Von Sachsen aus sind es Dresden, Leipzig und näher Zwickau, Chemnitz und Freiberg, von Baiern aus Baireuth und Hof. Im Süden aber liegen die viel besuchten Badeorte Franzensbad, Marienbad, Karlsbad, Teplitz, dann die Städte Eger, Falkenau, Kaaden, Komotau, Görkau, Brüx, Dux, Oberleutensdorf, Bilin, Leitmeritz, Lobositz, Aussig, Tetschen, wo jeder Spaziergang die Berge in einer solchen Nähe zeigt, dass sie in wenig Stunden nicht nur erreicht sondern selbst auch erstiegen werden können. Der Zugang bietet nirgends Gefahren und besondere Beschwerden. Die genannten Ausgangsorte unserer Heimat sind mit der Landeshauptstadt durch drei Hauptbahnen verbunden, was die Bereisung der Gebirge dem Touristen aus dem Innern des Landes ungemein erleichtert. Im Waggon wird er rasch emporgezogen, und jede Wendung auf den zahlreichen Krümmungen der Bahn bietet dem Auge eine neue überraschende Aussicht nach den sich erweiternden Gegenden. Auch im Wagen auf den gut gepflegten Strassen, welche hier in einem Thale neben dem rauschenden Forellenbach, dort an einem Thalgelände in Schlangenwindungen sich hinzieht, kann sich der Besucher dem rasch wechselnden Ausblick über ferne Gegenden, dort über nahe grüne Wälder, üppige Blumenwiesen und freundliche Ortschaften hingeben. Der Fusswanderer braucht vom Fusse des Gebirges bis zum Kamme nirgends mehr als zwei oder drei Stunden und wird dabei immer mehrere Ortschaften, Dörfer oder Städtchen finden, wo er rasten kann. Auf der Höhe des Gebirges angekommen, wandelt er meistens zwischen den wohlriechenden Kräutern und Blumen der Grasfluren. Ueberall erquickt ihn das dem Auge wohlthuende Grün in der Abwechslung der helleren Farbe der Haferäcker und Grasfelder und der dunkleren Farbe der Gebüsche und der Fichtenwälder. Von allen Seiten kommt ihm entgegen der Wohlgeruch von duftenden Kräutern, wie Quendl und Thymian, von wohlriechenden Blumen, wie Maiglöckchen, und von harztriefenden Fichten und Tannen, welche die reine Gebirgsluft so stark würzen, dass wir tief athmend die Lungen wie durstige Trinker anfüllen, von der Natur getrieben, die uns anreizt, hier unser Blut zu erfrischen. Auf den Bergen oben athmet es sich leicht und athmet es sich wohl!
Wenn wir noch erwägen, dass das böhmische Erz- und Mittelgebirge hunderte der schönsten Aussichtspunkte besitzt, wie sie kein zweites Gebirge von gleicher Höhe und Dimension aufzuweisen vermag; wenn wir erwägen, dass es auch reich an Naturerscheinungen ist, dass es von der Sage geheiligt, von der Geschichte verherrlicht und von der Dichtung verklärt ist: so erscheint unsere Einladung zum Besuche unserer schönen und anziehenden Gebirge vollkommen begründet, und wir geben der Hoffnung Raum, dass sie bald ebenso beliebt sein und in jedem Sommer ebenso viele Besucher anziehen werden, wie beispielsweise der Harz und der Schwarzwald.
Um diesen hochwichtigen und patriotischen Zweck zu erreichen, stellte der grosse, hochansehnliche Erzgebirgsfreund Herr Richard Ritter von Dotzauer in der am 4. Juli 1880 in der Sitzung des Central-Comités zur Beförderung der Erwerbsthätigkeit der böhmischen Erz- und Riesengebirgsbewohner in Prag folgenden, auf die Belebung des Touristenverkehrs im böhmischen Erzgebirge bezüglichen Antrag:
»Wenn man das Wesen unserer verschiedenen Alpen-Vereine betrachtet, so muss wohl die oberflächliche, vulgäre Anschauung – und ich muss gestehen, dass ich mich derselben in diesem Punkte früher ebenfalls zuneigte – dahin gehen, dass diesen Vereinen in praktischer Hinsicht keine allzugrosse Bedeutung beizumessen sei. Als ich indessen in den letzten Jahren unsere österreichischen Alpenländer besuchte, da kam ich zu einer anderen Ueberzeugung. Ich fand, dass diese Vereine in ihrem Wirken sehr bemerkenswerthe praktische Erfolge erzielen; mit ihren Unternehmungen und ihren Publikationen tragen sie bei, die Alpengebiete immer weiter und weiter zu erschliessen, sie ziehen die Reisenden heran, sie beleben die Eisenbahnen, sie beleben die Gasthäuser, sie beleben selbst kleine Industrien. Speciell die prager