Durch gänzlichen Mangel an Blei waren nämlich die Carlisten genöthigt, jedes Metall, welches sie erlangen konnten, zu ihren Flintenkugeln zu benutzen, so daß, wenn nicht augenblicklich Hülfe kam, durch das Ausscheiden von Gift in der Wunde diese tödtlich werden mußte. Oráa protestirte gegen den Gebrauch solcher Kugeln als dem Völkerrechte zuwider, worauf Cabrera sich bereit erklärte, sofort der gewöhnlichen Kugeln ausschließlich sich zu bedienen, wenn ihm Oráa das zum Guß derselben nöthige Blei verabfolgen ließe. Da auf diese Forderung weiter keine Antwort erfolgte, fand die Anwendung der tödtlichen Geschosse ferner Statt. Die revolutionairen Blätter aber schrien über die Barbarei und Unmenschlichkeit des Feindes, der solche Waffen gebrauche!

Jenem ungeheuren Verluste der Christinos gegenüber hatte die carlistische Armee während der Dauer der Belagerungs-Operationen nur 1400 Mann an Todten und Verwundeten eingebüßt, wie denn alle Umstände solche Ungleichheit natürlich machten.

Weit höher jedoch als dieser materielle Vortheil war der in seinen Folgen so viel wichtigere moralische Einfluß zu schätzen, welchen die Aufhebung der Belagerung von Morella auf die beiden Heere, dann auf das Volk und auf den Krieg ausübte. Der Nimbus der Unwiderstehlichkeit war nun von der Armee der Christinos gewichen, denn bis dahin rühmte sie sich, daß, wohin ihre Massen sich wendeten, sie immer durchdrängen und die leichten Schaaren der Facciosos zerstieben machten oder vor sich niederschmetterten; sie behaupteten, daß die Carlisten im geregelten Kampfe ihnen nie widerstehen, ihrem Sturme nie Stand halten könnten; sie pochten auf ihre Organisation und Massen-Taktik und schrieben die einzelnen Siege, welche sie den noch immer als Horden und Banden bezeichneten Feinden zugestanden, nur der Überraschung und der Benutzung des günstigen Terrains zu.

Jetzt änderten sie plötzlich ihre Sprache gegen und über jene verachteten Schaaren. Eine Unternehmung, zu der die Blüthe der Armee unter allen ihren ausgezeichnetsten Generalen sich vereinigt hatte, und für welche die umfassendsten Vorbereitungen getroffen waren, war ganz mißlungen; eine Operation, bei der sie ihre gerühmte Überlegenheit so vollkommen entwickeln konnten, hatte in entschiedener, schimpflicher Niederlage geendet. Das Selbstvertrauen der Christinos war dahin, und mit ihm schwanden alle die Vorzüge und die moralische Macht, die sie noch immer behauptet hatten. Die Armee des Centrum, wiewohl sogleich durch mehrere Brigaden der Nordarmee und aus dem Innern verstärkt, erlangte jene Überlegenheit nie wieder.

Dagegen erkannten die Freiwilligen, was sie vermochten, und die Vortheile anerkennend, welche die Organisation und militairische Ausbildung der Feinde neben ihren großen materiellen Hülfsquellen ihnen gaben, hielten sie sich jetzt für unüberwindlich, da sie ja über das Alles so herrlichen Sieg davongetragen hatten. Das Volk aber sah von nun an die Sache der Carlisten als die entschieden siegreiche; demnach wagte es entweder offener seine Neigung darzuthun, oder es schmiegte sich leicht unter das ihm unabwendbar scheinende Verhängniß.

Die Folgen aber dieses Schlages für die Operationen der Armeen und für den Krieg im Allgemeinen waren von entscheidendem Gewichte; der Verrath eines Maroto war nöthig, um sie zu paralysiren. Der ganze große Vernichtungsplan der Feinde war vereitelt, in sich zusammengefallen; sie sahen sich nicht nur im westlichen Spanien geschlagen und selbst schwer bedroht, auch Espartero gab auf die Nachricht davon sogleich sein Unternehmen auf Estella und auf Navarra auf, zu seiner alten Unthätigkeit zurückkehrend. Die müssigen Schreier der Puerta del Sol, die im Voraus gejubelt hatten, wagten nun, den greisen Führer der Armee des Centrum, den General, der Alles gethan, was der General thun konnte, weil er eine Niederlage erlitten hatte, als Verräther zu bezeichnen und des Einverständnisses mit Cabrera zu zeihen. Wenige Wochen vorher war er der Held, auf den allein sie vertrauten, überschüttet mit Preis und Schmeichelei. Das ist der Liberalismus der Spanier!

Den General Cabrera belohnte seines Königs Gnade für so herrlich errungene Erfolge durch den Titel des Grafen von Morella, den das Cabinet Maria Christina’s für Oráa, den Sieger, bestimmt hatte; zugleich ward er zum General — teniente general, dem General der Infanterie oder der Cavallerie entsprechend — ernannt, als welcher er die Provinzen Aragon, Valencia, Murcia und Cuenca commandirte. Fünf Jahre hatten dem armen Studenten hingereicht, um in der Vertheidigung der Rechte seines Königs von Stufe zu Stufe die höchsten Grade und Ehren sich zu verdienen und, gefürchtet vom Feinde, die Hoffnung der Seinen, an der Spitze eines von ihm selbst im Kampfe gegen die Usurpation gebildeten Heeres über vier mächtige Provinzen zu herrschen;[65] in fünf Jahren hatte der unbekannte Jüngling, der mit einem Stock bewaffnete Guerrillero, europäischen, geschichtlichen Ruhm sich erworben.

Auch die Armee ward nach dem Vorschlage des Generals reich belohnt; die Divisions-Chefs und Brigadiers Don Domingo Forcadell und Don Luis Llagostera, der ganz besonders durch Thätigkeit und Einsicht sich hervorgethan hatte, wurden zu General-Lieutenants — mariscales de campo — erhoben und als zweite commandirende Generale den einzelnen Provinzen vorgesetzt.

Die Armee unter dem Oberbefehle des Grafen von Morella bestand nach der Belagerung von Morella aus folgenden Truppen.

Die Division vom Ebro, unter dem unmittelbaren Befehle des Generals en Chef, enthielt die Brigade von Tortosa, 3 Bataillone unter dem Oberst Palacios, stets um die Person des Generals und von den übrigen Truppen als seine Garde bezeichnet; und die Brigade von Mora, 2 Bataillone unter Oberst Feliu, nebst dem Regiment Lanciers von Tortosa, unter Oberst Gil. 3200 Mann Infanterie und in 4 Escadronen 350 Pferde.