Doch er durchzog ruhig die ganze reiche Provinz, erhob überall Contributionen und häufte große Vorräthe von Lebensmitteln und Kriegsbedarf an; er überschritt den Guadalaviar, vereinigte sich mit den Bataillonen von Arnau, der mit einigen Truppen von der Division des Ebro von Morella direct nach dem während der Belagerung verlassenen Chelva marschirt war, passirte dann auch den Xucar und drang im Triumphzuge bis unter die Mauern von Alicante und in die Umgegend von Murcia. Mit sechshundert requirirten Pferden, einigen hundert Rekruten und einem ungeheuren Convoy richtete er sich wieder gen Norden. Und auf dem ganzen stolzen Zuge hatte jeder Freiwillige nur zwei Patronen!
Während San Miguel die Artillerie nach Alcañiz escortirte, hatte sich Borso rasch auf Valencia, Oráa nach Teruel gewendet, von wo dieser auf die Nachricht von dem Zuge Cabrera’s gleichfalls nach dem Königreiche Valencia hinabstieg, um in Vereinigung mit Borso den Carlisten den Rückweg abzuschneiden. Er stellte sich deshalb in Jerica auf, während Borso mit seiner Division das nur drei Stunden entfernte Segorve inne hielt. Cabrera aber, dessen Truppen fortwährend ganz ohne Munition waren, führte mittelst eines kühnen Manövres den ganzen unermeßlichen Convoy mitten durch die feindlichen Divisionen hin, welche in die von ihnen besetzten Städte sich einschlossen und die wehrlose, durch Tausende von Maulthieren und beladenen Karren zu viele Stunden langem Zuge verlängerte Colonne unangefochten passiren ließen.
Bei dem Zustande gänzlicher Entmuthigung, in dem ihre Truppen sich noch befanden, wagte keiner der beiden Generale den Angriff, bei dem er der Mitwirkung seines Gefährten nicht gewiß war. Nur Generalmajor Valdés beunruhigte die Arrieregarde und nahm ihr einige Karren ab, die aber durch einen raschen Angriff der nächsten Compagnien wieder gewonnen wurden. So gelangte Cabrera mit der ganzen herrlichen Beute ohne Verlust nach Onda am Mijares, wo er durch die von Cantavieja’s Fabriken erhaltenen Sendungen die Divisionen wieder mit Munition versehen konnte.
General Oráa, von dem man sicher erwartet hatte, daß er nun den gehaßten Chef vernichten oder wenigstens den Convoy ihm abnehmen werde, verlor bald das Commando, da er wieder ihn hatte entschlüpfen lassen. An seine Stelle trat der General Don Antonio van Hahlen, Bruder des Generals, der einst in den belgischen Unruhen eine bedeutende Rolle spielte. Sogleich nach dem Rückzuge von Morella war der Kriegsminister General Latre selbst zur Armee gekommen, um sie zu inspiciren und die Ursachen jener Niederlage zu erforschen.
Cabrera wandte sich sofort nach Unter-Catalonien, überschritt bei Mora den Ebro, zog einige Geschütze aus Miravet, einem alten, sehr starken maurischen Castell auf dem südlichen Ufer jenes Flusses, welches er sorgfältig hatte herstellen lassen, und griff die beiden feindlichen Forts von Falset und Belmunt an, deren ausgedehnte Bleiminen wegen des drückenden Mangels an diesem Metalle von hoher Wichtigkeit wurden. Oráa schon in der letzten Zeit seines Heerbefehls zog sich auf der großen Straße längs der Küste des Meeres bis Tortosa; vor seiner Ankunft hatte jedoch Cabrera das eine der belagerten Forts genommen, da die Besatzung während der Nacht entfloh, und war auf das rechte Ufer des Ebro zurückgekehrt, nachdem er den vorgefundenen Vorrath an Blei und seine Artillerie nach Miravet gesendet hatte.
Ein Ereigniß verdient erwähnt zu werden, welches, ein trauriges Erzeugniß des mit Wildheit des Characters gepaarten, glühenden Partheihasses, das Grauen selbst der an die blutigen Scenen des Bürgerkrieges gewöhnten Krieger erregte. Unter der Besatzung von Falset befand sich ein junger Catalan, dessen beide Brüder in der Division vom Ebro für die carlistische Sache kämpften. Sie forderten, da Falset belagert wurde, den Bruder auf, mit ihnen zur Vertheidigung seines legitimen Königs sich zu vereinigen; er aber erwiederte von der Mauer herab lästernd und mit Hohn, daß sie selbst aus dem Fort ihn holen möchten; dann erst würde er ihnen folgen. Wenige Tage nachher räumte die Besatzung das Fort und zerstreute sich lebhaft verfolgt, worauf jener Catalan, da er sich auf dem Punkt sah, gefangen zu werden, für Überläufer sich erklärte. Kaum umringt traf er auf seine Brüder und eilte zu ihnen, Schutz hoffend. Und die Beiden, wie sie den Kommenden erblickten, erhoben ihre Gewehre und streckten ihn todt zu ihren Füßen, ihm zurufend: „Du bist nicht würdig, unser Bruder zu heißen!“
Bei einer andern Gelegenheit sah ich auf unsern Vorposten einen Freiwilligen, schon bejahrt, dessen Sohn, kaum zweihundert Schritt entfernt, einer Feldwache des Feindes angehörte. Beide riefen sich zu, da sie bei den unter den Posten nicht ungewöhnlichen Gesprächen sich erkannt, und forderten wechselseitig sich auf, nicht länger für Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu kämpfen, vielmehr sofort der gerechten Sache sich zu weihen. Da solche Überredung Nichts fruchtete und endlich in Gezänk und Schimpfen ausartete, griffen sie fluchend zu den Waffen, und Vater und Sohn sendeten sich Kugeln zu. Sie trafen sich nicht.
Als Cabrera nördlich vom Ebro mit der Einnahme von Falset beschäftigt war, manövrirte General Pardiñas von Alcañiz aus, um die Verbindung mit Morella ihm abzuschneiden. Cabrera, auf das südliche Ufer zurückgekehrt, wandte sich gegen ihn, und nachdem die beiden Generale, einige Tage lang in unmittelbarer Nähe sich beobachtend, umsonst günstige Gelegenheit zum Schlagen erspähet hatten, zog sich Pardiñas in den letzten Tagen des Septembers nach Maella am Nonaspe zurück, während Cabrera das wenige Stunden entfernte Favara besetzte.
Pardiñas, den wir früher in seinen Siegen kennen lernten, war einer der ausgezeichnetsten Generale Christina’s, wie Cabrera jung, entschlossen, brav und thatendurstig; er hatte durch die Vernichtung der Corps von Don Basilio und Tallada seinen Ruf begründet und sprach laut den Wunsch aus, mit seinen siegreichen Truppen auf des gefürchteten Häuptlings Schaaren zu treffen, um den Übermuth desselben blutig niederzuschlagen. Die Division, welche er in Maella commandirte, bestand aus fünf erprobten Bataillonen und drei Escadronen, denselben, die er bei der Verfolgung jener Generale angeführt hatte, und so eben neu ergänzt, so daß sie 4700 Mann Infanterie und 450 Pferde enthielten. Cabrera hatte die fünf Bataillone der Division vom Ebro und zwei Bataillone von Aragon bei sich, etwa 4100 Mann; seine Cavallerie aber war über 700 Pferde stark.