigkeit stets für sie gesprochen, wie einst die schon beschlossene Aufhebung der Privilegien nur durch seinen Einfluß rückgängig gemacht wurde. Das brave Gebirgsvölkchen, dafür dankbar, zauderte nicht.
Sofort nach Ferdinand’s Tode erhoben sich kleine Schaaren, Carl V. als König von Spanien, Herren von Vizcaya proclamirend; am 3. und 4. October brach der Aufstand in Bilbao aus, worauf die Stadt durch von San Sebastian entsendete Truppen besetzt wurde, in Vitoria erhob sich das Volk am 7. October. Doch auch hier ward der erste Versuch blutig niedergeschlagen. Sarsfield, zum General en Chef ernannt, durchzog das Land und erschoß wie viele Basken, bewaffnet oder unbewaffnet, in seine Hände fielen, selbst Weiber und Kinder wurden niedergemetzelt, die Wohnungen verbrannt, alles Werthvolle geplündert, vernichtet. Seine Untergebenen übertrafen ihn an Grausamkeit. Lorenzo ließ den edlen Don Santos Ladron, der, ausgezeichnet als General, als Bürger und als Mensch, an die Spitze des Aufstandes sich gestellt, im Graben von Pamplona rücklings erschießen, da er durch Verrath ihn gefangen genommen. Achthundert Mann hatte dieser General vereinigt, wiewohl zum Theil noch nicht bewaffnet; sie zerstreuten sich auf die Kunde von dem Tode ihres Chefs, die Wiederherstellung der Ruhe schien leicht. — Lorenzo ward zum Vicekönig von Navarra erhoben zum Lohne seiner blutigen That.