Section des deutschen und österreichischen Alpen-Vereins hat in dieser Richtung sehr erspriesslich gewirkt. Herr Stüdl geniesst in diesen Gegenden, ich habe mich davon überzeugt, ein hohes Ansehen, eine seltene Verehrung, und wenn man als Mitglied des hiesigen Alpenvereins in eine solche Gegend kommt, wird man mit besonderer Aufmerksamkeit und Rücksicht behandelt; ebenso gewähren die Eisenbahnen den Mitgliedern des Vereins ansehnliche Fahrpreis-Ermässigungen. Unser Erzgebirge hat nun wahrlich auch seine Naturschönheiten; aber das Bild, das man in weiteren Kreisen vom Erzgebirge erhält, ist kein rosiges, kein anziehendes – es ist erfüllt von Elend, von Sorge und Noth, es wird daher selten aufgesucht und insbesondere von Wohlhabenden gemieden – und so erklärt es sich, dass man unser Erzgebirge und die guten Eigenschaften seiner Bevölkerung nicht kennt. Es drängt sich mir da die Frage auf, ob wir nicht an den Alpenverein herantreten sollen, mit der Bitte, es möge das Erzgebirge in den Rahmen seines Wirkens einbeziehen und in geeigneter Weise durch Anlage neuer Wege, Förderung des Führer- und Fahrtax-Wesens, Erhaltung und Errichtung von Denkmälern und Aussichtspunkten etc. dazu beitragen, dass das düstere Bild, das in der allgemeinen Vorstellung vom Erzgebirge besteht, sich in schönerer, wahrerer Beleuchtung zeige. Ein Strom von Tausenden Touristen könnte hiedurch belebend und befruchtend in diese Gebiete geleitet werden, zumal die Kurorte – Franzensbad, Marienbad, Karlsbad und Teplitz – ganz entsprechende Ausgangspunkte hiefür bieten. Mancher von den Fremden könnte da wohl auch aus der Berührung mit den ehrlichen, guten Leuten im Gebirge die Anregung zu industriellen Niederlassungen etc. empfangen. Und von den Einheimischen dürfte Vielen – auch mit Rücksicht auf die Fahrpreis-Ermässigungen, um die das Central-Comité und der Alpenverein für die betreffenden Touristen bei der Buschtěhrader Bahn ansuchen würden, die Gelegenheit, in kurzer Zeit und mit geringen Auslagen einen lohnenden Ausflug auf interessante Höhen, in schöne Waldungen zu unternehmen, sehr willkommen sein.«
Dieser Antrag, welcher noch dahin ergänzt wurde, dass auch das Riesengebirge in's Auge gefasst werden möge, fand lebhaften Anklang und einmüthige Zustimmung. Die Folge davon war der Beschluss, einen Wegweiser durch das böhmische Erzgebirge herauszugeben. Mit dieser Aufgabe wurde der Unterzeichnete betraut; derselbe entschloss sich aber, auch das höchst interessante Mittelgebirge und die angrenzenden Gebiete, insbesondere unter Hinweisung auf die Anschlüsse nach Sachsen in den Kreis der Bearbeitung zu ziehen.
Die Aufgabe war sehr schwierig; allein guter Wille und ausdauernder Fleiss halfen über alle Schwierigkeiten hinweg. Nach halbjähriger Arbeit war das schon in früheren Jahren gesammelte Material unter Mithilfe tüchtiger Mitarbeiter geordnet. Als solche werden genannt: die Herren Gust. Schwab, Bergwerksbesitzer, Kaeller, Schuldirektor, beide in Falkenau; Ed. Wenisch, Bürgerschullehrer in Joachimsthal; Oberlehrer Strohschneider in Sonnenberg; Oberlehrer W. Grossmann in Krima; Oberlehrer J. Hofmann in Katharinaberg; P. Forst, Kaplan, Gymnasial-Professor Rebhann, beide in Brüx; A. Weitzdörfer, Schuldirektor in Oberleutensdorf; E. Hochreiter, Gym.-Direktor in Teplitz; Jul. Gierschick, Redakteur in Leitmeritz und Jos. Werner, Fachlehrer in Komotau.
Allen diesen Herren statten wir für die mannhafte Unterstützung den besten, den innigsten Dank ab.
An einem vollständigen Führer durch das böhmische Erz- und Mittelgebirge hat es bis jetzt ganz gefehlt; deshalb treten wir mit einem solchen vertrauensvoll und in der Hoffnung vor die Oeffentlichkeit, dass er sich bei allen Freunden und Freundinnen unserer Gebirge guter Aufnahme und wohlwollender Beurtheilung erfreuen möge. Gleichzeitig richten wir an alle P. T. Leser und Leserinnen desselben die Bitte, uns auf etwaige Unrichtigkeiten und Lücken aufmerksam zu machen, damit wir sie in einer zweiten Auflage verbessern, beziehungsweise ausfüllen.
BRÜX.
August Weymann.