Mit Muth griffen die Christinos an, deren beste Bataillone ausgewählt waren. Unter dem lauten Rufe: „viva Isabel segunda! viva la constitucion!“ erreichten sie den Fuß der Bresche, schon betraten sie die Trümmer, da übertönte ihr Geschrei und das Prasseln des Scheiterhaufens donnernd das Commandowort „Feuer!“ Die ersten Reihen der Stürmenden lagen zu Boden gestreckt, aber gleich fest drangen die Nachfolgenden über die Leichen ihrer Cameraden vorwärts. Die Kugeln aus der Bresche und von der Mauer zu beiden Seiten schlugen sie nieder, und nach langem vergeblichem Streben, die Trümmer zu erklimmen, wichen die Ermüdeten hinter die schützende Felsenwand zurück.
Auch Portillo’s Colonne war mit Festigkeit vorgerückt. Eine finstere Masse erstieg sie langsam den vielfach sich schlängelnden Fahrweg, anfangs unbelästigt, da Aller Augen auf die Bresche gerichtet waren, deren helle Gluth malerisch die grausige Scene erleuchtete. Aber bald sprüheten die Mauern auch auf sie Tod und Zerstörung hinab. Unerschüttert drang die Colonne auf ihrem gefährlichen Marsche vor, der in der wirksamsten Schußweite längs einem Theile der Mauer hinführte; das Feuer wurde mit jedem Augenblicke heftiger, große Steine wurden von den Thürmen des San Martin-Thores herabgeschleudert, und die Soldaten fielen in dichten Haufen. Da stand die Colonne regungslos, weder vordringend noch weichend, als Oberst Portillo wüthend vorwärts stürzte: von den Seinen verspottet und verachtet hatte er geschworen, die schimpflich verlorene Veste zu nehmen oder unter ihren Mauern zu sterben. Sein Schwur ward erfüllt. Mit wildem Fluche schleuderte er seinen Degen über die Mauer hinein in die Stadt, die er nicht zu bewahren gewußt, und sank gräßlich lästernd, von fünf Kugeln zum Tode getroffen. Als der Führer gefallen war, stürzte die Masse gelichtet und schwankend zurück und vereinigte sich, rechts sich schiebend, hinter dem Felsen mit den Gefährten, die so eben von der Bresche gewichen waren. — Oberst Portillo blieb am Fuße der Mauer liegen.
Bald waren die Truppen von neuem geordnet und durch ein Bataillon verstärkt, das gefürchtetste der christinoschen Armee: die Jäger von Oporto, aus deutschen Abenteurern bestehend, waren zum Sturm beordert. Wieder erklimmte die Masse den Felsen und stürmte gegen die Bresche, nicht mehr in der majestätischen Ordnung wie vorher, — wild und gedrängt mit fanatischem Freiheitsgeheule; nur die Fremden schritten lautlos und fest wie zur Parade nach dem gleichmäßigen Tacte der herüberrauschenden Janitscharen-Musik. Wieder wurden die Trümmer der Bresche mit den Leichen der Wüthenden bedeckt, und zerstreut flohen die Verschonten. Die Jäger von Oporto allein wichen nicht, sie erstiegen die Bresche, oben auf ihr, von Flammen umspielt, suchten sie den Weg durch die brennenden Stoffe und stürzten dort unter den tödtlichen Kugeln in die Gluth. Doch das Feuer vor ihnen und dahinter eine neue Mauer, Verderben speiend, machte alle Anstrengungen vergeblich: die Deutschen wichen, Morella war gerettet.
Umsonst ermunterten die Officiere ihre Compagnien zu nochmaligem Sturm, finsteres Schweigen antwortete ihren Bitten, ihren Drohungen, und die Soldaten rührten sich nicht hinter dem Felsen, der sie deckte. Um drei Uhr Morgens zogen die abgeschlagenen Truppen entmuthigt und die Reihen gelichtet ins Lager zurück.
