Valdes, zugleich Kriegsminister, erhielt nochmals den Heerbefehl: die Vereinigung der beiden Gewalten in eine Hand sollte den Operationen ganz besonderen Schwung geben. In der That brach der neue General im April 1835 mit zwei und vierzig Bataillonen nach dem Innern der Provinzen auf; nie vorher war eine so starke Macht auf einem Punkte disponibel gewesen, aber auch nie war die Noth so dringend. Einige der festen Städte Vizcaya’s und Guipuzcoa’s waren gefallen, andere wurden hart bedrängt und mußten unmittelbar entsetzt werden, da die Colonnen in der letzten Zeit nicht mehr bis zu ihnen hatten durchdringen und die nöthigen Bedürfnisse ihnen bringen können.
So wie Valdes Miene machte vorzudringen, eilte Zumalacarregui herbei und begleitete beobachtend seinen Zug; in einer günstigen Stellung im Gebirge, wenige Meilen von Estella entfernt, stellte er den Christinos sich entgegen und griff sie trotz ihrer unendlichen Überlegenheit an. Zwei Divisionen wurden geworfen und gesprengt, doch die Cordova’s leisteten kräftigen Widerstand; der carlistische Feldherr brach den Kampf ab, die Feinde aber, schon entmuthigt und für jetzt ihren Plan aufgebend, traten den Rückzug an. Da, als schon die Nacht angebrochen, warf sich Zumalacarregui von Neuem auf die feindliche Armee, panischer Schrecken ergriff sie, Verwirrung riß ein, wie nie zuvor, Jedermann glaubte den Feind zu sehen und schoß auf Jedermann, die Divisionen alle flohen in wildester Unordnung auf Estella, Waffen, Gepäck und Czakos fortwerfend, um leichter zu fliehen. Erst nach mehrern Tagen konnten die Aufgelöseten wieder einigermaßen geordnet werden. Bald ward Espartero, der von Bilbao aus auf der Heerstraße vordrang, um das belagerte Villafranca zu entsetzen, eben so vollständig auf den Höhen von Segura geschlagen, Iriarte nahe Bilbao geworfen. Valdes erkannte die Unmöglichkeit, die festen Punkte im Innern der Provinzen länger zu halten. Er ließ die noch nicht genommenen räumen und begnügte sich, die Ebrolinie und die Forts der Seeküste zu behaupten, so daß die Carlisten nun ganz Vizcaya und Guipuzcoa mit Ausnahme der Hafenstädte, die Hälfte von Navarra und Alava, wo Vitoria den Feinden blieb, in ihrer Gewalt sahen. So lange die Entscheidung des Krieges den Waffen überlassen blieb, behaupteten sie dieses ihr Gebiet gegen alle Anstrengungen der Christinos.
Das liberalisirte Spanien erhob seine Stimme gegen Valdes, da es so Viel ihn aufgeben und durch den Rückzug hinter den Ebro seine Schwäche ihn eingestehen sah; er ward selbst als Verräther bezeichnet und bald genöthigt abzutreten. Doch war während seines Oberbefehls noch eine wichtige Veränderung geschehen. Der Krieg war bis dahin ein Kampf auf Leben oder Tod gewesen, und wenn ja ein Mal Gefangene gemacht und erhalten waren, so war dieses nur der Großmuth des carlistischen Feldherrn zuzuschreiben, der umsonst wiederholt gegenseitige Schonung beantragt hatte. Die Christinos hatten in jener Zeit so selten Gelegenheit, praktisch ihre Gesinnungen zu zeigen, daß man nicht wissen kann, ob sie sonst nicht auch solcher fortwährenden Schlächtereien müde geworden wären. So wie die Sachen standen, ließen sie nie den wenigen Gefangenen, die sie machen konnten, Gnade angedeihen, erhoben aber jedes Mal ein gewaltiges Zetergeschrei, wenn, diese Ausschweifungen so wie die Excesse der empörendsten Art gegen die Bevölkerung zu rächen und zu zügeln, auch die Carlisten zu Gewalt-Maßregeln schritten.
Diese wechselseitigen Grausamkeiten mußten Europa’s Aufmerksamkeit und Abscheu erwecken. Lord Elliot, vom Tory-Ministerium deshalb entsendet, brachte nach einigem Unterhandeln eine Übereinkunft zwischen den Führern der beiden Armeen zu Stande, nach welcher die Gefangenen als solche behandelt und ausgewechselt, so wie überhaupt die unter civilisirten Völkern herrschenden Kriegesgebräuche auch auf diesen Bürgerkrieg ausgedehnt werden sollten. — Jedoch nur in den Heeren, die Navarra und den baskischen Provinzen angehörten! — Die Anträge Zumalacarregui’s, diesen Vertrag auf ganz Spanien auszudehnen, wiesen die Verkünder „der Aufklärung und zeitgemäßer Ideen“ entschieden zurück.
