Die Christinos behandelten das Land wie erobert: die Privilegien wurden nicht länger beachtet, Truppen besetzten die wichtigsten Stellungen und befestigten die Städte. Dazu wurden Brandschatzungen erhoben, Arretirungen auf den leisesten Verdacht der Unzufriedenheit hin vorgenommen, und Hinrichtungen fanden täglich in jedem Theile des Landes Statt. Das vermochte der Basken Freiheitssinn nicht zu tragen. In Masse erhoben sie sich gegen die Unterdrücker, welche nur in den festen Plätzen augenblicklich sichere Zuflucht fanden, einmüthig unterzogen sie sich, ein erhabenes Vorbild, für die Vertheidigung ihres Königs und ihres Vaterlandes der Gefahr und allen den Leiden des Kampfes gegen die zehnfach überlegene Macht des trotzigen Feindes. Doch wie willig das Ländchen seine Hülfsquellen den eigenen Söhnen öffnete, es fehlte ihnen an Waffen, an Munition, an einem Führer vor Allem. — Jene entrissen sie den Gegnern selbst; kleine Siege, die sie anfangs über einzelne Detachements davon trugen, gaben mit dem Vertrauen die Mittel zur Bekämpfung auch der mächtigeren Corps. Und der Führer.... Wer kennt nicht den Helden, der aus ungeübten, wehrlosen Bauern ein Heer schuf, der an der Spitze seiner kühnen Landsleute die ersten Feldherren der Monarchie schlug, ihre geübten Armeen vernichtete und die Trabanten der Usurpation lehrte, was die kleine Schaar vermag, wenn das Gefühl des Rechtes im Kampfe sie beseelt! Europa hat mit Bewunderung Zumalacarregui’s Namen wiederholt.


Es ist nicht meine Absicht, eine Geschichte der Thaten jenes Feldherrn zu geben, die Materialien dazu würden mir fehlen, es sei denn, daß ich zum Abschreiber oder Compilator mich herabwürdigen wollte. Doch wird es zweckmäßig sein, eine gedrängte Übersicht der Ereignisse hinzustellen, wie sie bis zu meiner Ankunft in den baskischen Provinzen Statt fanden.

Don Thomas Zumalacarregui diente in der Armee Ferdinand’s als Oberst und Commandeur eines leichten Regimentes; sein Commando war ihm, der nie seine politische Meinung verbarg, genommen, und Christina sendete ihn als Staatsgefangenen nach Pamplona. Bald gelang es ihm zu entkommen, nicht, wie die liberalen Blätter oft behaupteten, durch Verletzung des gegebenen Ehrenwortes; er opferte die Caution, gegen die es ihm gestattet war, in der Festung anstatt in der Citadelle zu leben. Baske wurde er von den Basken mit Jubel empfangen, und schnell stellten ihn seine Talente an die Spitze seiner Landsleute. Da entwickelte er mit eben so viel Scharfsinn als Thätigkeit das Kriegessystem, dessen standhafte Durchführung ihn befähigte, den erprobten Generalen Spaniens siegreich zu widerstehen, die doch gegen seine Bauern ihre altgedienten Soldaten heranführten. Die Configuration des Landes, bewundernswürdig benutzt, und genaue Kenntniß der Örtlichkeiten begünstigten ihn in so ungleichem Kampfe gleichwie die Neigung der Einwohner, welche Gut und Leben aufs Spiel setzten, um den Kriegern, die ja für sie stritten, unter denen sie die ihnen Theuren wußten, den Erfolg zu erleichtern, Nachrichten ihnen zukommen zu lassen und hauptsächlich vor Mangel sie zu sichern, so oft sie in den wilden Schluchten der Gebirge Zuflucht zu suchen genöthigt waren.

Sarsfield, Valdes, Quesada an der Spitze der Armee — so viele andere Chefs unter ihnen — scheiterten in dem Versuche, den stets wachsenden Aufstand zu unterdrücken. Zumalacarregui, immer treue Bataillone bildend und mit außerordentlicher Schnelle sie organisirend, vermied die stärkeren Corps oder erwartete sie in Stellungen, welche ihre Übermacht unnütz machten; er griff die kleinen an und vernichtete sie; er flog von einem Theile des Kriegsschauplatzes zum andern, auf die verschiedenen Abtheilungen sich zu werfen, wenn sie am wenigsten den Angriff erwarten konnten. Jeder Tag brachte neue Triumphe, jeder Tag mehrte mit den Verlusten den Schrecken des Feindes. Seine Siege gaben dem General die Mittel zur Bewaffnung neuer Corps, wie sie das Vertrauen seiner Landsleute zu anbetender Begeisterung hoben, die kaum mehr steigen konnte, als im Juli 1834 Carl V. selbst, von England unerwartet abgereiset, in den Provinzen anlangte. Doch hatten die feindlichen Truppen noch alle wichtigeren Punkte, alle Städte besetzt und größtentheils befestigt, ihre Colonnen durchzogen das ganze Land, die Garnisonen erneuernd, verproviantirend und schützend. Zumalacarregui war auf seine Gebirge — das Land im Allgemeinen — beschränkt, und selten noch gelang es ihm, irgend eines Forts sich zu bemächtigen: seine Angriffsmittel waren zu klein, als daß sie raschen Erfolg möglich gemacht hätten, und die christinoschen Divisionen eilten herbei, die kaum begonnene Belagerung aufzuheben. Lange Zeit besaßen die Carlisten nur ein Geschütz, el abuelo — der Großvater — genannt, welches viele Jahre vergraben gewesen war. Dann verstärkten sie nach und nach ihre Artillerie durch Kanonen, die in den Seehäfen halb in die Erde gegraben zum Anbinden der Schiffe gedient, und durch einige Stücke, welche seit Mina’s Zeiten in den Klüften verborgen gewesen.