Der 16. August verging unter steten, blutigen Scharmützeln der beiden Armeen, da die Carlisten so eben einen Transport Pulver erhalten hatten; zugleich spielte die Artillerie fortwährend gegen die Festung, den neuen letzten Versuch der Christinos vorzubereiten und die Ausbesserung der Bresche zu verhindern. Denn noch einen Versuch wollte Oráa machen und zwar ohne Aufschub: seine Soldaten aßen seit drei Tagen nur geröstetes Korn, die Pferde hatten alles Getreide der Felder aufgezehrt und fielen schon häufig. Der Sturm sollte bei Tage unternommen werden, da die Führer der beim ersten Angriffe angewendeten Corps das Mißlingen desselben der Verwirrung im Dunkel der Nacht und dem Umstande zuschrieben, daß weder die Braven durch Hoffnung auf Auszeichnung getrieben wären, noch die Feigen Schmach und Strafe gefürchtet hätten, weil ja beide unbekannt blieben.
Am 17. August bei Anbruch des Tages gaben drei Kanonenschüsse das Signal zum Sturm. Dreizehn Bataillone griffen in fünf Colonnen die Festung von drei Seiten an; aber nur die gegen die Bresche gerichtete Masse, die Regimenter Ciudad-Real und Ceuta, kämpfte brav. Sie gelangte auch dieses Mal bis auf die Trümmer — der Kugelregen trieb sie wieder und wieder zurück, bis endlich Muthlosigkeit die Schaar ergriff, da sie ihre Chefs und die besten Officiere fallen sahen. In wilder Verwirrung flohen sie dem verschanzten Lager zu, mit Kraft von den Bataillonen Guiden und Tortosa verfolgt, welche unter des Grafen Negri Führung, durch die Bresche hinabsteigend, auf die Fliehenden sich warfen und ihnen ein leichtes Geschütz abnahmen. Die zur Escalade bestimmten Colonnen hatten nirgends den Fuß der Mauer erreicht.
Nachdem Oráa am 17. wiederum die Stadt mit allen Mörsern und Haubitzen beworfen und dadurch unnütz große Verwüstungen unter den Häusern angerichtet hatte, brannte er während der Nacht alle Masadas der Umgegend nieder und begann am 18. den Rückzug auf Alcañiz, die Unternehmung aufgebend, die er mit so unendlichem Aufwande vorbereitet, deren Erfolg er als unfehlbar verkündet hatte.
Da, wie gesagt, die carlistische Armee ganz von Munition entblößt war — jeder Soldat erhielt am 18. Morgens eilf Patronen von einem gerade angelangten Transport — kehrte Cabrera nach Morella zurück, die weitere Verfolgung oder vielmehr Beobachtung der abziehenden Feinde der Division von Castilien unter Merino überlassend, nachdem er sie am 18. und 19. von Position zu Position, fast immer mit dem Bajonnett, gedrängt und einige hundert Gefangene ihnen abgenommen hatte. Den Truppen war auch nicht eine Patrone geblieben. Eben dieser empfindliche Mangel, durch den Cabrera verhindert wurde, den errungenen Vortheil bis zur Vernichtung des christinoschen Heeres zu verfolgen, war auch die Ursache, daß der General während der letzten Tage der Belagerung mit den Divisionen eine ganz secundäre Rolle spielte und besonders während der Stürme, bei denen energisches Handeln von außen her entscheidend sein konnte, als nur passiver Zuschauer dastand. Wie oft dankten die Feinde des Königs ihre Siege oder ihre Rettung dem ungeheuren Mißverhältnisse zwischen den materiellen Mitteln der kämpfenden Heere!
Dennoch waren die Folgen des mißlungenen Unternehmens gegen Morella unberechenbar. Die feindliche Armee hatte in den tausendfachen Kämpfen und Strapatzen der letzten vier Wochen einen Verlust von 7000 bis 8000 Mann, einem Drittel ihrer ursprünglichen Stärke, gehabt, von denen über 5000 auf dem Kampfplatze oder in den Hospitälern in Folge der Verwundung durch bronzene Kugeln starben.