Die respektive Lage der Armeen war ganz geändert. Bisher hatten die Christinos noch immer die Meister der baskischen Provinzen sich nennen dürfen, da sie ihnen stets offen und die Hauptpunkte derselben von ihren Truppen besetzt waren; sie bemühten sich den Aufstand der Bergbewohner zu unterdrücken. Die Carlisten dagegen bildeten ein wanderndes Heer, welches ohne weitere Stützpunkte, als die das Terrain ihm bot, in den Provinzen umherzog und dem Feinde so viel Schaden that wie möglich, ohne für sich mehr Vortheile zu erlangen, als welche es mittelbar und für die Zukunft durch der Feinde Schwächung hoffen durfte. — Nun war jenes Gebiet den Christinos geschlossen; die Royalisten setzten in ihm sich fest wie in dem Kerne ihres Reiches, während das Hauptstreben der Revolutions-Armee auf lange Zeit sich beschränkte, die Ausdehnung des Aufstandes nach den andern Theilen des Königreichs zu verhindern.
Lange schon hatte Bilbao, reich durch Handel, wichtig als Seehafen, die Aufmerksamkeit der Carlisten auf sich gezogen. Zumalacarregui, dem schon ein leichter Versuch, der Stadt sich zu bemächtigen, fehlgeschlagen, wandte plötzlich mit seiner Hauptmacht (er commandirte schon dreißig Bataillone) sich nach Vizcaya und betrieb sofort die Belagerung mit höchstem Nachdruck. Das feindliche Heer war durch die unaufhörlichen Niederlagen und Verluste so geschwächt, es war vor Allem so ganz demoralisirt, daß jeder Versuch zum Entsatz zurückgewiesen wurde: die Stadt, erst während des Krieges befestigt, war auf dem Punkte, sich zu ergeben. Da traf der herbste Schlag die carlistische Armee, der mehr als verlorene Schlachten Verderben ihr brachte. Ihr großer Feldherr ward am 16. Juni 1835 in seinem Logis von einer Flintenkugel leicht im Beine verwundet und starb bald. — Das Volk schrie über Vergiftung durch bestochene Wundärzte. Wahrscheinlicher ist, daß die ruhelose, energische Heftigkeit, welche den General charakterisirte, durch Entzündung des Blutes die Wunde tödtlich gemacht. — Der König ehrte das Andenken des ruhmvoll Hingeschiedenen, indem er den Titel eines Herzogs des Sieges in der Familie erblich machte.
Die nächsten Folgen schon waren furchtbar. Die Sieges-Laufbahn, welcher die Armee ununterbrochen gefolgt und die unter Zumalacarregui’s Leitung zu rascher Beendigung des Krieges sie führte, wurde gehemmt, Muthlosigkeit ergriff die Truppen, da sie den angebeteten Führer nicht mehr an ihrer Spitze sahen: es gelang Cordova, der so eben an Valdes Stelle den Oberbefehl übernommen, das bedrohete Bilbao zu entsetzen.
Dem greisen Moreno ward das Commando des verwaiseten Heeres anvertraut, der ein lange gedienter und erfahrener General, wenn er Zumalacarregui nicht ersetzen konnte, gewiß der Würdigste war, ihm zu folgen, da der edle Eraso, schon dem Tode nahe, den Befehl abgelehnt. Doch wie geeignet Moreno zur Vollendung des hohen Werkes sein mochte, welches sein Vorgänger so gewandt wie glücklich durchgeführt, sein Commando begann mit Unglück, dem höchsten Verbrechen in solchem Kriege. Genöthigt, Bilbao aufzugeben, eilte er auf dem kürzesten Wege nach dem entgegengesetzten Theile des Kriegstheaters und warf sich auf das feste Puente la Reyna, dessen Wegnahme den Eintritt in das christinosche Navarra und Aragon ihm sichern sollte. Cordova flog zur Hülfe der bedrängten Veste; die Schlacht bei Mendigorria wurde geschlagen. Übermacht trug über die Tapferkeit den Sieg davon, und wohl hätte dieser Tag von unheilvollstem Einflusse für die Sache des Königs sein mögen, wenn der feindliche Feldherr den Vortheil zu benutzen gewußt hätte, den ein Zufall ihm in die Hände gespielt. Doch der Sieg war noch den Christinos zu neu; sie geriethen in Unordnung, wagten nicht, die Geschlagenen zu verfolgen und ließen ihnen Zeit, um sich sammeln und den Siegern die Früchte ihres Glückes entreißen zu können. Doch war Puente la Reyna gerettet, und die christinosche Armee hatte erkannt, daß ihre Gegner nicht unbesiegbar waren, sie wagte wiederum Vertrauen in sich selbst zu setzen und dem panischen Schrecken zu widerstehen, der sonst bei dem Anblicke der gefürchteten Bergbewohner sie ergriffen. Die Cavallerie aber der Christinos datirte von jenem Tage das Übergewicht, welches sie unleugbar seitdem über die Carlistische der Nordprovinzen behauptete.