Solche waren die Mittel, mit denen die Basken den Kampf gegen die Macht der Monarchie begannen; erst nach Jahren konnten sie die Fabriken und Werkstätten jeder Art etabliren, die ihnen dann alles Material lieferten, ohne welches der Krieg sonst unmöglich scheint.

Kaum war Don Carlos in den Provinzen[5] angekommen, als General Marquis Rodil, der so eben von Portugal mit der Armee, welche gegen Don Miguel operirt hatte, als Oberbefehlshaber gesendet war, jene fantastische Verfolgung begann, die ohne irgend ein günstiges Resultat für die Christinos so sehr zu der Schwächung ihrer militairischen Operationen beitrug. In dieser Verfolgung zeichnete sich Carl V. durch die Größe und Festigkeit in Ertragung des Härtesten aus, die die Bewunderung der Seinen, die Achtung auch seiner empörten Unterthanen ihm erwarben. Nur von einigen Hunderten, der ausgesuchtesten Mannschaft, unter des treuen Eraso Führung begleitet, irrte der König Monate lang durch die wilden Gebirgszüge der Pyrenäen, verfolgt, umringt von vier und fünf Colonnen, die nur diesem Zwecke bestimmt waren. Da duldete der König alle die Entbehrungen und Drangsale, die in solchem Maße sonst kaum dem Soldaten in den unglücklichsten Verhältnissen zu Theil werden. Viele Meilen weit klimmte er, auf den Arm eines Begleiters gestützt, über die Felsen und Abgründe, wo Pferd und Maulthier dem gefährlichen Marsche nicht länger zu folgen vermochten; weder Sturm noch Kälte noch oft der Fuß hohe Schnee konnten als Vorwand dienen zu augenblicklicher Ruhe, denn der die Beute erlauernde Feind war stets auf den Fersen. Wie oft forderte der Monarch ein Stück Brod vom bewährten Diener, der mit Thränen im Auge schweigend die Stärkung versagte, da Alles aufgezehrt; wie oft diente der rauhe Felsen, gefrorener Schnee ihm zum Lager, auf dem er, in die Decke eines seiner Soldaten gehüllt, erschöpft den erquickenden Schlaf suchte! — Carl V. bewährte, daß er, wenn nicht energisch genug, um der Intrigue und dem Verrath der Seinen fest sich entgegenzustellen, mit immer gleicher Seelengröße über persönliche Leiden erhaben ist. — Und die Vorsehung war mit ihm. Wie durch Wunder entging er allen Listen, allen Schlingen der schlausten Führer des Feindes, der oft nur um Minuten sein Opfer verfehlte.

Während aber die Hauptmacht der Christinos in der Verfolgung eines Schattenbildes, welches sie nie erreichen sollte, Zeit und Kraft vergeudete, benutzte Zumalacarregui trefflich die Muße, welche sie ihm gönnte. Schon wenige Tage nach der Ankunft Sr. Majestät — am 21. Juli und 1. August 1834 — hatte er rühmliche Gefechte bestanden; dann nahm er mehrere feste Punkte, rieb feindliche Abtheilungen auf und machte selbst wiederholt Einfälle in Castilien, um Waffen vor Allem und sonstige Kriegsbedürfnisse sich zu verschaffen. Er durchzog die fruchtbare Rioja zu beiden Seiten des Ebro, schob sich kühn und gewandt zwischen die Colonnen der Generale O’Doyle und Osma, die combinirt bei der Rückkehr ihn auffangen wollten, und vernichtete sie ganz in den beiden Actionen des 27. und 28. October zwischen Vitoria und Salvatierra. Der gefangene O’Doyle ward erschossen, da die Feinde fortwährend der Carlisten Aufforderung, gegenseitig Pardon zu geben, zurückgewiesen. — Am Ende des Jahres 1834 zählte Zumalacarregui achtzehn Bataillone unter seinem Commando.

Rodil, am Erfolge verzweifelnd, hatte den Oberbefehl der christinoschen Armee niedergelegt; Mina war an seiner Stelle ernannt worden. Seine herrlichen Kriegsthaten im Unabhängigkeitskriege sind bekannt; das Theater, auf dem er nun zu wirken bestimmt wurde, war dasselbe, welches damals seinen Unternehmungen so günstig sich bewiesen. Bald aber erfuhr er, wie verschieden sein jetziger Auftrag von der Aufgabe war, der er sich einst freiwillig mit so glänzendem Erfolge unterzogen. Dazu war er kränklich und häufig gehindert, selbst die Operationen zu leiten. Seine untergeordneten Generale erlitten wiederholte und sehr bedeutende Niederlagen, die Lage der Dinge wurde täglich mißlicher, Zumalacarregui nahm mit seiner einen Kanone mehrere Forts — so das wichtige los Arcos — unter Mina’s Augen. Nachdem der alte Guerrilla-Chef seine Wuth in nutzlosen Grausamkeiten gegen Landleute und Weiber, wie in Niedermetzelung der wenigen Gefangenen geäußert, die ihm in die Hände gefallen, entsagte auch er mißmüthig dem Commando, welches er unter so großen Hoffnungen seiner Parthei auf sich genommen.